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Hinter der glitzernden Weihnachtsfassade

Weihnachten – das Fest der Liebe, der Erleuchtung, der Gemütlichkeit. Und was man sonst noch so kennt. 

Obwohl so viele Menschen gern Last Christmas hören, Plätzchen backen und Glühwein auf dem Weihnachtsmarkt schlürfen, gibt es mindestens genauso viele, denen dieses Fest herzlich egal ist: Menschen, die trauern, Menschen, die es aus religiösen Gründen oder aus Prinzip nicht feiern, und denen trotzdem jedes Jahr ab Mitte November mit der Weihnachtskeule ins Gesicht geschlagen wird.

Ich habe mich eigentlich jedes Jahr riesig auf Weihnachten gefreut und auf jeden Fall zur Fraktion Lebkuchen-und-Weihnachtsmusik-ab-September gehört. Nur, weil sich dieses Jahr alles für mich geändert hat, beginne ich dieses Fest erstmalig zu hinterfragen und mir auch die andere Seite anzuschauen.

„Also meine Familie und ich sind jüdisch. Feiern deswegen kein Weihnachten, sondern Hannukah, aber das auch nicht wirklich, außer dass wir Kerzen anzünden. Die Tage vom 24.-26. Dezember sind immer stinknormal bei uns, was ich manchmal ein bisschen schade finde weil ich auch mal Lust hätte auf so ein riesiges Essen mit der ganzen Familie und Klößen, Bescherung und so weiter.“

Elisabeth

Vergessen wird oft, dass Weihachten ein christliches Fest ist, mit dem eigentlich ursprünglich Jesu Geburt zelebriert wurde (Stall, Hirten, Weihrauch und so). Tatsächlich gehen viele Menschen, die eigentlich sonst nie in die Kirche gehen, an Weihnachten dorthin. Nicht unbedingt um des Glaubens willen, sondern eher um „in Weihnachtsstimmung zu kommen“, während man Oh, du fröhliche trällert. Ich habe in meiner Kindheit in jedem Krippenspiel mitgemacht und so die Reise von Maria & Josef jedes Jahr neu erzählt bekommen. 

Aber nicht alle Menschen sind christlich und haben auch nur irgendwas mit diesem Kind in der Krippe am Hut. Und trotzdem ist es hierzulande eigentlich gar nicht möglich, vor Weihnachten zu flüchten. Denn es wird uns an jeder Ecke aufgedrängt. 

Eine einzige Anstachelung zu mehr Konsum, mehr Einkäufen, mehr Geldausgaben

Vor allem haben Geschäfte und Online-Händler aus Weihnachten eines gemacht: Eine riesige Anstachelung zu mehr Konsum, mehr Einkäufen, mehr Geldausgaben. Nach oben hin ist zum Fest der Liebe also alles offen, kein Geschenk zu teuer. Black Friday, ursprünglich aus Amerika und seit einigen Jahren bei uns, lockt uns mit riesigen, roten Werbetafeln von 20%! 50%! 70%! und führt zu einem einzigen Kaufrausch, bei dem ich die Innenstadt lieber meide.
Ich ertappe mich selbst immer wieder dabei, nach immer teureren Geschenken für meine Lieben zu suchen, um mich selbst zum vorherigen Jahr zu übertrumpfen. Wie oft ich gequält durch die Stadt renne und mir den Kopf darüber zerbreche was in aller Welt ich denn bestimmten Menschen schenken könnte, bei denen mir noch nie etwas richtig Gutes eingefallen ist. 

Ich denke es ist wichtig, sich dessen bewusst zu werden, dass all diese Geschäfte uns nur vorgaukeln, wir bräuchten bestimmte Dinge unbedingt, dass aber aber im Endeffekt nur ums Viel-Geld-machen geht. Ist deine Oma nur überzeugt, dass du sie gern hast, wenn du ihr ein 50 Euro-Parfüm schenkst, oder freut sie sich vielleicht sogar noch mehr, wenn du dir die Zeit nimmst, ihr eine liebe Karte zu schreiben und eine Kleinigkeit zu basteln oder zu backen? Klar, manchmal gibts einen Herzenswunsch, der ein bisschen teurer ist, aber ich glaube nicht, dass es nicht darum geht, sich teuer zu beschenken, sondern der beschenkten Person zu zeigen, was dir so viel an ihr bedeutet. Zu diesem Thema fand ich diesen Artikel sehr interessant.

Weihnachten allein, gestresst oder überfordert

Weihnachten ist das Fest der Liebe. Die Familie kommt zusammen, beschenkt sich, es wird gut gegessen. Doch manche Familien sind so kaputt, dass sich kein schönes Fest ergeben kann. Viele, bei denen die Eltern getrennt leben, pendeln zwischen zwei Familien hin und her und sind gestresst. Viele wollen es allen anderen einfach nur Recht machen, stressen sich mit den Vorbereitungen, sodass sie selbst gar nichts vom Fest haben. Für Menschen, die aus komplizierten Familienverhältnissen kommen, stellt Weihnachten ein riesiges Hindernis dar – und ist oft eher ein Muss als ein besinnliches Fest.

„Ohne Familie und Freunde macht es wenig Sinn. Allgemein Feste und mein Geburtstag sind für mich wie Salz in Wunden. Selbst wenn ich eingeladen werde ist es, als müsste ich eher denjenigen einen Gefallen tun, meine Gefühle unterdrücken, die ich eigentlich habe, um nicht undankbar, unangenehm oder deprimierend zu wirken, sondern den Leuten ein gutes Gefühl zu geben. Dieses Jahr werde ich das allererste Mal ganz allein in meiner Wohnung bleiben, zum Glück habe ich keinen Fernseher oder Radio, die mir mit aller Gewalt mit Werbung und Filmen einbrennen wollen, was für ein Tag gerade ist und was mir angeblich fehlt: Verbindung, wahrhaftige Nähe, die Möglichkeit, zu Geben, das Gefühl, im tiefsten Inneren gebraucht und wertgeschätzt zu werden. Meine Wurzeln – meine Familie, die mir eigentlich Halt geben sollte, hat mich sehr krank gemacht und ich musste den Kontakt abbrechen, um nicht weiter manipuliert, verletzt und vergiftet zu werden.

Laura lebt in Folge einer komplexen posttraumatischen Belastungsstörung isoliert


Und dann gibt es die Menschen wie mich, die Weihnachten nicht so zelebrieren können wie sonst, weil jemand verstorben ist. Die Hinterbliebenen sitzen beisammen und wissen gar nicht so recht, was sie mit sich anfangen sollen und fühlen sich dem Druck ausgeliefert, trotzdem so „funktionieren“ zu müssen wie gewohnt. Alles ist auf einmal grundlegend anders und ich finde all diese aufgesetzte Fröhlichkeit in diesem Jahr ehrlich gesagt zum Kotzen weil ich rein gar nichts davon nachfühlen kann. 

Weihnachten als Erinnerung, dankbar zu sein

Bei uns gibt es in diesem Jahr keinen Weihnachtsbaum und wir feiern im viel kleineren Kreis als die Jahre zuvor. Wir werden wahrscheinlich viele Tränen vergießen statt vor Freude zu strahlen und uns nicht großartig beschenken. Denn uns ist in diesem Jahr vor allem eines klar geworden – es gibt wichtigere Dinge, als sich über Kleinigkeiten wie das weihnachtliche Festmahl oder riesige Geschenke den Kopf zu zerbrechen: Wir sollten uns freuen, dass wir uns haben und uns Weihnachten vielleicht als Erinnerung dafür nehmen, dankbar dafür zu sein und uns das gegenseitig mitzuteilen.

Um Weihnachten wird jedes Jahr ein riesiger Wind gemacht, den vor allem Kapitalismus und Konsum antreiben. Das Fest kommt immer schneller als gedacht („Wie, schon Mitte Dezember? – Ich hab noch gar keine Geschenke!“) und am Abend des 26. fragt man sich “Wie, das war’s schon?” 

Ich denke es ist wichtig, auch an all die Menschen an Weihnachten zu denken, die nicht in dieser happy Blase aus Wärme, Freude, Beisammensein, vollen Mägen und glühenden Wangen, schweben. Die, die es gerade schwer haben.
Und nicht zu vergessen: Weihnachten ist auch nur ein Fest. Genießt die freien Tage in vollen Zügen. Dafür sind sie doch eigentlich da – ob ihr feiert, oder nicht.

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Worte und Bilder von Imina.

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