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Mit Trauernden umgehen

Mit dem Tod kann jede Person auf einmal unerwartet konfrontiert werden. Was tun, wenn es jemanden trifft, der dir sehr nahe steht= Wie geht man am besten damit um, wenn ein*e Freund*in von einem solchen Schicksalsschlag getroffen wird? Was sagt man – was nicht? Was tut der*dem Betroffenen gut? Wie kann man in einer Situation helfen, an der man selbst nichts ändern kann?
Chelsea und Imina, die beide eine sehr nahestehende Person verloren haben, unterhalten sich darüber, was sie sich gewünscht hätten und worüber sie sich bei ihren Freunden in dieser Zeit besonders gefreut haben.

In Kontakt treten & in Kontakt bleiben

I.: Ich habe das Gefühl, dass sich viele Leute nur dafür interessiert haben, wie es mir ging, als es gerade passiert war. Da bekam ich von ungefähr allen Leuten, die ich kenne, eine Nachricht, in der so ziemlich jede Person schrieb „Wenn irgendwas ist, wenn du irgendwas brauchst, kannst du dich immer melden“ – und dann habe ich von vielen nie wieder was gehört.
C.: Das Schlimmste in so einer Situation ist es, isoliert zu werden. Jede*r hat Angst, etwas Falsches zu sagen oder zu tun, aber den Kontakt ganz zu unterbrechen macht es für die betroffene Person nur schlimmer, da sie von nichts Anderem mehr abgelenkt wird und sich die Gedanken nur um den Tod der geliebten Person drehen können.
I.: Ich verstehe schon, dass das ja nett gemeint ist aber wenn man gerade in tiefer Trauer steckt, geht man nicht von selbst auf andere zu und sucht aktiv nach Hilfe oder bittet jemanden, einfach mal zuzuhören. Deshalb ist es wichtig, nachzuhaken und es nicht bei der Beileidsbekundung zu belassen.
Ich habe auch gemerkt, dass daran echte Freundschaft gemessen werden kann: Wem liegt wirklich was an mir? Wer interessiert sich tatsächlich dafür, wie es mir gerade geht? Nicht nur jetzt, sondern auch in sechs Monaten?

Zur Beerdigung gehen

C.: Auch, wenn du selbst keinen Bezug zu der verstorbenen Person hattest, geh’ am besten dennoch zur Beerdigung, denn eigentlich ist sie für die Lebenden und weniger für die Toten. Wenn dein*e Freund*in sieht, dass du da bist und dich als Bezugsperson unter den vielen Trauernden und teils auch fremden Gästen hat, ist das für sie*ihn sehr viel Wert.

Die trauernde Person ganz normal behandeln

I.: Mir ist es im letzten halben Jahr so oft begegnet, dass Menschen sich ganz aus meinem Leben entfernt oder lange nicht gemeldet haben. Als Grund habe ich dann oft erfahren: „Weil ich nicht wusste, ob ich mich schon melden soll. / Ach, ich wollte euch erstmal in Ruhe lassen. / Ich wollte nicht stören.“
Was viele nicht sagen, aber denken: „Ich wusste selbst nicht, wie ich damit umgehen soll, deshalb habe ich es ganz gelassen.“ Das ist in meinen Augen das Schlimmste, was man tun kann. Als trauernde Person tut es viel mehr weh, wenn du von vielen Leuten, von denen du dachtest, dass sie sich gleich als erstes und auch öfters melden, gar nichts mehr hörst und womöglich auch noch überlegst, was du falsch gemacht hast, als wenn sie anrufen, herumdrucksen, nicht so recht wissen, was sie sagen sollen, aber ihr offenes Mitgefühl mit dir teilen.
C.: Auch die trauernde Person muss irgendwann in ihren normalen Alltag zurückkehren. Behandele deine*n Freund*in daher ganz normal und pack sie*ihn nicht in Watte. Das Wichtigste ist, wieder in den Alltag zurückzufinden und Routinen wieder aufzunehmen. Daher sollte auch der Schul- oder Unialltag wieder ganz normal stattfinden können, mit alltäglichen Gesprächen und Tätigkeiten. Das ist richtig und wichtig.

Keine Angst haben, etwas falsch zu machen

C.: Meistens ist es befreiend, über das Geschehene, die eigenen Gedanken und Ängste zu reden, aber selbst hat man nicht die Kraft, das, was man denkt, anzusprechen. Daher kann man als Freund*in nachfragen und sollte dabei auch keine Angst haben, etwas Falsches zu sagen oder zu fragen.
I.: Im Bezug auf den Tod weiß niemand ganz genau, was Richtig und was Falsch ist. Aber es ist wichtig, die Angst abzulegen, etwas falsch zu machen. Die trauernde Person nicht wie ein rohes Ei zu behandeln oder besser nicht nachzufragen weil dann ja etwas hochkommen könnte.
Es ist so wichtig, drüber zu sprechen, auch wenn es nur ein paar Worte sind. Deshalb: Nachfragen, nachfragen, nachfragen. Wenn die Person nicht darüber reden will, wird sie es dir schon deutlich machen, aber sie wird auf jeden Fall anerkennen, dass du dich dafür interessierst.
Für die trauernde Person ist das ganze nicht mit einer Beileidsbekundung abgehakt, auch nicht mit der Trauerfeier oder der Beerdigung. Die Person fehlt jeden Tag und diese Lücke kann nichts füllen. Wichtig ist, Empathie zu zeigen, auch wenn man selbst so etwas noch nie erlebt hat. Außerdem ist es gut, eine Balance zu finden zwischen dem Freiraum lassen, damit die trauernde Person in Ruhe ihre Trauer ausleben kann, aber genauso auch nachzuhaken und die Person in dieser Zeit nicht allein zu lassen.

Ablenkung

I.: Wahrscheinlich habt ihr es schon tausendmal gehört aber: Ablenkung ist die beste Medizin. Durch Ablenkung sieht die trauernde Person, dass das Leben doch schön sein kann und so viel zu bieten hat. Durch Ablenkung kommt sie auf andere Gedanken, sieht andere Blickwinkel und verlässt vor allem die Höhle, in der sie sich verschanzt hat. Also: Hol’ sie da raus und startet eine spontane Aktion, wie zum Beispiel ein langer Spaziergang oder ins Kino zu gehen. Wenn ihr zusammen etwas planen wollt, sind Wochenendtrips immer gut, weil es auch wichtig ist, das gewohnte Umfeld, in dem alles an die*den Verstorbenen erinnert, zu verlassen.
C.: Egal, wie banal die Dinge sind, die ihr tut. Sei es eine Serie schauen, spazieren zu gehen oder auch nur im Bett zu liegen und nichts zu tun. Alles fühlt sich besser an, wenn man nicht allein ist. Also verbring’ Zeit mit der Person, schlaf bei ihr und zeig ihr einfach, dass du für sie da bist. 

Zusammen erinnern

C.: Die verstorbene Person sollte weiterhin in Erinnerung behalten werden. Auch Jahre später kann und sollte man zusammen an die verstorbene Person zurückdenken und sich an die schönen Momente und Erlebnisse erinnern. Lass deine*n Freund*in etwas erzählen oder nutze selbst die Initiative eine alte Geschichte wieder aufleben zu lassen.
I.: Leider ist das nicht so häufig vorgekommen, aber mir hat es immer unglaublich gut getan, wenn jemand die eigenen Erinnerungen mit der verstorbenen Person mit mir geteilt hat. Wenn ich mit jemandem über meinen Vater reden konnte, wenn wir zusammen seine Sprüche geklopft haben oder mir jemand eine Geschichte erzählt hat, die zwar schon Jahre zurückliegt, aber die diese Person mit meinem Vater verbunden hat. Ich denke, dass in der gemeinsamen Erinnerung sehr viel Trost steckt und dass in ihr auch der Heilungsprozess stattfindet.
C.: Und außerdem: Weinen ist völlig in Ordnung und du darfst auch gerne mitweinen, egal ob direkt nachdem es passiert ist, bei der Beerdigung oder auch erst Wochen oder Monate später. Weinen ist wichtig, es löst Blockaden, befreit und sollte nicht unterdrückt oder als unangenehm empfunden werden. Daher zeig der trauernden Person ruhig, dass Weinen in Ordnung ist uns lass deinen Gefühlen selbst freien Lauf. 
I.: Die Menschen um dich rum vergessen häufig, dass Trauer ein Prozess ist, der nicht immer eine Treppe nach oben darstellt. Es geht Hoch und Runter, und manchmal fühlt man sich auch ein Jahr nachdem es passiert ist noch einmal so wie in den Wochen unmittelbar danach. Deshalb ist es wichtig, der trauernden Person das Gefühl zu geben, dass sie sich all die Zeit nehmen kann, die sie braucht und dass es kein Richtig oder Falsch im Bezug darauf gibt, was angemessen ist oder was nicht.

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C. ist Chelsea. Sie studiert in Erfurt Kommunikationswissenschaften und versucht derzeit, ihr alltägliches Chaos zwischen zwei Jobs und Studium zu schaukeln. In Zukunft möchte sie ihre freie Zeit sinnvoller verbringen. Zu Sportkursen gehen, mehr kochen und vor allem: endlich wieder lesen.
I. ist Imina.

Collagen, Bearbeitung & Konzept von Imina.
Idee von Nora.
Bilder der Collagen u.a. aus der NEON, dem CR Fashion Book und dem Buch Albertville 92

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