Liebe & Triebe
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Tinder, Casual Sex & die echte Liebe

Vor einigen Tagen bekam ich die Frage „Hast du Tinder?“ von niemand geringerem als meinem Vater gestellt. Als ich leise bejahte, schickte er mir direkt einen in furchtbarer Qualität abfotografierten Artikel aus irgendeinem Magazin, welches vermutlich am Flughafen oder in der Bahn kostenlos herumlag, mit den Worten „Lies doch mal“.

Anhand des Titels „Wie wir vor lauter Casual Sex die echte Liebe verlernen“, konnte ich schon vermuten was auf mich zu kam, aber – na gut, seinen Wunsch wollte ich ihm trotzdem erfüllen. Mit der Einstellung, irgendein schlecht bezahlter Ü50-Journalist, der gerade eine weitere
Ehekrise durchlebt und den Text in Wut auf die heutige unabhängige Jugend zusammengeschustert hatte, habe ich also angefangen, zu lesen.
Relativ schnell musste ich dann doch stocken: Fragen wie „Macht eine monogame Liebe in diesen unsteten Zeiten noch Sinn?“ oder „Mein wievieltes Tinder-Date war das eigentlich diese Woche?“ wurden aufgeworfen.
Leugnen, dass ich mir beide Fragen bereits das ein oder andere Mal, wenn auch mit unterschiedlicher Gewichtung, gestellt habe, werde ich nicht.

Der Artikel wurde fortgesetzt, indem gemutmaßt wird, dass heutzutage zu viel nach- und überdacht wird, statt (potentiellen) Gefühlen freien zu Lauf lassen. Und wieder kann ich nicht leugnen, dass auch das auf mich zutrifft.

Wie oft lernen wir jemanden kennen, mit dem es „eigentlich passt“ und es „grundsätzlich nichts auszusetzen“ gibt, aber trotzdem suchen wir so lange nach Gründen, bis wir der Überzeugung sind, wir hätten der Person eine richtige Chance gegeben, dass aber es einfach nicht funktionieren würde? Ich spreche hier nicht davon, etwas zu erzwingen, wo nichts ist (von diesem Typ Mensch gibt es im Übrigen auch genügend), sondern ich meine Ausreden, die wir uns einbläuen, um somit alles Folgende zu vermeiden. Der Begriff fear of commitment wird im Artikel erwähnt: Die Angst davor, sich zu öffnen, verwundbar zu machen, irgendjemandem irgendetwas schuldig zu sein und am allerschlimmsten: einer anderen Person das Gefühl zu geben, dass man sie braucht.

Alleinsein ist eine Komfortzone, aus der ich nur ungern herausbreche. Warum sollte ich auch?
Ich biete mir alles, was ich brauche, kann die Dinge in meinem Tempo
erledigen, tun was auch immer ich möchte und brauche mich vor niemandem zu rechtfertigen, wobei Letzteres eigentlich zu meinen Lieblingstätigkeiten gehört.
Wozu also diese Zone verlassen?
Die Prophezeiung, mit der der Artikel weiterging, dass ich eines Tages alleine mit meiner Sneaker-Sammlung in einer Eigentumswohnung in Charlottenburg sitze, hatte mich dann schon getroffen. Dass ich nicht mein ganzes Leben alleine verbringen möchte, ist nun eigentlich doch klar. Aber ab wann zieht man die Grenze zwischen gewolltem Single sein, weil man sich nicht binden möchte und gezwungenem Single sein, weil man jeden ablehnt?

Raum für Interpretation bleibt zwar, aber zumindest für mich besteht hier kein schwerwiegender Unterschied. Ich wage zu behaupten, dass in vielen der romantische Gedanke schlummert, aus dem Nichts tauche plötzlich die eine richtige Person auf mit der man alle seine bisherigen Grundsätze über Bord wirft und dem ewigen Single Dasein ein Ende bereitet; so ganz ohne Aufwand oder emotionale Arbeit.
Und was wenn nicht?

Soweit schafft es der Gedankengang für gewöhnlich gar nicht, meiner eingeschlossen. Dating.Apps wie Tinder erleichtern uns nicht nur unsere Einsamkeit für ein paar Abendstunden loszuwerden, wenn auch casual Sex kaum ein Gegenmittel ist, sondern verkörpern im selben Zug eigentlich eine viel größere Falle.
Tinder ermöglicht uns das sekundenschnelle Vergleichen hunderter Menschen. Dein Profil gefällt jemandem und jemandes Profil gefällt dir? Top, du hast ein Match. Was dann? Weiter swipen? Auf jeden Fall. Schließlich gibt es sicher jemand noch interessanteren, hübscheren, intellektuelleren, kurzum – jemanden, der uns noch glücklicher machen könnte.

Die Sorge, unser Idealpartner könnte uns durch die Lappen gehen. Doch ständig auf der Suche zu sein, schlägt die Möglichkeit zu finden eben auch aus. Rastlosigkeit zu welchem Preis? Dass man sich hierbei meistens nur noch im Kreis dreht, kommt nicht in den Sinn.
Sich einzugestehen, dass die Liebe nicht aus heiterem Himmel über einen hereinfällt und zudem noch erwidert wird, ist der erste Schritt zu der Erkenntnis, dass wir selber in der Machtposition unseres Schicksals sind. Schutzbehauptungen á la „was Festes kann ich momentan einfach nicht“ gelten nicht mehr und man ist gezwungen den eigenen Standpunkt, vielleicht zum ersten Mal, umzudenken.

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Gastgedanken von Leona. Sie studiert derzeit in Berlin und arbeitet in der Musikindustrie. Und obwohl sie ein Musik-Blog führt, fallen ihr immer mal wieder Themen abseits der Musik in die Hände, von denen sie sich angesprochen fühlt und es nicht lassen kann, ein Wort dazu zu sagen.

Beitragsbild von Imina.

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