Körper & Bewusstsein
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Mutprobe? Eine Therapie beginnen

Wenn man sich ein Bein bricht, dann geht man zum Arzt. Wenn die Seele schmerzt oder alles plötzlich ausweglos erscheint, dann auch! Diesen Schritt zu gehen ist für die meisten aber erstmal eine ganz schön große Überwindung. Wenn man dann doch all seinen Mut zusammen nimmt und sich auf die Suche nach einem geeigneten Arzt macht, wird es einem leider nicht so leicht gemacht. Einen guten Therapeuten zu finden – das ist gar nicht so einfach. Aber die Suche lohnt sich, es geht schließlich um Dich und deine Gesundheit. Deswegen haben wir einige Erfahrungsberichte und Tipps zusammen getragen, die euch die Suche nach einem Therapieplatz erleichtern sollen.

F.

Als sich in meinem Leben herauskristallisierte, dass manche meiner Probleme tiergehender und schwerwiegender waren, als dass ich sie alleine hätte meistern können, musste ich mir Hilfe suchen. Und natürlich sind Eltern und Freunde, vielleicht vor allem zu Beginn, dabei eine Stütze. Wobei sie besonders das sind: Eine Stütze. Eltern, Freunde, nah stehende Menschen können nicht heilen. Und das schreibe ich so drastisch, weil wir häufig zu hohe Erwartungen an derlei Beziehungen hegen und sie daran leider scheitern können und das nicht passieren soll. Mit einem gebrochenen Bein gehen wir schließlich auch zu einem Arzt und nicht zu unseren Liebsten. Sie können wunderbar helfen auf dem Weg dahin und währenddessen Kraft schenken und unterstützen, aber weiteres ist nicht ihre Aufgabe.

Wenn man dann eine*n Therapeut*in, eine*n Psychologin/Psychologen oder eine*n Psychiaterin/Psychiater für sich passend gefunden hat, weiss man garantiert, wofür sich die Suche lohnt. Und darüber möchte ich ja auch eigentlich schreiben, über die Suche und das Finden des richtigen psychotherapeutisches Fachpersonals.

Da ich es vor allem in der Schule nicht einfach hatte, ging ich zu Beginn zu einer Schulpädagogin, die es zum Glück an meiner Schule gab. Sie hat mir sehr geholfen mein Verhalten zu reflektieren, Situationen anders zu betrachten und mich selber in der Pubertät besser zu verstehen. Allerdings war sie in der Zeit nicht die einzige professionelle Hilfe die ich bekam. Außerdem probierte ich eine Kunsttherapeutin, einer Psychiaterin und einer Psychologin aus. Bis ich dann schließlich meine finale Therapeutin gefunden hatte, hat es drei Jahre gedauert. Die anderen, vorherigen „Stationen“ haben nicht zu mir gepasst. Ich habe mich entweder mit diesen Helfer*innen nicht verstanden, mich nicht verstanden gefühlt oder die Methodik hat nicht zu mir gepasst.

Denn die wenigsten finden die richtige Hilfe auf Anhieb.

Es erscheint einem manchmal wie die Suche der Nadel im Heuhaufen. Aber ich möchte euch beruhigen. Gebt nicht auf, wenn ihr nach ein paar Sitzungen merkt, dass die Chemie nicht stimmt oder ihr euch unwohl fühlt. Seid dabei ehrlich mit euch. Denn die Suche nach einer passenden Therapie/Hilfe kann ähnlich sein wie die Suche nach einer Freundin oder einem Freund. Nicht jede*r passt zu jeder/jedem. Und ich kann euch versichern, jede*r findet einen Menschen, der „passt“. Die/der deine Gedankengänge versteht und weiss, wie sie/er dir helfen kann. Nach meinen Besuchen bei den verschiedenen Hilfen, habe ich schließlich die richtige Person für mich gefunden und habe mittlerweile meine Therapie erfolgreich abgeschlossen.

C.

Meinen ersten richtigen Kontakt mit dem Thema Therapie hatte ich in meiner späten Jugend. Ich stand kurz vor meinem Abitur und hatte schon über ein Jahr diese komischen Attacken, die meistens kamen, wenn ich in zu engen Räumen oder von zu vielen Menschen umgeben war, manchmal aber auch komplett grundlos. Im Nachhinein wurden mir diese Gefühle als Panikattacken und Angststörung, die auch als Anxiety bekannt ist, diagnostiziert. Ich habe in dieser Zeit mit niemandem gesprochen und versucht, alles geheim zu halten. Rückblickend hat diese Geheimnistuerei meine Probleme nur gruseliger und weniger greifbar gemacht.
Am Ende war es meine beste Freundin, die bemerkt hat, dass etwas nicht stimmt. Sie hat mich ermutigt, nach und nach mit meinen Freunden zu reden. Alle haben komplett verständnisvoll reagiert und sich darüber informiert, wie sie mir bestmöglich helfen können. Meine beste Freundin war es auch, die mich ermutigt hat, mit meiner Mutter zu reden, damit sie mir helfen kann, einen Therapeuten zu finden. Auch meine Mama hatte großes Verständnis und konnte mir relativ schnell einen Psychologenplatz organisieren. Wenn ich ganz ehrlich sein soll, muss ich sagen, dass mir der Kontakt mit dieser ersten Psychologin nicht viel gebracht hat. Deshalb mein ehrlicher Tipp: nehmt euch Zeit, jemanden zu finden, mit dem ihr auf einer Wellenlänge seid!

Als nach meinem Abi auf einmal der Leistungsdruck weg war, ging es mir schlagartig besser. Als ich nach einem Jahr Pause jedoch letztes Jahr mit der Uni angefangen habe, war schnell alles wieder wie zuvor. Der beste Ausweg, den ich gesehen habe (und immer noch sehe) ist eine Therapie.

Es stellte sich allerdings schnell heraus, dass es viel schwerer ist, einen Therapieplatz zu bekommen, als ich gedacht hätte. Wenn ich anfangs dachte, es wäre anstrengend, etwa drei Monate auf einen Platz zu warten, war es noch anstrengender, überhaupt erstmal an diesen Punkt zu kommen. Therapeuten haben nur sehr selten Sprechzeiten, in denen man sie überhaupt erreichen kann und diese Sprechzeiten dauern dann teilweise nur etwa eine halbe Stunde. Was mir dieses Mal geholfen hat, war die Hilfe meiner Freundin. Sie hat sich mit mir hingesetzt und Listen geschrieben – die Namen der Therapeuten, die ich kontaktieren wollte (ich wollte nur zu weiblichen), die Sprechzeiten und ob und wann ich schon angerufen habe. Das alles hat mir geholfen, einen Überblick zu behalten. Ich warte aktuell noch immer auf meinen Platz, aber ich bin zuversichtlich und hoffe, dass es mir dieses Mal dauerhaft helfen wird!

L.

Sich einzugestehen, dass man Hilfe braucht, ist nicht einfach.
Aber allein über diesen Schritt nachzudenken – dass es so wie bisher nicht mehr weiter geht – und sich damit auseinanderzusetzen, hilft sehr. Ich habe damals nur mit ein oder zwei Freunden darüber gesprochen, dass ich zu einer Therapeutin gehe. Eigentlich waren sie es, die zu meinen Eltern gegangen sind und meinten, dass es vielleicht sinnvoll wäre.
Zu dem Zeitpunkt fand ich es nicht so schlimm, es war wie ein besonderer Zahnarztbesuch, über den man einfach nicht mit jedem spricht.

Wir haben viel über Träume und Kindheitserinnerungen geredet. Es hat gut getan. Ich habe mich mit meiner Therapeutin gut verstanden, was sehr wichtig für mich war. Ich war in dieser Zeit sehr labil und habe viel verarbeitet, aber auch sehr viel über mich und meine Familie gelernt.
Nach den Sitzungen habe ich mich meistens ins Bett gelegt, weil ich so kaputt war. Ich war circa eineinhalb Jahre in Therapie: einmal pro Woche oder alle zwei Wochen – außer wenn Ferien waren oder etwas dazwischen kam.
Ich fand es nie schlimm, zur Therapie zu gehen und hatte nicht das Gefühl das ich hin gehen muss.

N.

Ich befinde mich noch ganz am Anfang meiner Therapeutensuche. Vor einigen Wochen fing es schlagartig an mir sehr schlecht zu gehen. Ich habe starke negative Gefühle, laute Stimmen in meinem Kopf, die mich schlecht fühlen lassen, manchmal sogar bis hin zur Panik und Angst. Einen Zustand, den ich so nicht von mir kannte und deswegen auch möglichst schnell verändern wollte. Schon eine Woche, nachdem ich bemerkt habe, dass ich gerade immer weiter in ein tiefes, schwarzes Loch falle, habe ich angefangen mir Hilfe zu suchen. Ich habe stundenlang mit meinen Freunden und meiner Familie geredet. In akuten Notsituationen waren sie es, die mich aus meinem Loch geholt haben. Trotzdem gab es Momente, an denen auch sie mir nicht mehr weiter helfen konnten und da war mir klar, dass ich mit einem Psychologen über meine Probleme reden möchte.

Zum einen gibt es an fast jeder Schule und Universität eine psychologische Beratungsstelle, die kostenlose Gespräche für Schüler und Studierenden anbietet und den Vorteil hat, dass man nicht lange auf einen ersten Termin warten muss. So auch bei mir. Auch wenn mir dieser Termin im Nachhinein nicht wirklich viel gebracht hat, war ich in meiner verzweifelten Situation zunächst erleichtert, dass es endlich einen Lichtblick gibt und ich schnell mit jemandem über meine Gefühle reden kann. Und womöglich hat mich genau diese schnelle Hilfe davor bewahrt, dass ich noch weiter in dieses tiefe Loch hineinfalle.

Nach dem ersten Termin bei der Beratungsstelle habe ich mich dann aber schnell für mich bemerkt, dass mir dieses Angebot nicht wirklich hilft und weiter auf die Suche begeben. Ich habe den Tipp bekommen, einfach mal zum Hausarzt zu gehen. Wenn es einem unangenehm ist, reicht es aus, kurz und oberflächlich zu erzählen, dass es einem zur Zeit nicht gut geht und dass man gern Hilfe hätte. So habe ich es auch gemacht und schon hatte ich eine Überweisung zu einem Psychologen. Diese Überweisung macht es einem leichter, schnell einen Platz zu bekommen. Seit kurzem gibt es auch die Regelung mit der Kassenärztlichen Vereinigung, über die man dann einen Termin beim Therapeuten bekommt. Das läuft so ab, dass man zusammen mit der Überweisung vom Hausarzt eine persönliche 12-stellige Nummer erhält. Dann ruft man bei der Kassenärztlichen Vereinigung seines Bundeslandes an, nennt diese Nummer und bekommt innerhalb von vier Wochen einen Probetermin bei einem Therapeuten. Diese Regelung erspart die lange und aufwändige Suche, für die man in solchen Lebensphasen meist sowieso keinen Kopf hat.

Neben der Kassenärztlichen Vereinigung lohnt es sich also trotzdem auch mal im Bekanntenkreis herum zu fragen oder sich im Internet über die Therapeuten in seiner Nähe zu informieren, bei denen man dann sich dann noch zusätzlich um einen Therapieplatz bemühen kann. Es gibt auch private Therapeuten und Heilpraktiker, die nicht von der Krankenkasse übernommen werden. Der Vorteil dieser Privatpraxen ist, dass sie oft nicht so lange Wartezeiten haben. Dafür muss man für jede Sitzung viel Geld zahlen, weshalb dies vielleicht eine gute Alternative zur Überbrückung der Wartezeit auf seinen richtigen Therapieplatz sein könnte.

Trotzdem ist es am wichtigsten, dass man sich bei seinem Therapeut oder seiner Therapeutin wirklich wohl fühlt und dass man offen und ehrlich sprechen kann. Es kann gut sein, dass der erste Psychologe noch nichts für einen ist – dies sollte man sich dann eingestehen und nicht den Kopf hängen lassen, sondern weiter suchen. Auch ich hatte jetzt einige Probetermine und habe die Person, bei der ich letztendlich meine Therapie machen möchte, noch nicht gefunden. Trotzdem bringt mich jedes geführte Gespräch einen kleinen Schritt weiter zur Lösung meiner Probleme.

Tipps zur Therapeutensuche

  1. Scheue dich nicht davor, psychologische Hilfe anzunehmen! Ich habe schon so oft gehört, dass Leute aus verschiedensten Gründen keinen Therapeuten in Anspruch nehmen möchten. Die häufigsten sind, dass sie Angst haben, dass der Psychologe sie nicht ernst nimmt oder dass sie jemandem den Platz wegnehmen könnten, der diesen dringender brauchen könnte. Dazu kann ich nur sagen: Probleme sind in dem meisten Fällen absolut subjektiv. Der Psychologe ist dafür da, dich ernst zu nehmen und dir zu helfen, dass es dir besser geht.
  2. Nimm nicht den erstbesten Therapeuten, nur weil du Angst hast, keinen anderen Platz zu bekommen – wenn man nicht auf einer Wellenlänge ist, bringt die ganze Sitzung nichts. Es lohnt sich, lieber etwas länger nach der richtigen Person zu suchen. Es geht immer hin um Dich und deine Gesundheit. 
  3. Wende dich an die Beratungsstellen in deiner Schule oder Universität. Meist ist dies zwar keine vergleichbare Alternative zu einer richtigen Therapie, kann aber kurzfristige Hilfestellung leisten und dir bei deinem weiteren Vorgehen helfen.
  4. Gehe zu deinem Hausarzt und lasse dir eine Überweisung ausschreiben.
  5. Wende dich an die Kassenärztliche Vereinigung deines Bundeslandes.
  6. Überlege auch, ob du dich zur Überbrückung deiner Wartezeit an eine private Arztpraxis wenden willst.

Mutprobe erscheint als monatliche Serie und beschäftigt sich mit den kleinen (und großen) Mutproben des Alltags, mit Ängsten und Überwindungen, die eigentlich keine sein sollten. Wieso trauen wir uns nicht? Weshalb haben wir Angst? Wer oder was sorgt für böse Stimmen in unseren Köpfen?

Bei den Texten handelt es sich um unterschiedliche Erfahrungsberichte unserer LeserInnen und sie bleiben zum Schutz ihrer Privatsphäre anonym. Die Photos sind von Luka.

4 Kommentare

  1. ihr lieben! Toller blogpost!! Was ich als kleinlicher psychologiestudent aber anmerken möchte:

    Man wendet sich an Psychotherapeut*Innen.

    Psycholog*In darf man sich hingegen schon nennen, sobald man einen Bachelor/Masterabschluss in Psychologie hat. ABER: dann darf man NICHT therapieren!

    Psychotherapeuten haben Bachelor + Master + die Psychotherapeuten Ausbildung gemacht. Nur die dürfen eine Psychotherapie anbieten.

  2. samoth emanon sagt

    Sehr guter und hilfreicher Beitrag aus verschiedenen Perspektiven!
    Sich an eine Psychotherapie zu wagen, bedeutet oft, vieles in seinem Leben umzukrempeln und Menschen zu vertrauen, die man kaum kennt. So eine emotionale “Beziehung” einzugehen ist aber etwas anderes als z.B. eine Freundschaft, weil sie einseitige Veränderung zum Ziel hat, nur auf Zeit besteht und von äußeren Umständen (Genehmigung Krankenkasse usw.) abhängt. Dieses Abwägen zwischen professioneller Distanz und Offenheit ist nicht immer einfach. Außerdem braucht man ein gutes Gefühl dafür, welche – teils herausfordernden – Therapieschritte förderlich sind und, wo man auch mal Grenzen ziehen muss. Ganz besonders betrifft das Paarbeziehungen, die in einer Therapie einer strengen Beurteilung standhalten müssen, weil sie oft ein Spiegelbild eigener psychischer Bedürfnisse und Probleme sind. Die Loyalität gegenüber dem Partner UND dem Therapeuten zu wahren kann eine Herausforderung sein. Dessen sollte man sich bewusst sein und sehr genau darauf hören, was einem gut tut.
    Es ist sehr wichtig, offen über Therapieziele zu sprechen und sich über Methoden zu informieren – nicht jede von der Krankenkasse angebotene Therapiemethode (von Verhaltenstherapie bis Psychoanalyse) ist immer hilfreich, oft sind auch moderne Kombinationsformen z.B. mit systemischer oder Schematherapie zielführend. Leider ist es schwierig, sich darüber zu informieren, wenn man gerade ganz andere Sorgen im Kopf hat und über jeden Therapieplatz froh ist, der zu bekommen ist.
    Just my 10 Cent zu dem Thema…

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