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Warum wir reden müssen – Zeit/Geschehen

Als ich im Dezember mit einer Freundin einkaufen gehen wollte, wurden wir vor einem Supermarkt von einer Parteiangehörigen der MLPD angesprochen, die mit der Mitgliedschaft für eine anti-imperialistische Liste warb. Unteranderem zählte die Frau ein paar Parteiziele der MLPD auf und erwähnte unteranderem, dass es ein Ziel sei, der AfD und dem Rechtsruck in Deutschland entgegenzuwirken.

Eingetragen haben wir uns nirgends doch uns später an diesem Tag über die Worte der Frau unterhalten. Als meine Freundin sagte, dass sie die AfD wähle, muss ich kurz schlucken, bin erschrocken, aber sage erstmal nichts weiter darauf. Ich füge nur hinzu, dass die AfD nicht die richtie Partei für mich sei.

Am nächsten Tag denke ich erst richtig über alles nach. Als erstes fällt mir auf, dass wir uns noch nie über Politik unterhalten haben, ich also eigentlich nie wirklich hätte rausfinden können, wen sie eigentlich wählt. Lediglich dieser Zufall vor dem Supermarkt hat mich jetzt vor einen Konflikt gestellt.

Ich bin mit einer AfD-Wählerin befreundet – hätte mir das jemand gesagt, ich hätte es für eine Lüge gehalten. Ich kenne diese Freundin viel länger als die Tatsache, dass sie eine Partei wählt, mit deren Vorhaben ich nicht konform gehe. Ich habe mich über Jahre innig mit einer AfD-Wählerin unterhalten und mir fällt auf, dass es mich einschränkt zuerst die politische Richtung und dann die Person kenenzulernen. Normalerweise stemple ich AfD-Wähler unter besorgten alten Menschen und gemäßigten NPD-Freunden ab, doch ich werde mir unsicher. Meine Freundin ist weder alt und reaktionär, noch ist sie Nazi. Hätte mir jemand zuvor irgendwann das Gespräch mit einem AfD-Wähler oder einem Parteimitglied angeboten, hätte ich wohl dankend abgelehnt. Mein bisher geläufiger Gedanke dazu wäre gewesen: Mit denen will ich nichts zu tun haben. Aussagen wie diese hört man mittlerweile von Links und Rechts und ich habe mich seit diesem Vorfall gefragt, wohin eigentlich alles führen soll, wenn keiner miteinander redet.


Seit ein paar Jahren, und spätestens seit der Flüchtlingskrise, ist der gesellschaftliche Zusammenhalt in Deutschland mehr als bröckelig. Politisch gesehen zerfällt das Land in zwei politische Lager und während die einen „Wir sind das Volk!“ brüllen, rufen die anderen „Nazis raus“ und jeder hasst den anderen und fühlt sich in seinem Mob ganz wohl – mit einander sprechen ist ausgeschlossen.

Auch ich habe Angst vor den Vorhaben der AfD und ihren rückschrittlichen Ansichten, aber was mich auch ängstigt sind Sätze wie: „Mit denen lohnt es sich doch eh nicht zu reden.“ Was mir jetzt erst bewusst geworden ist: Doch, es lohnt sich. Und es muss sogar sein. Aus der Distanz hasst es sich leichter, denn aufeinander zugehen und dem Gegensatz entgegentreten ist die schwierigste Aufgabe. Auch, dass AfD-Mitglieder bei Debatten oder Talkshows ausgeladen werden, fand ich bisher immer richtig; ihren Bullshit will man nicht hören. Aber wir haben immer noch Demokratie und da gehört nun mal Meinungsfreiheit dazu. Und wer wirklich Probleme lösen will, der muss andere Meinungen anhören; ob er diese für richtig hält, steht auf einem ganz anderen Blatt geschrieben.

Warum scheuen wir aber die Debatte? Ich glaube, dass wir einfach eine Widerspenstigkeit dabei empfinden, dass unserer Meinung, die für uns die Richtige ist, aktiv widersprochen werden könnte. In dieser Zeit ist eine solide politische Meinung eines unserer wichtigsten Güter und wenn wir auf sie abzielend angegriffen werden, ist das für uns eine unangenehme Situation.

Was ich aber vor allem gelernt habe ist, politische Meinungen nicht mit dem Menschen an sich gleichzusetzen. Die politische Gesinnung eines Menschen verrät noch nicht viel über seine zwischenmenschlichen Eigenschaften. Sicher gibt es AfD-Wähler, die auch außerhalb ihres politischen Umfelds Arschlöcher sind, aber sicherlich gibt es auch Menschen, die wählen Die Grünen und sind es auch. Nicht jeder passt in das Bild, das wir gerne leichtfertg von ihm hätten. Besonders verwundert hat mich, dass meine Freundin eigentlich auch für eine Gleichstellung der Frau ist. Gleichzeitig wählt sie aber AfD und mir wird klar, dass nicht alle politisch anders denkenden Menschen über den Kamm passen, über den ich sie gern scheren würde.

Manchmal würde es uns vielleicht helfen, erst die Menschen kennenzulernen und dann zu erfahren, wen oder was sie wählen. Wären Gespräche auch nicht viel interessanter, wenn man sich nicht einer Meinung ist? Wie langweilig wären unsere Debatten, wenn jeder sich gegenseitig Ja und Amen sagt. Wir sind in einer politischen Komfortzone gefangen, die uns einerseits die Lust am Diskutieren genommen und uns andererseits voreingenommen gegenüber anderen Menschen gemacht hat.

Ich habe jetzt eine AfD-Wählerin als Freundin und das ist vielleicht auch ganz gut so.

Zeit/Geschehen von Dominik erscheint als monatliche Kolumne und behandelt aktuelle Themen und Zeitgeschehnisse. Foto ist von Luka.

2 Kommentare

  1. Atingita sagt

    Hmm?

    Bin ich nicht einer Meinung, wenn man die Wahl hat zwischen einem tollen Menschen, der die AfD wählt und einem, der eine andere demokratische Partei wählt, entscheide ich mich für Letzteres.

    Im Endeffekt gibt es so viele Menschen, mit denen man befreundet sein kann, da ist es wichtiger, dass man auf Demonstrationen nicht auf gegenseitigen Seiten steht.

  2. Lotte sagt

    Wow. Das ist ein Artikel auf den ich lange gewartet haben bei Tier in dir. Ich finde es toll zu lesen das ich nicht alleine bin mit dem Gedanken, dass wir unsere Demokratie wieder intensiver ausleben müssen. Diskurs und Kommunikation untereinander ist so unglaublich wichtig, auch wenn es einem schwer fällt aus seiner Komfortzone herauszutreten. Respekt für diesen tollen und reflektierten Artikel.

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