Inspiration
Schreibe einen Kommentar

Lieblinge im November

Jedes Jahr fürchte ich mich ein bisschen vor dem November. Dunkelheit, Kälte, der erste Schnee, Leute, die bereits komplett die Fassung mit ihrer Weihnachtsdekoration verlieren. Nie bin ich melancholischer und meist schlechter gelaunt als im November. Doch auch diese Zeit muss ich überstehen und viele schöne Dinge helfen mir auch dabei. Um ein paar der schönsten soll es heute hier gehen.

Eines der schönsten und bewegendsten Bücher die ich je gelesen habe, hat mich gleich Anfang des Monats erfreut: Kitchen von der japanischen Schriftstellerin Banana Yoshimoto. Gehört habe ich von ihr schon einige Male, doch habe nie irgendetwas von ihr gelesen. Im Frühjahr las ich eine Rezension über Kitchen und war nicht abgeneigt. Noch im April habe ich das Buch gekauft, aber seither im Schrank stehen lassen. Im Nachhinein weiß ich: was für ein Fehler. Das Buch ist in drei Teile gegliedert, wobei die ersten beiden Teile zusammengehören und der dritte Teil eine für sich abgeschlossene Geschichte mit völlig anderen Personen erzählt. In den ersten beiden Teilen, die wie das Buch auch Kitchen und Kitchen II heißen, wird die Geschichte von Mikage erzählt, die bis vor kurzem noch mit ohrer Großmutter, der einzigen noch Lebenden der Familie, zusammenwohnte. Nachdem ihre Großmutter stirbt ist sie vollkommen allein. Sie wird aber bald schon von einem Bekannten ihrer Großmutter, dem Studenten Yūichi und seiner Mutter, aufgenommen. Mikage und Yūichi entwickeln eine noch etwas befremdliche Beziehung zu einander. Vor allem zu Yūichis Mutter Eriko, ein Transvestit, der eigentlich mal Yūichis Vater war und eine Nachtlokal leiter, hegt Mikage eine innige Freundschaft. Bis ein Schicksalsschlag nach dem anderen diese Wahlfamilie auseinander reißt und auch die Beziehung zwischen Mikage und Yūichi immer wieder neu auf die Probe stellt. Auch im der dritte Teil des Buches erzählt die Geschichte einer jungen Frau, die bei einem Autounfall ihrem Partner und eine Freundin für immer verliert. Auch sie lernt durch ein fast übersinnliches Erlebnis mit ihren Verlusten umzugehen und neues Lebensmut zu schöpfen. Ich habe selten ein so berührendes Buch gelesen. Banana Yoshimoto schreibt zwar in einer simplen Sprache, aber dennoch genug, um die Emotionalitäten und Gefühle ihrer Figuren auf den Punkt zu bringen. Kitchen ist ein Buch, das nicht nur Leuten, die einen großen Verlust ausstehen müssen viel geben kann. Denn die Erkenntnisse, die man aus diesem Buch ziehen kann, sind für alle wichtig. Leid und Verlust gehören zum menschlichen Dasein dazu. Wir können Trauer und Tod nicht umgehen, egal wie stark wir es versuchen. Wir müssen uns dem Sterben bewusst sein, weil wir sonst gar nicht klar darüber wären, dass wir leben. Denn vor allem eines sagt Kitchen aus: immer, wenn wir neue Menschen in unser Leben lassen, müssen wir davon ausgehen, dass wir sie wieder verlieren könnten.

Fast die gleiche Problematik behandelt auch Wunschloses Unglück von Peter Handke, jedoch weniger optimistisch, als es bei Banana Yoshimoto der Fall ist. Wunschloses Unglück ist ein kurzes Buch, das man innerhalb von 1-2 Tagen lesen kann. Trotz seiner Kürze erzählt es die Fülle eines unsagbaren Schmerzes. Das erzählende Ich verliert seine Mutter. Das Buch erzählt die Lebensgeschichte dieser Mutter mit allein Leiden und Freuden, aber vor allem erzählt es den Werdegang einer emanzipierten und starken Frau. Doch letztendlich nicht stark genug um Herr ihres Leids zu werden, denn Maria, wie die Mutter heißt, stirbt letztendlich durch Suizid. Das erzählende Ich erkennt, dass ein Tod nicht mit der Beerdigung des Menschen bewältigt ist und beschreibt das Fortbestehen einer klaffenden Wunde, die der Tod seiner Mutter aufgerissen hat.

Quasi wiederentdeckt habe ich auch die Lyrik von Hilde Domin. Ich habe viele Gedichte von Hilde Domin lange nicht verstanden; viele von ihnen waren mir eine zeitlang irgendwie zu verschlüsselt formuliert. Doch jetzt verstehe ich vieles anders und vor allem neu. Und mir ist auch klar geworden, besonders bei Hilde Domin, dass die Schönheit der Worte manchmal wichtiger sein kann als der Inhalt, der sich aus ihnen erschließt. Ihre Lyrik erzählt von Natur und Mensch, Tod und Vergessen, aber vor allem versucht sie aufzuschlüsseln, was Liebe eigentlich ist – in Worten, Bildern und Emotionen. Auch mein liebstes Gedicht von ihr Es gibt dich (siehe Bild) behandelt passenderweise den Tod und das Erinnern. Denn kein Mensch ist wirklich tot, solange man ihn nicht vergisst und das Gedenken an ihn aufrecht erhält. Doch vor allem eines wird bei Hilde Domin deutlich: der Wunsch nach einer Welt von Frieden, Gleichheit und gegenseitiger Akzeptanz. Genau das sucht Hilde Domin, die nach Kriegende aus ihrer Exilheimat St. Domingo (daher ihr Künstlername Domin) nach Deutschland zurückkehrt. Am Anfang ihres Gedichtbands Ich will Dich schreibt sie: Damit es anders anfängt – zwischen uns allen.

Zu meiner melancholisch- depressiven Grundstimmung, die der November mit sich bringt, habe ich mit den Klavierstücken von Alexandra Stréliski die passende Musik gefunden. Die französisch-kanadische Klavier- und Filmkomponistin habe ich erst vor kurzem entdeckt, mich aber sofort in ihre kurzweiligen jedoch unglaublich schönen Klavierstücke verliebt. In ihrer Musik verbindet sich kanadische Lebensfreude mit französisch jugendlicher Melancholie. Zwei Alben sind von ihr erhältlich, wobei mir ihr erstes Album Pianoscope am besten gefällt. Ihr Stück Prélude von diesem Album weckt mich seitdem jeden Morgen.

Der November ist geschafft und ich habe gemerkt, dass Trauer und Verlust noch nie näher waren. Die Vergänglichkeit ist für mich im November so präsent wie das ganze Jahr lang nicht. Wenn ich aus dem Fenster schaue und die trostlos kahle Natur sehe, sehne ich mich unsagbar nach meiner Fahrt nach Paris und den Tagen dort im Frühling. Doch ich halte mir vor Augen, dass auch der November und seine Trauer vorbeigehen und lerne, dass es mir viel mehr gibt dankbar für eben diese Tage in Paris zu sein, als mich immer wieder nach ihnen zu sehnen. Auch leistungstechnisch hatte ich im November mit großen Zweifeln zu kämpfen. Ich fühlte mich unproduktiv, kreativ erschöpft und einfach nicht gut genug. Bei diesen Zweifeln hat mir eine Stelle aus einem Gedicht von Hilde Domin geholfen: Fürchte dich nicht, es blüht hinter uns her. Nicht alles was wir tun und beginnen reift sofort. Manche unserer Taten werden sich erst in Zukunft als gut erweisen. Manches was wir heute erst säen, blüht eben manchmal erst hinter uns her. Lasst uns das nicht vergessen.

Die Bilder und die Lieblinge sind von Dominik.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.