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Wer hat Angst vor Greta Thunberg? – Zeit/Geschehen

„Ich will, dass ihr in Panik ausbrecht!“ – so selbstbewusst würde (und da bin ich mir sicher) kaum einer von uns sich vor die ganze Welt stellen und das Kind beim Namen nennen. Greta Thunberg ist deshalb besonders, weil sich über das Gewöhnliche hinweg setzt. Das Gewöhnliche, die bestehenden Verhältnisse zwar vielleicht nicht zu dulden, aber konkret, vielleicht auch aus einem gewissen Mangel an Mitteln heraus, doch irgendwie einfach zu dulden. Greta Thunberg tauchte auf wie ein Schrei, der schon vielen lange in der Kehle saß, aber nie ganz ausgestoßen wurde. Und mit dem was sie sagt, eröffnet sie vor allem uns, denen, die nicht in der Liga der hohen Politiker mitspielen, ganz neue Blickwinkel auf die Klimapolitik und die Lage der Welt. Dass der Klimawandel ein Problem ist und uns schon warnend auf die Schulter tippt ist und zwar allen bekannt, doch wer von uns überblickt schon vollkommen klar und informiert alle klimapolitischen Probleme unserer Erde?
Doch Greta klärt nicht nur auf, sondern tut vor allem eines: sie prangert eben diese Menschen, der hohen Klimapolitik unverschont an. Die These, dass wir alle gemeinsam die Klimakrise verursacht hätten, entkräftet sie. „Wenn alle schuldig sind, ist niemand schuldig zu sprechen. Aber es gibt Schuldige.“ Greta Thunberg scheint klar zu wissen, wer eben diese Schuldigen sind. Vor der globalen Wirtschaftselite hat sie zwar nicht persönlich gesprochen, jedoch wurden ihre Worte auf dem World Economic Forum verbreitet.
Angefangen hat sie natürlich allein und unerhört, wie viele der ganz großen Ding es tun. So setzte sie sich einfach im August letzten Jahres vor das Parlament in Stockholm, mit nichts als einem Schild und Informationsblättern. Greta kündigte an: Schulstreik! Ihre Begründung scheint zwar hart formuliert, doch was sie uns eigentlich sagt, ist plausibel. Warum in die Schule gehen, in der wir für die Zukunft lernen, wenn um uns das Klima aus den Fugen gerät und eben diese Zukunft gefährdet? Das klang anschneinend für viele plausibel, denn Woche für Woche schlossen sich ihr weitere Schüler an. Nicht nur in Deutschland, auch in Italien, England, Australien und anderen Ländern hat Greta mit ihrem Weckruf und ihrer Idee zum Schulstreik unter dem Hashtag #fridaysforfuture mittlerweile Massen von Schülern mobilisiert.
Die Schulstreiks sind zwar eine plausible Idee, die vielleicht sogar wirklich etwas bewirken kann, jedoch spalten sich bezüglich der Proteste (verständlicherweise) die Meinungen. Obwohl einige Eltern die Entscheidung ihrer Kind zum Streik zwar akzeptieren, sind es dann doch im Endeffekt die Schulen und Lehrer, die etwas ratlos und auch machtlos zurückbleiben. Die Idee der Freitagsproteste hat sich wie ein Feuer verbreitet und in den deutschen Großstädten sieht man an so manchem Freitag mittlerweile mehrere Hunderte von Schülern die Schule schwänzen. Fast alle von ihnen sind dabei auch bereit, die Konsequenzen, die die Schule im Zuge des Fehlens der Schüler zieht zu tragen. Lieber die Konsequenzen eines Fehltages, als die Konsequenzen eines Klimas, das nicht mer zu retten ist. Was jetzt in Deutschland passiert ist ein Phänomen, das es lange nicht mehr gab. Solche Massenbewegungen unter jungen Leuten kennen wir vor allem von 1968 und nicht zuletzt von der Anti-Atomkraft-Bewegung der 80er Jahre. Jugend ist beeinflussbar, Massenerscheinungen ergreifen die junge Generation meist innerhalb weniger Monate, nicht zuletzt natürlich durch soziale Netzwerke. Doch auch das birgt Nachteile. Ich bin mir sicher, dass viele der protestierenden Schüler bei dem was sie tun einer Trenderscheinung folgen. Keine Schule und Protestieren: klingt cool. Dann geh ich doch lieber einfach mit, wie alle anderen auch und protestiere für das Klima, wenn ich dabei auch noch ein paar Tage Schule sausen lassen kann. Sieht man sich Bilder der Proteste und der protestierenden Schüler hier in Deutschland an, so ist es unwahrscheinlich, dass mindestens 70% dieser Schüler die klimapolitische Situation der Welt und das, worum es beim Klimawandel eigentlich geht überhaupt im Blick haben. Da werden vorsorglich ersteinmal Parolen nachgerufen und Plakate nachgemalt, hinter deren Aussage man vielleicht gar nichg versiert steht und in der Lage ist, darüber zu diskutieren. Wir wissen: wer Druck macht, kann auch etwas bewegen. Doch müssen wir auch hoffen, dass die Freitagsproteste der Schüler keine vorrübergehende, willkürliche Trenderscheinung wie der Fidget Spinner sind. Ich ziehe meinen Hut vor Greta Thunberg und bewundere sie für ihr Selbstbewusstsein und ihre Fähigkeit, ohne Scham auf die Schuldigen mit dem Finger zu zeigen und zu sagen, was Tatsache ist. Was die Schülerproteste betrifft, wird es nur die Zukunft sagen können, wie lang der momentane Enthusiasmus noch anhält. Diejenigen Schüler, die bei diesen Streiks wirklich etwas zu sagen haben, können vielleicht sogar wirklich etwas verändern oder zumindest erst einmal auf etwas aufmerksam machen, das bisher aus einer ganz anderen Sicht gesehen wurde. Wir sind diejenigen, die die Auswirkungen des Klimas in vielen Jahren erst zu spürn bekommen, während die, die es jetzt noch schleifen lassen vielleicht sogar schon tot sind. Es bleibt zu hoffen, dass die Schüler, für die die Proteste momentan eigentlich nichts als ein Mitmachen sind den Reiz an diesem Trend verlieren und denjenigen der jungen Generation die Bühne bieten, die wirklich etwas zu sagen haben und vor allem, zusammen mit Greta Thunberg als Schirmherrin des Ganzen, die Chance haben, die Eingeschlafenen wieder zu wecken. Was sicher ist: das Phänomen Greta Thunberg wird uns nicht so schnell wieder verlassen. Zu mächtig ist ihre Reichweite, die mittlerweile bis auf weltweit verstreute Klimakonferenzen reicht und zu groß war ihr Fingerzeig auf das, was man noch nicht zu spüren bekam, aber bald – und das scheint nur Greta Thunberg gewusst zu haben – zu spüren bekommen würde.

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Zeit/Geschehen von Dominik erscheint als monatliche Kolumne und behandelt aktuelle Themen und Zeitgeschehnisse. Collage von Imina. Bild im Hintergrund aus dem brandeins Magazin / Skubatz.

2 Kommentare

  1. Pingback: Mir geht es nicht darum, den Unterricht zu verpassen – TIERINDIR - Dein Online-Magazin.

  2. Absolut richtig auf den Punkt gebracht. Die Zeit wird zeige wie viele von den Hundert auch nach dem Trend noch gegen Klimawandel auf die Straße gehen und ob sie das auch tun, wenn sie keinen freien Tag ohne Schule haben.

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