Gastgedanken, Inspiration
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Wie eine EP entsteht – Cvna x Goshima

Musik umgibt uns an so vielen Stellen im Alltag. Mal hört man bewusst hin, mal vertreibt man sich die Zeit mit ihr, mal konsumiert man bloß, mal wird sie für Werbung benutzt und aus ihrem eigentlichen Kontext als Kunstwerk gehoben. Aber eigentlich ist Musik immer Überträger von vielschichtigen Verflechtungen aus Emotionen, Gefühlen und Assoziationen, von Atmosphären. Doch nur selten macht man sich wirklich mal Gedanken darüber, wie ein Song entstanden ist. Man kennt vielleicht den Künstler, aber beschäftigt sich kaum damit, wie, wann und wo ein Song geschaffen wurde, welche Gefühle der Künstler in den Momenten des Schaffens verarbeiten wollte, was seine Inspiration war, wie der ganze kreative Prozess aussah. Das ist aber gerade auch in der Musik sehr schwierig, wenn man nicht in der Materie drinsteckt. Natürlich legen auch alle anderen künstlerischen Richtungen nicht direkt ihre künstlerischen Schaffensprozesse offen, aber vor allem in der Musik wirkt die dahinterliegende Arbeit oftmals sehr abstrakt und nicht so greifbar, wie beispielsweise in der Malerei.

Cvna und Goshima

Mindestens drei Jahre bevor wir mit unserer ersten EP Procastination als Cvna (Johannes) und Goshima (Robin) auf Spotify zu finden waren, haben auch wir uns nicht sonderlich viele Gedanken über die Produktion von Musik gemacht. Ich würde sagen, bei uns beiden hat Musik schon immer eine sehr wichtige Rolle eingenommen, aber der eigentliche Anstoß selbst Musik zu machen, war eher ein spontaner. Wir fingen beide an, uns mehr mit der Materie zu beschäftigen, produzierten Beats mit billigen Free-Drumkits aus dem Internet, zeigten uns gegenseitig unsere neuen Tracks und begannen, immer mehr Begeisterung für das Schaffen von Musik zu finden. 

In der nachfolgenden Zeit probierten wir viel aus und besonders Johannes wandte sich zusammen mit unserem sehr guten Freund Nils (Nuvay), der auch auf zwei Tracks der EP vertreten ist, schneller melodischeren Genres zu. Seinen eigenen Stil zu finden braucht Zeit und auch heute ändert sich dieser teilweise, wenn auch weniger stark.

Zur Inspiration und dem eigentlichen kreativen Prozess kann man eigentlich nur sagen, dass sie sehr stark variieren können. Mal ist ein bestimmter Track eines anderen Künstlers direkter Anlass, etwas Ähnliches zu schaffen, mal fallen einem spontan Melodien oder Akkorde im Alltag ein, mal möchte man eine bestimmte Atmosphäre oder bestimmte Emotionen vermitteln. Aber eigentlich ist das Produzieren irgendwie immer ein bewusstes Ventil der eigenen emotionalen Regungen, eine Form von sinnlichem Handeln, von Intuition. Größte Barriere ist dabei die Technik als gleichzeitiger Fluch und Segen. Sie bietet mit dem richtigen Repertoire an Ausstattung eine riesige Fülle an Möglichkeiten, ihren richtigen Umgang zu lernen, erfordert aber sehr viel Geduld und Arbeit. 

Auch Rückschläge oder frustrierende Momente, in denen man nicht fähig ist, seine genauen Vorstellungen technisch umzusetzen, muss man einfach hinnehmen, so deprimierend sie auch sind. Mal kann man gefühlt einen ganzen Abend lang mit der technischen Barriere ringen, ohne sie wirklich zu überwinden, um es dann plötzlich in einigen wenigen wirklich intuitiven Momenten doch zu schaffen. 

Procrastination EP im Detail

Procrastination feiert das Prokrastinieren, das Nichtstun, das „Einfach-mal- flowen lassen“, das Dahintplätschern der Zeit. Die EP soll als ein Gesamtkonzept wirken. Procrastination sollte am besten in einem einheitlichen Fluss gehört werden, weshalb der darauffolgende Track schon immer am Ende des Vorherigen beginnt. Die EP soll das Gefühl beschreiben, dass man eigentlich etwas Produktives tun könnte, aber noch bevor man richtig anfangen kann, in eine Art Tagtraum abgleitet, aus dem man bis zum Ende des letzten Tracks auch gar nicht mehr aufwachen möchte. Man schaut auf das vor einem liegende leere Papier (Staring At Blank Paper), sieht das Blinken des leeren Dokuments auf dem Computer, aber denkt so ziemlich an alles andere, als an das, an was man gerade eigentlich denken sollte.

Kyoto war der erste Track, den wir beide bewusst gemeinsam für dieses Projekt produziert haben und so gesehen der Grundstein für die EP. Wir konnten uns auf einen Vibe einigen und von da aus neue Projekte beginnen oder gemeinsam an älteren Ideen weiterarbeiten. Der Sommer war ziemlich heiß und eigentlich konnte man auch gar nichts anderes tun, als zu chillen und zu prokrastinieren. Was eigentlich für unser Projekt ziemlich inspirierend war, wurde gleichzeitig auch zu unserem Verhängnis: auch wir prokrastinierten ziemlich stark vor uns hin – Ironie des Schicksals und gleichzeitig auch Hauptgrund, warum wir die EP so genannt haben. Repräsentativ für das asiatisch inspirierte Grundgefühl der Platte, was sich auch visuell widerspiegelt, füllen die Kora und die Steel Drums den Hauptpart des Songs, die beide auch immer wieder an der ein oder anderen Stelle auftauchen (Sakura Spring, Neo Tokyo). Besonders der asiatische Lofi-Hip-Hop-Vibe gepaart mit organischen elektronischen Sounds faszinierte uns beide und wurde zu einer Art Grundprinzip der EP. Wichtig dafür sind die sogenannten „Foley-Sounds“, also Geräusche aus der Umwelt, wie Vögelgezwitscher, welches wir teilweise auch selbst aufgenommen haben, leichtes Rauschen oder andere Umgebungsgeräusche, die diese Atmosphären erzeugen.

Als nächstes führt ein Wasserplätschern über zu Floating Lotus, der mit Abstand der experimentellste und auch elektronischste Track der EP ist. Als wir mit dem Projekt eher mäßig vorrankamen, entschieden wir uns, die EP in Österreich im abgeschiedenen Ferienhaus von Robins Familie zu beenden. Floating Lotus ist unter anderem Ergebnis dieser zwei Wochen. Wir wollten viel mit der Raumwahrnehmung von experimentellen Synths spielen. Jeder dieser sich organisch windenden, ineinanderfließenden Synths besitzt einen eigenen sich ständig ändernden Hall und Klangraum, was den dynamischen Vibe des Tracks ausmacht. Wir haben ziemlich lange gebraucht, bis jede einzelne der 100 Spuren wirklich saß. Auch wenn das eine fast nervige Detailarbeit mit sich bringt, lohnt es sich einfach so sehr diese Mühe hineinzustecken. Schwierig ist dann nur immer, das Projekt irgendwo auf der Schwelle von „gut genug“ und „perfekt“ beenden zu müssen.

Wanted to Go Out / Stayed Inside, war wohl der Track mit den meisten Veränderungen. Der Song im ersten Teil des Tracks hat sehr viele Veränderungen hinter sich und konnte uns einfach nie wirklich zufriedenstellen. Eines Abends in Österreich produzierte ich dann aber, eigentlich ohne mir groß Mühe zu geben, einfach so vor mich hin, was später beinahe ironisch der zweite Teil des späteren Tracks werden sollte. Im Hintergrund der Ukulelenmelodie hört man den plätschernden Regen, der während der Aufnahme auf dem Balkon in Österreich zu hören war. Im Endeffekt stellte sich heraus, dass die Lösung einfach war, die beiden Tracks ohne jeglichen Übergang und nur mit einem rauschen hintereinanderzulegen. Interessanterweise harmonieren die beiden ziemlich gut.

Procrastination soll dich auf einen Trip weg vom alltäglichen Leben bringen. Die Musik formt ein Narrativ – viele Sounds und Instrumente tauchen immer wieder in anderen Kombinationen auf, Samples vom Anfang werden später anders wiederverwendet. So kann man im letzten Track (Neo Tokyo) circa mittig, jeweils eine Melodie oder ein Sample aus jedem Track der EP hören. Der Track flowt im 3/4 Takt vor sich hin, während wir uns dabei ein futuristisches Unterwasser-Tokyo vorstellten. Dieser vor sich hinfließende „Unterwasservibe“ zieht sich durch die gesamte EP. Bei diesem Outro ging es uns nicht nur darum, ein passendes Aufwachen aus dem bereits erwähnten Tagtraum zu finden, sondern uns auch einfach aus Prinzip gegen jegliches gut funktionierendes Songschema zu stellen. In der Mitte des Tracks ist ein selbstaufgenommenes Sample einer Aufwärmübung von drei Musikern am Landwehrkanal in Berlin eingefügt. Der Track ist wahrscheinlich alles andere als konventionell, aber das ist auch gut so.

Die EP beginnt mit dem Knacken einer aufgelegten Platte und endet auch mit diesem.

Von allen möglichen künstlerischen Ausdrucksformen ist Musik die direkteste Art ein Gefühl zu kommunizieren und gleichzeitig eigentlich die abstrakteste. Wirklich jeder kann etwas mit Musik anfangen und selbst, wenn man es nicht in Worte fassen kann, vielschichtige Emotionen durch Musik empfinden. Stellt euch nun einfach mal vor, wie es sich anfühlt, auf der anderen Seite zu sein und diese Vibes selbst erzeugen zu können. Wir würden auch Musik machen, wenn sie am Ende niemand hören würde, weil es eben um so viel mehr geht.  Umso schöner ist es natürlich, wenn sich die Leute ihre Zeit nehmen, um die Musik zu hören, in die man so viel Arbeit und Gefühl gesteckt hat und erst recht, wenn es ihnen dann vielleicht sogar noch gefällt. Wir können nur jeden angehenden Musiker, Producer oder Musikenthusiasten dazu ermutigen, sich auszuprobieren und einfach zu machen. Alles für diesen einen, kleinen Moment, für dieses eine unbeschreibliche Gefühl.

Johannes und Robin wohnen und studieren in Berlin. Vielen Dank für den Einblick in die Entstehungsgeschichte euer EP!

Procrastination by Cvna x Goshima

Die Gifs sind von Johannes. Die Photos sind von Luka.

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