Selbst & Inszenierung
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Still und unscheinbar

Bereits als kleines Kind lernte ich, wie man sich in der Welt verhalten musste, um möglichst “erfolgreich” zu sein. Und ich lernte ebenfalls, dass meine Art dabei nicht dem Ideal entsprach. Ich war, bin und werde es wohl immer sein: Ein leiser Mensch, wie Susan Cain es in ihrem Buch “Still” so gerne ausdrückt. Ja, die Introversion. Ich mag das Wort nicht. Menschen sprechen es mit diesem negativen Unterton aus, als wäre es eine Schande. 

Es begann im Kindergarten, als die Erzieherin meiner Mutter erklärte: Ihre Tochter ist zu still, ruhig und zurückgezogen. Später hielten mich Mitschüler für arrogant, weil ich nicht viel sprach und als ich dann nach dem Abitur einen Praktikumsplatz suchte, las ich in Stellenanzeigen jedes Mal, dass ausschließlich aufgeschlossene und kommunikative Bewerber gesucht wurden. Guess what? Genau, ich fühlte mich überhaupt nicht angesprochen und war eingeschüchtert. Würde ich mich doch viel wohler beim Vorstellungsgespräch fühlen, so würden auch ruhige und ausgeglichene Charaktere gleichermaßen als potenziell wünschenswerte Praktikanten angesehen.

Eins muss ich klarstellen: Introvertiert zu sein, bedeutet nicht, dass man ausschließlich still in einer Ecke sitzt und kein Wort herausbringt. Es bedeutet nicht, dass man nicht aufgeschlossen gegenüber neuen Leuten ist und es liebt, sein ganzes Leben alleine zu sein. Unsinn. Stille Menschen sind viel mehr, als die Vorurteile aussagen. Sie denken erst nach, bevor sie sprechen und handeln selten unüberlegt. Sie sind einfühlsam, nachdenklich, sensibel und nehmen bewiesenermaßen Eindrücke von außen viel extremer wahr, als extravertierte Menschen. Sind diese Eigenschaften durch und durch negativ?

Ich werde oft darauf hingewiesen, introvertiert zu sein.

Das ist in Ordnung, obwohl ich mir sicher bin, dass Extrovertierte nicht gleichermaßen oft auf ihr markantes Temperament hingewiesen werden. Doch selten bleibt es nur dabei. Bei einem Abendessen letzte Woche richtete eine Person ganz unerwartet das Wort an mich: Du könntest schon etwas mehr aus dir herauskommen! Für eine Sekunde hielt Stille an. Vielleicht lag es an den zwei, drei Gläsern Wein, die ich bereits getrunken hatte, daran, dass ich mich vor versammelter Mannschaft in meinem Wesen angegriffen fühlte, oder an der Tatsache, dass weder meine Eltern, noch mein Freund etwas erwiderten – es fühlte sich nicht schön an. Der Moment war unpassend. Schnell sah ich weg und versuchte die kleine Träne in meinem Auge ganz weit wegzuschieben.

Und an dieser Stelle beginnt das, was ich nicht verstehen kann. Scheinbar muss ich verändert werden. Ich muss anders sein. Besser. Aufgeschlossener, energiegeladener, und vor allem eins: lauter. Ich frage mich warum und wozu. Zugegeben, die Extraversion hat viele Vorteile: Man wirkt sympathischer, netter, kommt schneller in Gespräche und hat es vielleicht an einigen Stellen einfacher im Leben. Ich bewundere beispielsweise meinen Freund, dem es unglaublich leichtfällt, auf fremde Leute zuzugehen, während ich stundenlang mit mir hadere. 

Wer mich auffordert, offener zu sein, meint es mit Sicherheit nur lieb und möchte mir helfen. Aber ich bin kein “Projekt”. Ich finde, jeder besitzt das Recht, dies in seinem eigenen Tempo zu tun, nur wenn er das möchte und so, dass er sich dabei wohl fühlt. So hart es klingt, solange ich niemandem damit weh tue, geht es keinen etwas an, auf welche Art und Weise ich das Leben meistere.

Letztendlich muss nur ich mit mir selbst jeden Tag zurechtkommen und nebenbei: Wusstet ihr eigentlich, dass Persönlichkeitsmerkmale, wie die Introversion und Extraversion, genetisch veranlagt sind und kaum veränderbar? Deshalb kann ich trotzdem an mir arbeiten und mit jedem Tag leichter auf Menschen zugehen, an dem ich an meine sozialen Grenzen stoße. Tun wir das nicht alle: An uns arbeiten? 

Erkenne, dass Schüchternheit keine Schwäche ist.

Es ist ein Privileg, durch das du mit Menschen und Dingen auf eine ganz besondere Art und Weise umgehen kannst, wie nur wenige. Du musst nicht verändert werden und deine introvertierte Art auch nicht ausgetrieben. Du bist okay so. 

Ich wünsche mir mehr Akzeptanz. Weniger Du musst mehr aus dir herauskommen! bei Germany’s Next Topmodel, oder ausschließlich Kommunikative Bewerber in Jobanzeigen. Ein bisschen weniger du bist zu und du musst mehr auf dieser Welt. Wo bleibt die Individualität? Verstehe, dass ich keinen Smalltalk mag, aber gerne über den Sinn des Lebens philosophiere. Dass ich ab und zu Zeit und Ruhe für mich selbst brauche, dir aber jederzeit stundenlang zuhöre, wenn du ein Problem hast.

Akzeptiere deine Mitmenschen und dich selbst. Hören wir auf, die Introversion als minderwertig zu betrachten und setzen den Vorurteilen in der Gesellschaft stattdessen ein Ende. Letztendlich kommt es auf den Menschen an, und nicht auf dessen Begabung, wie leicht er vor einem großen Publikum sprechen kann. 

Im Nachhinein würden mir wohl bessere Reaktionen auf den Spruch bei besagtem Abendessen einfallen, doch auch die Schlagfertigkeit gehört nicht zu meinen Stärken. Trotz dessen, dass ich mein Wesen im Gegensatz zu meiner Kindheit mittlerweile um einiges besser verstehe und dankbar bin, bin ich noch immer am Lernen. Dieses Gefühl des Verletztseins an diesem Abend scheint wie ein Verrat an mich selbst. Aber das ist in Ordnung, die Introversion wird wohl immer mein Wunderpunkt bleiben.

Mit diesem Text möchte ich mehr Aufmerksamkeit auf dieses eher unbeachtete Thema lenken. Unglaublich wichtige Dinge unserer Zeit wie die Anti-Bodyshaming-Bewegung und natürlich die Toleranz homosexueller Paare sind nicht mehr wegzudenken und deshalb: Die Akzeptanz der Persönlichkeiten bitte gleich mit auf die Liste! 

Emily ist 20 Jahre alt und schwebt momentan in dieser ungewissen Phase zwischen Schule und Studium. Die Zeit der Selbstfindung, in der man noch nicht weiß, wer man selbst ist, wer man sein möchte und wo das Ganze nur hinführen soll. Momantan macht sie ein Praktikum im Marketing, schreibt Texte und versucht dadurch ihre Eindrücke und Gefühle aus dem Leben zu dokumentieren. 

Die Bilder sind von Luka.

4 Kommentare

  1. Ein toller Beitrag, den so viele wie möglich lesen sollten!
    In unserer Gesellschaft ist Introversion etwas, das immer als negativ dargestellt wird. Es gilt, extrovertiert zu sein, nur dann hat man Etfolg im Leben.
    In meiner Schulzeit hieß es immer: Sei offener, sei selbstbewusster, sei anders!
    Und lange Zeit habe ich mich selbst dafür gehasst, dass ich nicht aus mir herauskommen kann. Dass ich in mir gefangen bin und in einer Gruppe Menschen unbeachtet untergehe.
    Auch ich habe bei Praktika gesagt bekommen, dass nur extrovertierte Menschen gesucht werden, ich solle mich am Besten gar nicht erst bewerben, da ich ja keine Chance hätte, wenn ich mich nicht sofort ändere.
    Aber das war der größte Fehler, denn ich bin so, wie ich bin. Und erst in meinem Beruf (ich bin Erzieherin) wurde meine Persönlichkeit akzeptiert, da sie Vorteile mir sich bringt. Denn es kommt nicht mehr darauf ankam, vorlaut und forsch zu sein. Gerade in der heutigen Zeit brauchen Kinder Ruhe und Geborgenheit, Menschen, die sich auch in ruhige Persönlichkeiten hineinversetzen können. Und ab da habe ich meine eigene Persönlichkeit akzeptiert.
    Heute sage ich zu den Menschen: Ich bin introvertiert und das ist gut so. Ich liebe mich, und wer ein Problem damit hat, ist definitiv niemand, den ich in meinem Leben haben möchte.
    An alle da draußen, die introvertriert sind: Seid euch bewusst, dass ihr gut seid. Dass Introversion nichts Schlechtes ist, sondern eine Eigenschaft, die euch ausmacht. Wir sind die stillen Menschen, die aber so viel zu sagen haben. Und die durch Ruhe und Kraft Wundervolles erschaffen.

  2. Vivien sagt

    Danke. Ich hab mich sehr verstanden gefühlt. Der Beitrag spricht aus, wie es mir schon lange geht, wobei ich mich im Moment in einem Statium befinde, in dem ich mich frage, wie viel des Introvertiert-Seins tatsächlich Teil meiner Persönlichkeit ist und was doch eher aus einem Gefühl der Angst entstanden ist. Natürlich kann ich meine Persönlichkeit nicht von Grund auf ändern, aber ich habe für mich beschlossen, dass das Leben außerhalb der Comfortzone stattfindet und dass ich manchmal einfach springen muss. Um meinetwegen.

  3. Atingita sagt

    Hmm.

    Um nochmal festzuhalten: Introvertiertheit ≠ Schüchternheit.

    Ich bin früher sehr verhaltensauffällig und temperamentvoll gewesen (bzw. bin es heute auch noch, aber sehr viel schwächer). Trotzdem bin ich introvertiert. Ich hab zwischen der 9. und 11. Klasse sehr viel an meiner Rhetorik und meiner inneren Einstellung geändert. Ursprünglich inspiriert von einem PUA-Buch, was ich heute für totalen Blödsinn halte. Aber es hat mir gezeigt, dass es durchaus keine Ambivalenz geben muss zwischen Introvertiertheit und auf andere Menschen zu gehen. Es ist auf Dauer vielleicht bisschen anstrengend, aber dann könne man sich den Abend ruhig Zeit nehmen für sich.

    Ich habe den Aspekt der Angeborenheit mal gegooglet, scheint zu stimmen, aber: “Mit zunehmender Reife und Lebenserfahrung wird man unabhängiger von der Meinung anderer. Das führt in vielen Fällen dazu, dass introvertierte Menschen deutlicher zu ihrer Meinung stehen als in jüngeren Jahren, dass sie eher auf andere Menschen zugehen und “ihr Ding machen”, sagt Dr. Löhken. Quelle: https://www.apotheken-umschau.de/Psyche/Introvertiertheit-Eine-unterschaetzte-Eigenschaft-224883.html

    Der Text wirkt auf mich so ein wenig wie: “Ich bin so wie ich bin, und so ist es gut.” Da muss man aber aufpassen, dass man irgendwann aufhört an sich selbst zu arbeiten. Denn auch wenn man es gern in seiner kleinen Welt hat, könnte ein Schritt in die Galaxie nicht schaden.

  4. Danke für diesen Text!
    Es tut immer gut, sich verstanden zu fühlen und daran erinnert zu werden, dass es viele andere Menschen gibt, denen es so geht wie mir!
    Seit einiger Zeit gelingt es mir ebenfalls, meine introvertierte Art anzunehmen und manchmal sogar zu schätzen.
    Doch ich habe immer einmal wieder schwache Momente, in denen ich sehr mit meiner Introversion zu kämpfen habe und den Tränen nahe bin. Das wird meistens durch eine kürzlich erlebte Alltagssituation getriggert, in der ich es nicht geschafft habe so zu handeln, wie ich es gern getan hätte.
    Ich bin froh, dass es mir immer öfter gelingt, meine Komfortzone zu verlassen und ich mich sogar immer wohler dabei fühle. – Und dass mir das trotzdem nicht jedesmal gelingt, versuche ich zu akzeptieren.
    Die Introversion gehört nun einmal zu meiner Persönlichkeit. Aber sie kann und sollte dabei nicht als Schwäche angesehen werden – weder von mir selbst noch von Anderen…

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