Gastgedanken, Körper & Bewusstsein
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Ich habe Angst

Wäre alles planmäßig gelaufen, würde ich jetzt mitten in meinem Auslandsjahr an einer Universität am anderen Ende der Welt stecken.

Nichts lief planmäßig. Von heute auf morgen ging nichts mehr. Zum so und so vielsten Mal, ich hab irgendwann aufgehört zu zählen. Ich bin 27 und habe seit 10 Jahren Angst. Angst das Haus zu verlassen, Straßen zu überqueren, in Menschenmengen, große Plätze zu überqueren, Angst in Ohnmacht zu fallen, die Kontrolle zu verlieren und von anderen verurteilt zu werden. Angst, es nicht hinzubekommen, nicht auszureichen, im Leben, in der Liebe, einfach so im Ichsein.

Den letzten besonders langen und besonders warmen Sommer habe ich in einer Klinik verbracht, zum ersten Mal. Eine tiefenpsychologische Therapie, in der ich die Angst verlieren und mich selbst wiederfinden wollte. Ich fand liebe Menschen, die mich mochten, obwohl ich dort unbeschönigt Ich war, mit all meinen Ängsten und Schwächen, alles auspackte, ständig weinte. Ich fragte mich wochenlang, wie das sein konnte, weil ich es hasste, dieses ängstliche und schwache Ich, fragte mich bis zum letzten Tag, wie ich trotz allem so gemocht werden konnte. Bis mir klar wurde, dass ich zum ersten Mal wirklich Ich war, nichts verbergen und verstecken musste und plötzlich war ich nicht mehr allein. Nicht mehr die, die immer stark und perfekt war, aber immer allein. Entlassen wurde ich mit der Gewissheit, dass diese Krankheit bleibt. Dass ich die Angst nicht einfach dort lassen kann, die Tür hinter mir schließen und dann nichts mehr damit zu tun habe. Dass sie ein Teil von mir ist, den ich endlich annehmen und nicht mehr länger bekämpfen muss.

Ich brauchte eine Woche, die ich mit purer Verzweiflung verbrachte und aufgeben wollte, es einfach nicht mehr versuchen, einfach auf dem Boden meiner Wohnung sitzen bleiben und die Welt draußen ohne mich weiterlaufen lassen. Ich weiß nicht mehr, wo all die Kraft noch herkam, aber ich vermisste es so sehr, mein Leben und mich selbst. Ich entschied, mein Leben nicht länger auf dem Abstellgleis zu parken. Wenn die Angst ein Teil von mir ist, der für immer bleibt, dann müssen wir beide da wohl zusammen durch. Ich will doch nochmal  nach Japan und ans Meer und tanzen und will ihn noch küssen, so oft es geht und mich endlich wieder leicht fühlen, wenn auch nur für einen noch so kurzen Moment.

Auf dem Entlassungsbericht steht die Diagnose Agoraphobie. An manchen Tagen ist es so schwer, dass ich mich frage, wie ich es zur Dusche schaffe oder zum Briefkasten oder gar zum Supermarkt um die Ecke. Dann ist die Angst und Anspannung so groß, dass meine Schultern, meine Arme, meine Beine scheinbar entscheiden, all das nicht länger tragen zu können.

Am ersten Tag an der Uni, 4 Wochen nach Entlassung aus der Klinik, habe ich Freudentränen in den Augen, als ich auf meinem Platz sitze. Meine Beine schmerzen von der Anspannung, die es sie gekostet hat den Weg bis hierhin zurückzulegen, ich bin endlos erschöpft bevor der eigentliche Unterricht erst anfängt. Ich sehe all die anderen Studenten, für die es die absolute Selbstverständlichkeit ist, hier zu sein, die aus dem Ärmel schütteln, was mich alle nur aufbringbaren Kräfte kostet. Die sich Sorgen über Dinge machen, die in meinem Leben meist völlig undenkbar sind.

Oft finde ich das grenzenlos unfair. Aber manchmal bin ich der Angst sogar dankbar, weil durch sie nichts mehr selbstverständlich ist. Was soll’s, wenn andere Größeres, Aufregenderes, Bemerkenswerteres leisten, ich brauch’ das nicht. Wenn erst einmal im Leben gar nichts mehr ging, fühlt es sich an wie das größte Glück der Welt, jeder kleinste Schritt, das vergleiche ich dann immer mit Fliegen, auch wenn ich niemals fliegen konnte, so stell ich’s mir doch genau so vor, so leicht und so stolz und so voll und ganz nur für mich allein.

Die meiste Zeit verbringt Franzi, fast immer sogar gern, mit ihrem Studium. Sonst mag sie Katzen, Radfahren und Japan und sie träumt davon irgendwann einmal mit dem Schreiben Menschen zu erreichen und ihre Welt ein bisschen besser zu machen. Und das alles mit, trotz und wegen ihrer Angst.

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