Selbst & Inszenierung
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Durchschnittlich sein

Wenn ich morgens aufstehe, bin ich meist ausgeschlafen. Das liegt wahrscheinlich daran, dass ich, wie der*die Durchschnittsbürger*in , 8,29 Stunden Schlaf bekomme. Ich putze mir dann durchschnittlich lang die Zähne (3-4 Minuten), frühstücke eine durchschnittliche Portion Haferflocken mit Obst. In der Uni bin ich eine durchschnittliche Studentin mit durchschnittlichen Leistungen. Ich denke, ich bin wahrscheinlich ‘ne ganz Nette mit der man mal ein Pläuschchen hält, aber keine sonderlich Beliebte – Durchschnitt eben. Wenn ich von der Uni komme, kaufe ich eine durchschnittliche Menge Obst & Gemüse, koche irgendwas zu Abend, was durchschnittlich gut schmeckt und gehe zu einer durchschnittlichen Zeit ins Bett.

Ist das schlecht?
Und was sagt das über mich?

Der Duden erklärt das Wort „Durchschnitt“ als „aus mehreren vergleichbaren Größen errechneter Mittelwert in Bezug auf Quantität oder Qualität“, als Mittelmaß oder Querschnitt . Und während ich das lese, habe ich schon das Gefühl, dass mein Mopf diese Begriffe irgendwie negativ konnotiert. Mittelmaß: Nichts besonderes, aber auch nichts schlechtes. Irgendwie ganz okay, aber irgendwie auch nicht befriedigend. In der Menge mitschwimmen, aber nicht herausstechen.

In letzter Zeit haben wir von Lesern oder Zuschauern häufiger Sätze wie: „Ich wünschte, ich wäre auch so wie ihr, aber ich bin irgendwie nur so’n Durchschnittsmensch“ oder „Was ist, wenn ich realisiere, dass ich doch nur der Durchschnitt bin?“ erhalten. Und die haben mich erstaunt, fassungslos und traurig gemacht. Ich habe angefangen, zu überlegen, warum wir den Durchschnitt so schlimm finden. Warum wir alles wollen, nur bloß nicht Mittelmaß zu sein.

In der Schule war ich eine sehr durchschnittliche Schülerin, habe Leistungen im Normalbereich erbracht, mir nicht besonders viel Mühe gegeben, mich aber auch nicht besonders angestrengt. Es war zwar okay für mich, „irgendwie mittelmäßig“ zu sein, aber trotzdem war da immer auch ein bitterer Beigeschmack, wenn Freunde von mir irgendwelche Preise gewonnen oder gute Noten abgesahnt haben. Automatisch habe ich mich dann selbst, aufgrund meiner Leistungen im Vergleich zu ihren, degradiert. Auf eine niedrigere Stufe gestellt, hochgeschaut und gedacht – Ach, da kommst du doch niemals hin. 

Ich habe ein für die Verhältnisse meines Jahrgangs durchschnittliches, für mich aber gutes Abitur gemacht weil ich mich auf meine eigenen Leistungen konzentriert habe anstatt immer nach oben (oder unten) zu schauen um zu sehen was die anderen machen. Doch um Schulleistungen soll’s hier gar nicht vorrangig gehen.

Es geht um dieses Gefühl, das uns beschleicht, wenn wir eine Person sehen, die so viel schafft und so viel erreicht, dabei noch jeden Tag gut aussieht, sich gesund ernährt und dauernd grinst. Wenn wir in der Schule oder Uni sitzen und unsere Klausur zurückbekommen, die zwar nicht schlecht ist, aber auch nichts besonderes und uns dann noch anhören müssen, wie andere aus dem Kurs gelobt werden. 

Wenn wir Körper, Noten, Bewertungen, Abläufe und Zahlen sehen, tendieren wir dazu, an uns selbst herunterzuschauen: Und du so? 

Aber woher kommt es, dass wir eigentlich so gern nicht dem Durchschnitt entsprechen würden, obwohl der doch meistens auch ganz gut ist? Was ist am Mittelmäßig-sein so falsch?

Wenn wir uns ganz genau umschauen, können wir eigentlich mit ziemlicher Sicherheit sagen: Die meisten Leute sind durchschnittlich. Alle schwimmen zusammen in diesem Strom von Alltag, Langeweile und Verpflichtungen. Die Menschen, an denen wir unseren eigenen Durchschnitt messen, sind dann ein paar vereinzelte, die herausstechen. Der ganze Rest entspricht einem Mittelmaß. Diesem nicht zu entsprechen rührt von dem Wunsch, irgendwie “besonders” sein zu wollen und irgendwas zu können, was nicht alle können.
Aber was ist “besonders” in deinen Augen? Warum sollst du das, was du als “besonders” bezeichnest, im Vergleich zu den anderen nicht können?

Woran messen wir das Mittelmaß? An gesellschaftlichen Normen, die uns so vorgelebt wurden? An persönlich gesetzten Zielen und Bildern, die wir vielleicht durch Social Media als gut, richtig oder schön vermittelt bekommen haben?

Das Mittelmaß hat eigentlich keine allgemeingültige Definition und jede*r legt den Durchschnitt anders aus und für sich fest. Das ist allein schon deswegen interessant, weil wir ja dann vielleicht in den Augen anderer Personen ganz und gar nicht dem Durchschnitt entsprechen?

Vielleicht sind diese Worte auch eine kleine Ode an den Durchschnitt und eine Aufforderung, ihn nicht so negativ zu betrachten. Denn so negativ ist er ja auch gar nicht. Ich glaube, es ist wichtig, nicht an diesem Durchschnitts-Label festzukleben und sich deshalb die eigenen Möglichkeiten zu verbauen. Du kannst genauso viel schaffen wie all diese Menschen, die deiner Meinung nach nicht dem Durchschnitt entsprechen, wenn du es zulässt und dir den Raum dafür gibst (und den verdienst du!). Gleichzeitig ist es auch wichtig, dich nicht mit unerreichbaren Idealen zu vergleichen und deinen Durchschnitt an ihnen zu messen. Hier sind Gelassenheit & Selbstvertrauen das Stichwort.

Wahrscheinlich sind 3-4 Minuten der ideale Zeitraum, um sich die Zähne zu putzen. Wahrscheinlich sind wir wach und voller Tatendrang weil es eben gut ist, eine durchschnittliche Portion Schlaf in der Nacht zu bekommen. Mit durchschnittlichen Leistungen in Schule und Uni kommen wir auch weiter und oft ist es sogar egal, ob wir besonders gut waren.

Wichtig ist es, die eigene Definition von Mittelmaß zu überdenken, sich nicht zu degradieren, sondern diese Definition eigenen Wünschen, Bedürfnissen und Zielen anzupassen. Und außerdem bin ich ziemlich sicher, dass da irgendwo Menschen sind, für die du ganz sicher nicht zum Durchschnitt zählst.

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Worte + Collagen von Imina.
Mit Bildern aus der NEON (u.a. Boubacar Aziz Dembèlè) und aus “USA – der Südwesten”, herausgegeben von APA Publications (1993).

Quellen: X X

3 Kommentare

  1. Romina sagt

    Beitrag kam zur richtigen Zeit, da ich mir darüber auch gerade vlele Gedanken mache. Kann mich sehr gut darin wiederfinden.

    Danke für diesen tollen Beitrag!

    Viele Grüße

  2. Richtig schöner Post!
    Habe mir selber auch schon viele Gedanken zu dem Thema gemacht. Ich habe durchschnittlich oft mit langweilig oder uninteressant gleichsetzt und mich dadurch unsicher gefühlt.
    Was mir dabei hilft: auf mich selbst zu horchen und weniger nach links und rechts schauen. So lange man glücklich und erfüllt ist, ist doch alles wunderbar. Durchschnitt hin oder her 🙂

    Grüße Kim

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