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Die Lücke im Lebenslauf

Ich hatte immer dieses eine Bild in meinem Kopf. Diese Vorstellung davon, wie mein Leben einmal sein wird. Schulabschluss, Studium, Beruf. Eine perfekte Laufbahn, keine Lücke im Lebenslauf. Doch dass das Ganze auch anders laufen kann, hatte ich nicht erwarten.

Als sich meine Schulzeit dem Ende zu geneigt hat, gab es kaum einen Tag, an dem nicht darüber gesprochen wurde, was man denn nach der Schule so vor hat. Wir haben uns ewig über das Studienangebot an der Universität in unserer Stadt unterhalten, gingen auf Messen voll mit Ständen unbezahlbarer Privatschulen und wurden über mögliche Ausbildungen informiert. Ab und zu wurde auch mal eine Organisation erwähnt, mit der man ins Ausland gehen konnte, um dort armen Kindern zu helfen. “Kommt gut im Lebenslauf.” Alles klar.

Alles wird bis ins kleinste Detail geplant und es sollen möglichst keine Lücken entstehen. Wenn man sich erstmal eine Auszeit nehmen möchte oder noch gar keine Vorstellung davon hat, wie man den Rest seines Lebens verbringen will, wird man schräg angeguckt.
Und so brannte sich dieses perfekte Bild von der perfekten Laufbahn in meinen Kopf. Weil alles ja immer so einfach läuft und es ja sowieso jeder so macht.

Aber jetzt. Jetzt ist es irgendwie anders. Jetzt ist mein Abitur schon mehr als ein Jahr her und ich mache das zweite Jahr Nichts. Nicht nichts. Aber in den Augen vieler vermeintlich schon nichts. Ich habe einen Job, bereite mich auf die Uni vor. Im letzten Jahr habe ich ein Studium angefangen und direkt wieder abgebrochen, jetzt eben ein weiteres Jahr Leerlauf. Aber so richtig Leerlauf ist das ja gar nicht, ich mache ziemlich viel. Aber zählt das denn? Zählt es, seine Zeit mit anderen Dingen als Ausbildung oder Studium zu verbringen? Dass es wichtig ist, sich um seine Bildung zu kümmern, muss man mir nicht erzählen. Ich lese, Zeitungen und Bücher. Ich schaue die Nachrichte, besuche Kurse, gehe in die Volkshochschule und informiere mich über Themen, die mich interessieren und die ich für mich als wichtig empfinde. Nur eben selbstständig. Ich mache Dinge für mich, lerne, wachse, lebe. Ich empfinde diese Zeit jetzt gerade als unheimlich wichtig, wichtig für mich selbst.

Aber wenn ich ehrlich bin, fühle ich mich nicht gut dabei. Ich fühle mich, als wäre ich irgendwie anders als andere. Ich fühle mich, als wäre ich gescheitert. Ich stehe unter Druck und habe ständig das Gefühl, anderen Leuten beweisen zu müssen, dass das, was ich mache, auch gut ist. Ich habe es satt, ständig darauf hingewiesen zu werden, ob ich nicht doch mal etwas Richtiges machen will. Und das, obwohl ich studieren möchte. Nur dauert es bei mir eben noch ein wenig, weil ich einen kleinen Umweg gegangen bin.

Aber was ist mit den Menschen, für die dieser Weg einfach nichts ist? Was ist mit denjenigen, die erstmal vier Jahre auf Weltreise gehen wollen oder direkt ihr eigenes Ding machen? Wie müssen sich diese Menschen dann erst fühlen? Sind diese Menschen dann weniger wert? Wieso gibt es eigentlich immer nur das Eine oder das Andere? Was ist mit dem dazwischen?

Wieso fühle ich mich schlecht, wenn mein Weg anders verläuft, als normal. Vielleicht mag das bei anderen nicht so extrem sein, aber ich denke, dass mehr darüber geredet werden muss, dass sich Pläne auch ändern können. Und, dass das Leben voller unerwarteter Überraschungen steckt. Auch ist es unheimlich wichtig zu lernen, wie sich scheitern anfühlt. Wieso wird uns in der Schule nicht erzählt, dass es total okay ist, sein Studium abzubrechen und nochmal neu zu starten? Und dass du eindeutig mehr bist als dein Lebenslauf. Und dass du direkt nach deinem Schulabschluss noch nicht wissen musst, was du für den Rest deines Lebens machen willst.

Wir leben hier in Deutschland in einer Leistungsgesellschaft und daran kann kaum etwas geändert werden. Was jedoch Veränderung schaffen kann, sind die eigenen Gedanken. Es hilft, sich bewusst zu machen, was die Werte sind, die einen wirklich glücklich machen. Zu merken, dass um so viel mehr geht, als Einkommen, Erfolg oder Produktivität.

Denn keiner kann dir wirklich etwas beibringen, außer dir selbst. Und es geht darum, dass du glücklich bist.

Und jetzt, jetzt ist da eben diese Lücke in meinem Lebenslauf. Und das ist auch total okay, denn es ist meine Lücke.

Text und Bilder von Luka.

Wichtiger und interessanter Spiegel-Artikel zu diesem Thema: Zukunftsanalyse: Was nach der Leistungsgesellschaft kommt

1 Kommentare

  1. Marie sagt

    Liebe Luka,

    du hast mit deiner Wortwahl perfekt meine Situation getroffen.
    Ich habe besonders den Konflikt mit meinen Eltern. Alles wird schlecht geredet, man macht ja ‘nichts’. Das demotiviert und nervt mich so sehr.

    Marie

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