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Alle Jahre wieder – und wenn nicht?

Als ich vor ein paar Wochen durch die licht- und dekorationsüberflutete Stadt lief, vorrüber an Weihnachtsbuden, Eisbahn und durchgestylten Schaufenstern, kam mir eine Frage: Was hat Weihnachten überhaupt noch für eine Bedeutung für uns? Warum jedes Jahr aufs neue ein Zeitabschnitt, in dem eine Fassade aus dem Nichts auftaucht und für ein paar Wochen so tut, als ob? Was gibt uns diese Zeit eigentlich?


Dass nicht jeder Weihnachten feiert, dürfte klar sein; egal ob aus religiösen oder anderen persönlichen Gründen. Jedoch können wir uns alle, egal ob wir Weihnachten feiern oder nicht, schlecht gegen die Flut von vorweihnachtlichen Konsumgütern, übertriebener Dekoration und Gedudel im Radio wehren. Die Weihnachtszeit ist in meinen Augen nur noch die Zeit von Konsum und Profit. Uns allen ist klar, warum Weihnachten eigentlich gefeiert wird. Aber was sich daraus entwickelt hat, ist irgendwie seltsam.

Ich frage mich immer, warum es gerade die Weihnachtszeit ist, die so von der Allgemeinheit zelebriert und kommerzialisiert wird. Warum ist es beispielsweise nicht Ostern? So viele Fragen, auf die ich keine Antwort weiß.

Unser schon angesprochenes Konsumverhalten hinterlässt dabei bleibende schwere Schäden. Müllberge durch Weihnachtsmärkte mit Plastikgeschirr, unzähliger Verpackungs- und Paketmüll und Dekorationen in Städten und in Vorgärten, die Strom und Nachhaltigkeit auf eine harte Probe stellen. Mit weihnachtlichen Süßigkeiten und Speisen überlaufende Supermarktregale – so viel, dass es ein Land in dieser kurzen Adventszeit nie essen könnte. Das sind nur einige der Kehrseiten, die das große Fest der Liebe mit sich bringt.

Machen können wir dagegen nicht viel. Adventsmärkte und Kaufrausch haben sich in Verbindung mit Weihnachten manifestiert. Komisch wäre es auch, wenn das alles auf einmal nicht mehr da wäre. Aber ist das wirklich alles, was uns Weihnachten heute noch geben kann? Klar, gläubigen Menschen gibt Weihnachten vor allem einen der wichtigsten Feiertage im Kirchenjahr. Und obwohl wir zwar alle mal an Weihnachten eine Kirche betreten, ist das trotzdem nicht das selbe.

Ich selbst bin nicht gläubig und suche seit einigen Jahren verstärkt danach, was Weihnachten eigentlich für mich bedeutet. Als Kind ist die Antwort klar: da hat Weihnachten immer vorrangig Bescherung bedeutet, Plätzchen backen und Spaß haben. Wenn ich bedenke, dass es auch Menschen gibt, für die Heiligabend abläuft wie jeder andere Tag auch, dann frage ich mich, wie es wohl wäre, wenn dieser Tag plötzlich für mich auch einfach nur irgendein Tag wäre, die Adventszeit einfach nur Winter.

Ich glaube, dass jeder von uns sich einmal überlegen sollte, was Weihnachten für ihn persönlich bedeutet. In der Werbung kriegt man immer das Image der fröhlichen Familie entgegen geschleudert, die gut situiert gemeinsam am Tisch sitzt und einfach eine schöne Zeit hat. Und genau das ist ein Problem, das nach dem unfassbar problematischen Konsum die Weihnachtszeit auch ausmacht. Die heile Welt der Adventszeit baut eine Fassade um uns, die uns unterbewusst vorschreibt, glücklich sein zu müssen. Traurig sein zur Weihnachtszeit ist irgendwie unvereinbar mit der Vorstellung, dass diese Zeit ja eigentlich so wunderbar und familiär und freundlich ist. Zu Weihnachten hat sich anscheinend jeder lieb, bis die Wochen verstreichen und die Fassade bröckelt.

Wir sollten alle selber einmal darüber nachdenken, ob es uns wirklich immer so geht, wie wir uns in der Weihnachtszeit zu fühlen meinen. Für mich war Weihnachten immer ein glückliches Fest. Doch auch ich werde älter und bemerke, dass Geschenke zweitrangig sind und ich froh sein kann, noch mit meinem gesamten engeren Familienkreis Heiligabend feiern zu können. Auch ich habe Momente, in denen ich wir wünschen würde, dass Menschen dazu noch da wären, die es aber einfach nicht mehr sind. Weihnachten ist deshalb für mich vor allem eins geworden: ein Aufzeigen, eine Erinnerung daran, das vieles vergänglich ist. Dass Nichts immer so heile bleibt, wie es in diesen paar Wochen sein will. Dass Kindheit vergeht, dass Geborgenheit nicht immer da ist, wenn man sie braucht und dass zwar der 24. immer wiederkehrt, aber wir nicht wissen, wie er im nächsten Jahr schon für uns sein könnte.

Für so viele Menschen auf dieser Welt, in diesem Land oder in eurer unmittelbaren Bekanntschaft ist Heiligabend ein vielleicht trauriger Tag. Auch das gibt es. Vor allem von älteren Menschen hört man oft, dass die Advents- und Weihnachtszeit sehr traurig für sie ist. Nicht zuletzt, weil sie wissen, dass dieser Tag nicht jedes Jahr so schön sein kann, wie er es vielleicht in früheren Jahren war. Trauer zu Weihnachten, wehmütiges Erinnern, einfach auch einmal nicht so happy sein, wie es die Merci-Werbung vormacht. Wir alle dürfen die Fassade bröckeln lassen, auch (oder vielleicht vor allem) an Weihnachten. Nur weil die Welt durchdreht und sich in Konsum und Dekokram hüllt, bleiben wir weiterhin wir.

Heiligabend bleibt, aber die Zeit läuft weiter und fragt uns nicht. Nicht nur rohen Plätzchenteig essen ist zu Weihnachten erlaubt, auch weinen, unglücklich sein. Man will nie jemandem die Freude an Weihnachten verderben und es soll auch nicht der Sinn dieses Textes sein. Aber statt uns von der genannten Fassade blenden zu lassen und uns ständig nur um das Beschenken und Geld ausgeben für andere zu kümmern, sollten wir uns auch einmal auf uns und unsere Gefühle besinnen. Wir können uns selbst dieses Jahr das größte Geschenk machen und ehrlich zu uns sein.

Der Text ist von Dominik, die Bildcollagen sind von Imina.

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