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Vorbilder und Trugbilder

Wir alle haben sie. Wir alle haben verschiedene Vorbilder. Manchmal wollen wir uns vielleicht gar nicht so recht eingestehen, dass wir eine bestimmte Person bewundern. Wir kleistern unsere Wände voll und können gerade anhand des Internets fast jeden Schritt einer bestimmten Person verfolgen. Wir versetzen uns in die hinein, die wir bewundern, und wollen zumindest ein bisschen so sein wie sie. 

Gibt es gute und schlechte Vorbilder? Wie hat sich dieses Phänomen in den letzten Jahren verändert? Wie sehr brauchen wir Vorbilder, um uns selbst zu finden?
In dieser mehrteiligen Reihe setzen wir uns mit genau diesem Thema auseinander. Denn Vorbilder sind das, was wir daraus machen.

Ein bisschen so sein wie sie …

In meinen Augen sind Vorbilder Menschen, die ich aufgrund dessen, was sie erreichen oder was sie sagen, bewundere. Menschen, die mich anspornen, mein Leben selbst in die Hand zu nehmen und das zu ändern, was mir nicht gefällt. Die mir das Gefühl geben, dass sowas überhaupt möglich ist. Oft ist es auch so, dass uns selbst gar nicht so bewusst ist, wie sehr uns bestimmte Personen beeinflussen, bis wir einen Schritt weiter sind und zurückschauen können. 

Sich an anderen Menschen zu orientieren ist völlig normal: Woher soll deine Entwicklung kommen, wenn du nicht auch beeinflusst wirst? Dadurch erhältst du ja erst die Möglichkeit, dir auszusuchen, was dir gefällt und was nicht. Was dein Standpunkt ist.

Als ich 14 oder 15 Jahre alt war, hat der Gedanke, dass da diese Person ist, die mich so inspiriert und prägt, oft meinen Alltag „erträglicher“ gemacht und mich motiviert. Oft habe ich mich gefragt: „Was würde sie jetzt machen?“

Natürlich muss ein Vorbild auch gar nicht unbedingt jemand sein, der dir so fern ist. Viele würden auch ihre Schwester, ihren besten Freund oder ihre Großmutter als Vorbild nennen – auch, wenn man das mit 14 oder 15 nicht unbedingt zugeben würde. Und auch wir selbst sind sicherlich Vorbilder: vielleicht für das Nachbarskind, den kleinen Bruder oder eine*n Mitschüler*in.

Trugbilder und Unwirklichkeiten

Der Begriff Idol kommt aus dem lateinischen idolum und griechischen εἴδωλον und bedeutet eigentlich „Bild, Abbild“, speziell „Trugbild“*. Sehr interessant, wenn man bedenkt, dass wir auch dazu tendieren, in so ein Vorbild mehr hinein zu interpretieren, als die Person eigentlich im „echten Leben“ ist. Wir stellen sie auf eine Stufe, die so viel höher ist als die, auf der wir selbst sehen, dass wir uns ihr komplett unterordnen. Wir verlieren das Gefühl, die Handlungen dieser Person objektiv betrachten zu können, weil wir mit so viel Leidenschaft dabei sind und so viel Positives mit ihr verbinden. Deshalb ist es wichtig, sich genau dessen bewusst zu werden: Ich kenne diese Person nicht wirklich, sie ist das, was ich gerade aus ihr mache. Ich bastele sie mir sozusagen selbst zusammen. Alle meine Wunschvorstellungen packe ich in diese eine Person – deshalb wirkt sie so perfekt auf mich. Doch in Wirklichkeit ist niemand perfekt, alle haben Probleme und mit sich selbst und der Welt zu kämpfen.

Außerdem ist es wichtig, sich einzugestehen, dass das, woran man so festhält, ein Trugbild sein kann und damit leben zu können. Sich selbst also dahingehend von der Person zu distanzieren. 

„Ich wäre gern so hübsch wie sie“

Häufig kommt es auch dazu, dass wir uns selbst degradieren, also das Gefühl haben, weniger Wert zu sein, weil wir unser Vorbild so vergöttern. Wir wünschen uns „Ich möchte genauso sein wie du“, wollen das Aussehen, den*die Partner*in, die Wohnung, den Lifestyle. Aber das können wir nicht, denn wir sind immer „nur“ unsere eigene Person. Wir sind wir. Und das ist gut so. Es gibt einen Grund, warum wir nicht diese andere Person sind.>

Denn auch wenn es so scheint, als wären die Probleme unserer Vorbilder minimal, möchte ich nur noch einmal erwähnen – Wir sehen nie die ganze Wahrheit, immer nur die geschmückte, zusammengebastelte, glitzernde Fassade. Die Gesellschaft hasst Fehler und Imperfektionen, deshalb werden sie auch unseren Vorbildern wegretuschiert (oder wir übernehmen das selbst).

Ich bin mein eigener Mensch.

Ich habe in meinem 21-jährigen Leben ungefähr neun Jahre damit verbracht, Fan zu sein, beziehungsweise das Leben einer Person zu verfolgen, die ich persönlich eigentlich überhaupt nicht kenne. Ich habe all mein Geld für Konzerte oder Fan T-Shirts ausgegeben, mich auf sämtlichen News-Plattformen täglich mit neuen Informationen gefüttert. Ich habe mein eigenes Leben von dem dieser Person abhängig gemacht und das habe ich auch gebraucht. Trotz allem ist aus mir eine Person geworden, die ihrem Vorbild nicht nacheifert, sondern ich hab mein eigenes Ding aus dem gemacht, was sie mir gegeben hat. Und genau darum geht es: Die Inspiration vom Anhimmeln abgrenzen und es dir selbst erlauben, deine eigene Entwicklung zu durchleben. Sich auf dieselbe Stufe zu stellen: Wir sind gleichwertige Menschen. Du bist nicht wertvoller, weil du berühmt bist oder weil du mehr Likes oder Follower hast. Ich lerne von dir, ich nehme mir das, was ich brauche, um selbst zu wachsen. Ansonsten grenze ich mich von dir ab.
Ich bin mein eigener Mensch.

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Text und Bilder von Imina.
Die Bilder von Lady Gaga sind von hier.

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