Gastgedanken, Liebe & Triebe
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Müssen wir uns wirklich nicht mehr outen?

Ich sitze in meinem Bett, es ist zwei Uhr nachts und ich versuche eine Pro- und Contra-Liste zu schreiben, nachdem ich 3 Stunden lang Selbsttests im Internet gemacht habe.

Bin ich lesbisch? Oder doch heterosexuell? Ich habe keine Ahnung.

Seit dem mir das erste Mal mit 11 der Gedanke gekommen ist, dass ich vielleicht Frauen gut finden könnte, habe ich mich viel entwickelt und vor allem pures Gefühlschaos durchlebt. Mädchen, Jungs, Junge und Mädchen, Mädchen und Junge, Mädchen mit Mädchen und Junge mit Junge. Ich habe mich dafür geschämt, war mir unsicher, war mir sicher, hab geweint, wollte mich verstecken, mit Leuten darüber reden.

„Hey, vielleicht finde ich auch Mädchen gut.”
„Ach, wenn dann, dann stehe ich ja auf Mädchen. Ärsche sind toll.“
„Aber ich meine, vielleicht bin ich lesbisch.“
„Das ist normal, geht aber auch wieder weg.“

Also gut, vielleicht bin ich lesbisch oder doch bi oder am Besten verdränge ich das Ganze einfach. Kann das nämlich gerade echt nicht gebrauchen. Ich will doch so gerne normal sein und dazu gehören.

Bis ich 10 Jahre alt war wusste ich nicht, dass es etwas anderes als Heterosexualität gibt. Ich wusste auch nicht, dass es sowas wie Homosexualität gibt. Für mich war klar es gibt Liebe nur zwischen Mann und Frau, wieso also es benennen, wenn es doch eh nur diese eine Form von Liebe gibt?
Das finde ich ziemlich erschreckend. Ich habe immer viel gelesen, mich hat der Sexualunterricht in der Schule interessiert aber nirgendwo wurde mir gesagt, oder auch nur erwähnt, dass Liebe mehr sein kann als nur zwischen Mann und Frau und dass es normal ist, dass sich auch zwei Frauen oder zwei Männer lieben können. In den ersten 10 Jahren meines Lebens habe ich nie die Begriffe Homosexualität oder Heterosexualität gehört. Erfahren habe ich es erst, als mir bewusst wurde, dass eine Person in meiner Familie schwul ist.

Mir ist bewusst, dass es heute nochmal anders ist. Durchs Internet bekommen Kinder viel früher mit, dass es mehr gibt als  nur Liebe zwischen Mann und Frau, aber immer noch Fehlanzeige von Aufklärung in Kinderfilmen, Kinderbüchern oder in der Grundschule, wo man es spielerisch endlich als normal betiteln könnte.

Natürlich hat es mich als elfjährige nervös gemacht, dass ich auch Mädchen gut finden könnte. Etwas, dass mir so fremd ist und immer als unnatürlich erklärt wurde, weil darüber nie geredet wurde und mir so lange nicht bewusst war, dass es das gibt. Wie also soll ich mir diese Gefühle erklären und erst recht diese akzeptieren? Ich konnte mich nicht wiederfinden in unserer Gesellschaft, in einer Zeit, wo sich pubertäre Kinder doch eh schon fremd fühlen.

Fünf Jahre später setze ich mich dann eines Abends hin und beschließe: Heute muss ich mich labeln, damit ich mich endlich outen kann und mich nicht mehr verstecken muss. Aber als was überhaupt?

Mich erwarten also eine Menge Selbsttests, eine Pro- und Kontra-Liste, Schokolade und am Ende ein weinendes, total aufgelöstes Ich. Ich weiß nicht, wen oder was ich liebe und ich weiß nicht was ich will und wer ich bin. Bin ich also komisch? Ist etwas falsch mit mir? Wieso kann ich nicht so sein wie die anderen?

Alle Leute reden immer davon, dass sie finden, dass man sich nicht mehr outen muss. Aber wie soll ich mich denn nicht outen, wenn ich mich erklären muss? Wenn ich erklären muss, wer ich bin und was ich liebe, wenn ich dann eben mal anmerke, dass ich gerade einen weiblichen Crush habe.

Ich weiß inzwischen, dass ich mich nicht labeln muss. Ich bin jung und ich bin frei, wieso mir selber Grenzen setzen? Aber ich weiß auch, dass ich mich noch vor ganz vielen Leuten rechtfertigen muss, wenn ich offen damit umgehen will, dass ich vielleicht sowohl Frau als auch Mann toll finde. 

Deswegen wünsche ich mir, dass von Anfang an auch andere Sexualitäten mit einbezogen werden in unsere Beziehung. Dass ich meinen zukünftigen Kindern mal ein Kinderbuch vorlesen kann, wo zwei Frauen (ganz selbstverständlich und nicht thematisierend) Kinder miteinander haben. Damit Leute sich keine Gedanken mehr um ihre Sexualität machen müssen und verzweifelt Selbsttests machen. Damit irgendwann ein Outing wirklich nicht mehr notwendig ist, weil wir nicht mehr von Sexualität, sondern von Liebe und Lust am Sex sprechen können.

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Emma ist ein 16 Jahre altes, junges Mädchen und hat viele große und kleine Gedanken. Außerdem isst sie gerne, liest, schreibt, philosophiert und schaut leidenschaftlich gerne Serien bis spät in die Nacht hinein.

Collage von Imina mit Bildern aus der Neon (Ramon Haindl) und aus “USA – der Südwesten” herausgegeben von APA Publications (1993).

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