Du & Ich
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Wenn die Eltern altern

Nora

Meine Eltern sind schon über 25 Jahre verheiratet. Sie haben alles miteinander er- und durchlebt. Sind durch Dick und Dünn gegangen. Meine Eltern haben die Hälfte ihres Lebens bereits hinter sich. Sie werden nicht mehr genau so viele Jahre leben, wie sie es schon getan haben. Das erfüllt mich mit einem Gefühl, was ich gar nicht richtig beschreiben kann, aber es ist kein schönes Gefühl.

Kann es überhaupt ein Leben ohne meine Eltern geben? Oder zuerst: ein Leben, in dem meine Eltern nicht mehr den Garten pflegen können? Sich Essen kochen können? Allein aufs Klo gehen können? Ich möchte nicht daran denken, dass es ihnen irgendwann nicht mehr so gut gehen könnte – vor allem gesundheitlich – wie jetzt.

Ich habe sie immer für den Fels in der Brandung angesehen. Für die Menschen, die da immer im Hintergrund sein werden. Aber ich merke mehr und mehr: darauf kann ich mich nicht mehr ausruhen.

Und sie – ich darf sie nicht so an mir vorbeileben lassen. Sollte mehr in sie investieren, mehr tun. Aber vor allem: mehr genießen. Denn ich habe erst bemerkt, dass sie und ihr Leben endlich sind, als das Ende schon – wenn auch noch in weiter Ferne – sichtbar wurde.

Luka

Seitdem ich von Zuhause ausgezogen und meine Eltern über einen längeren Zeitraum nicht gesehen habe, ist es mir das erste Mal aufgefallen. Meine Eltern werden alt. Noch nicht so richtig alt, aber älter, irgendwie. Was die ganze Zeit über schleichend passiert ist, fällt mir nun viel bewusster auf. Als ich neulich mal wieder nach Hause kam, drehte sich unser Gespräch relativ schnell um den letzten Arztbesuch und den Sportrehakurs am Samstag Morgen. 

Und ehrlich gesagt bin ich etwas überfordert mit der Situation, weil das alles so plötzlich passiert. Ich weiß nicht, wie ich damit umgehen soll. Ich war doch gerade noch in der Schule, meine Eltern haben mich von meiner ersten Party abgeholt, haben mir zugehört, als ich Streit mit einer Freundin hatte. Ich kann mich nur schwer mit dem Gedanken anfreunden, dass meine Eltern nicht für immer so sein werden, wie sie mal waren. Auch wenn ich mir früher so sehr gewünscht habe, unabhängiger und erwachsener zu sein, fällt es mir jetzt doch sehr schwer es wahr zu haben.

Es fühlt sich ein wenig so an, als würden sich ganz langsam die Rollen tauschen. Denn meine Eltern brauchen jetzt immer öfter auch meine Hilfe und reden mit mir über ihre Probleme. Das ist der Lauf des Lebens. Alle Menschen werden älter, nur fällt es mir eben schwer meine Eltern schwächer werden zu sehen. 

Das Wichtigste ist jedoch, dass sich im Grunde eben doch nicht ändern wird zwischen meinen Eltern und mir. Sie werden mir immer noch zu hören, mich unterstützen und mir helfen, wenn ich sie brauche. Sie werden immer meine Stütze bleiben, nur ich vielleicht auch irgendwann ihre.

Und das ist ziemlich schön.

Imina

Erst vor kurzem hatte ich die Realisation, dass ich meinen Vater nie altern sehen werde. Ich werde nicht sehen, wie er gebrechlich wird, wie er schlechter laufen kann oder mit Krankheiten zu kämpfen hat. Auch kann ich mir immer noch nicht vorstellen, dass mein starker Vater einfach so umfällt und nicht wieder aufsteht. Dann wurden mein Bruder und ich einfach so ins kalte Wasser geworfen: Wir haben Aufgaben übernommen, die früher für uns erledigt wurden. Wir haben angefangen, uns umzusehen und für die Leute da zu sein, für die unser Vater da war.

In meiner Erinnerung und in meinem zukünftigen Leben wird mein Vater immer 57 bleiben. Er wird niemals älter sein. Auf der einen Seite ist dieser Gedanke angsteinflößend, weil ich daran denke, dass ich (wenn alles gut läuft) irgendwann mal älter sein werde als mein Papa es geworden ist. Aber auf der anderen Seite werde ich ihn immer so stark, wie er war, in Erinnerung haben. Aus seinen besten Jahren gegriffen sozusagen, und diese werden das sein, woran ich mich mein Leben lang erinnern werde. Und trotzdem es zu früh und schrecklich war, ist mir das irgendwie ein Trost.

Ich glaube, wir können uns einfach nicht vorstellen, dass unsere Eltern, die eigentlich unsere Stütze sind und uns stärken, irgendwann unsere Hilfe brauchen. Bis es irgendwann passiert. Und in dem Moment merken wir dann, dass wir selbst eigentlich erwachsen sind (oder werden). 

Die Bilder und die Bearbeitung sind von Luka.

2 Kommentare

  1. Marie sagt

    Hallo ihr drei!
    Ich finde eure Artikel wirklich bereichernd. Ihr schafft es, Gedanken und Gefühle in einer Weise zu beschreiben, wie ich sie nie zu fassen bekommen würde. Was ich so an Tier in dir mag, ist dass ihr über Dinge schreibt, bei denen man erst während dem Lesen merkt, dass sie einen unterbewusst beschäftigen. Und das beste: ihr schreibt total individuell und auch bei den Bildern sieht man wie durchdacht und kreativ das alles ist. Euer Magazin ist kein Abklatsch von etwas, sondern etwas komplett einzigartiges. Eure Artikel regen mich sehr zum Nachdenken an. Und dafür wollte ich Danke sagen.
    Liebe Grüße, Marie
    PS: das passt jetzt nicht zu dem obigen Artikel aber: Mir ist vor allem der Artikel über Klokabinen im Gedächtnis geblieben. Ich kenne das Gefühl froh darüber zu sein für ein paar Minuten einen Rückzugsort zu haben und sich kurz zu sammeln. Für mich wäre so ein Ort auch z.B. eine Umkleidekabine oder ein Fahrstuhl.

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