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Die Wirklichkeit meines Traumes

Das Leben wird oftmals als eine Reise beschrieben. Für viele junge Menschen beginnt diese Reise vor allem nach der Schule, dem bisher größten Abschnitt des eigenen Lebens, jenes Teils, der einen teilweise vorbereitet, aber auch prägt. Nach der festen Struktur des Schulalltags, möchten nicht Wenige aus der Normalität herausbrechen, Dinge erleben und die ungewohnte Freiheit genießen, bevor es zum nächsten Ziel geht.

Ich habe den Schritt ins Ungewisse in ein fremdes Land gewagt. Es gibt viele Möglichkeiten einen gewissen Zeitraum im Ausland zu verbringen und so klang die Möglichkeit als Au-Pair zu arbeiten am besten für mich. Die Vorstellung, die in meinem Kopf Gestalt annahm, erschien mir wie ein Traum, der zu gut ist, um wahr werden zu können. Doch nun stehe ich hier in Schottland, seit beinahe vier Monaten bei einer wundervollen Familie, in welcher ich mich vom ersten Moment an wohl fühlte, die mich als neuer Teil der Familie aufnahm. Es ist kaum zu fassen, wie viel Zeit vergangen ist, ohne dass ich es gemerkt habe, wie das Linksfahren zur Gewohnheit geworden ist, nachdem der erste der häufig anzutreffenden, großen Kreisverkehre mich etwas erschrocken hat. Ebenfalls die Sprache ist etwas Selbstverständliches geworden. Sicherlich bereiten manche Themen aufgrund des fehlenden Vokabulars Probleme, aber man kann sich dennoch sehr gut verständigen. Zudem ist es schön den Edinburgh-Akzent zu hören.

Umgeben von Bergen am Horizont mit Blick auf das östlich liegende Edinburgh wohne ich in einer wundervollen und ruhigen Umgebung, wenn man von dem naheliegenden Flughafen absieht. Für mich ist es beinahe die perfekte Gegend, einerseits in der ländlichen und idyllischen Natur, andererseits rund eine Stunde vom Stadtzentrum entfernt. An manchen Tagen macht es einfach nur Freude die kleinen gewundenen Straßen und Wege zu verfolgen, mit einem schönen Ausblick um jede Ecke. Ich hörte jemanden dies über Schottland sagen und kann ich dem nur zustimmen, deutlich ist es in den Highlands zu sehen. Das erste Wochenende zeigte mir die Schönheit der Umgebung, als die Familie einen Fahrradausflug entlang eines Kanals unternahm, den man für lange Zeit nach Westen oder Osten verfolgen kann, vorbei an kleinen Wäldern, im Sommer goldenen Feldern, Aquädukten und bei gutem Wetter Menschen, die interessanten Sportarten auf dem Wasser nachgehen. Ebenfalls ging es auf einen Ausflug nach Loch Leven und einer Insel mit der dortigen Burgruine, welche eine bedeutende Rolle in der Geschichte um Queen Mary spielte. Es ist beeindruckend auf diesem kleinen Fleck Land, umgeben von Wasser, zu sein und um sich herum die Berge zu sehen. Die Bilder, die es zu sehen gibt, lassen mein Herz höher schlagen und sind sie ein Grund, weshalb ich mir Schottland als Ziel ausgewählt habe.

Das Wetter, so schwer es für manche zu glauben ist, hat mich ebenfalls zu diesem Teil der Welt hingezogen. Die Klischees über das nicht selten regnerische, kühle und windige Wetter entsprechen definitiv der Wahrheit und, so zerstörerisch es auch sein kann, war die starke Sturmsaison berauschend, wenn man nach draußen geht, nicht mehr in der Lage seiend, geradeaus zu laufen, stets gegen eine unsichtbare Macht ankämpfend.

Jedoch kann die Wetterlage ebenfalls ein sehr negativer Aspekt sein, geht man Zelten bei Sturm und Regen und 6°C am Morgen. Mit einem anderen Au-Pair hatte ich eine Tagesreise in die Highlands bis nach Aviemore unternommen. Diese Fahrt machte Halt bei vielen sehenswerten Orten, wie dem Ort Pitlochry und dem dort vorzufindenden Damm, dem Cairngorms National Park, einem Waldstück The Hermitage, das mich an meine geliebten Fantasy-Welten erinnert, und schließlich auch in einem Skigebiet nahe Aviemore, wo man mit einer kleinen Bahn weit hinauf zu einem Gipfel mit dem in Schottland höchstgelegenen Briefkasten fahren kann. Der Wind war derart gewaltig, dass die eigenen Gedanken kaum zu verstehen waren und der Versuch die Kamera für lediglich einen kurzen Moment stillzuhalten, gestaltete sich als problematisch.

Wenige Wochen später begab ich mich mit der Familie erneut zum Cairngorms National Park zu dem zuvor genannten Ausflug zum Zelten. Bei dieser Gelegenheit lernte ich die in den Highlands anzutreffenden Midges kennen. Ein äußerst nerviges kleines Volk, das zum Abend hin auftauchte und das Sitzen am Lagerfeuer zu einer kleinen Qual werden ließ, denn dringen sie sehr gerne zu jeder freien Hautstelle. Die Nacht kroch äußerst kalt in das Zelt und schnell war der Ausflug wieder vorbei. Das schlechte Wetter hatte jedoch etwas wunderschönes, da es die atemberaubende Landschaft, geprägt durch die Gletscherbewegungen vor Jahrtausenden, auf fast magische Art in Nebel hüllte.

Als ich in Schottland ankam, genossen die Kinder den erstaunlich warmen Sommer und gab uns das Fringe Festival viele Beschäftigungsmöglichkeiten. Hunderte, gar tausende Menschen kommen für mehrere Wochen in die Stadt, um an Dutzenden Shows teilzuhaben, die viele Bereiche abdecken. Auf der Suche nach den richtigen Veranstaltungsorten sah man immer mehr der alten Stadt Edinburgh.

Als ich endlich die Gelegenheit hatte, erforschte ich die Stadt ohne ein Auge auf die Kinder haben zu müssen. Die Atmosphäre ist wahrlich behaglich und spürt man, wie die Stadt lebt. Sicherlich gibt es verlassene Ecken, Menschenmassen und Müll, der einen leider immer wieder an die, meiner Meinung nach, schlechte Beseitigung und Verwertung von Müll in diesem Land erinnert. Es gibt Recycling, doch viel wird weggeworfen und der Wind ist nur allzu erpicht darauf, den Müll in aller Welt zu verteilen. Dennoch liebe ich die Stadt mit all ihren alten Gebäuden, all den kleinen Geschäften und dem Zauberhaften, das hinter allem liegt. Die Stadt ist voller Energie und Leben. Es ist nicht verwunderlich, dass Harry Potter zu großen Teilen hier entstanden ist und man viele Läden zu diesem Thema finden kann. In der fabelhaften Victoria Street sieht man tatsächlich die Winkelgasse in unserer Welt. Wenn man die Augen offen hält, findet man Namen von Charakteren auf Grabsteinen und weiterhin kann man mittels einer Tour die wichtigsten Orte zu Harry Potter kennenlernen. Andere Schriftsteller tragen ebenfalls eine große Rolle und sind unter vielen Lesern bekannt. Genauer kann man sich mit ihnen im Writer‘s Museum oder mit einer Tour beschäftigen. Oder man geht auf die Suche nach den zahlreichen kleinen Buchläden, wenn Bücher eine ähnlich große Leidenschaft für einen wie sie es für mich sind.

Interessiert man sich für andere Bereiche, lässt sich sicherlich einen Laden finden, wenn man sich treiben lässt. Schon lange nicht mehr habe ich Stunden in einer Stadt mit dem Herumwandern verbringen können, einen Vintage-Laden nach dem anderen entdeckend. Verborgene Cafés in kleinsten Gassen, Galerien für das Künstlerherz, alte Gebäude, die eine alte Geschichte erzählen. Pubs und Restaurants, die aus einer anderen Welt sein könnten, Läden voller Whisky. Zur Entdeckung der Stadt gibt es verschiedenste Touren, wie jene über Hexen zur Halloweenzeit oder über dunkle und schaurige Geschichten, die einen in nie vom Sonnenlicht erhellte Räume unter den Straßen der Stadt führen.

Besonders beeindruckend sind jene Orte in Edinburgh, von denen aus die ganze Stadt zu überblicken ist, wie beispielsweise die Burg, über allen Straßen stehend, oder das Scotts Monument, in welchem enge und luftige Treppen bis hoch nach oben führen, oder der Calton Hill mit einigen traumhaften Gebäuden.

Leider konnte ich nicht zu dem Samhuinn Fire Festival gehen, dessen Bilder einfach umwerfend sind. Möglicherweise werde ich zu dem Beltane Festival gehen können. Über die Herbst- und Winterzeit gibt es zahlreiche Festivals, wie auch die Bonfire Night, ebenfalls bekannt als Guy Fawkes Night, zu welcher der Himmel mit Feuerwerk erleuchtet wird. Sogar der kleine Ort, in welchem ich wohne, hat eines gezeigt. Auf was sich jedoch jeder freut ist das alljährige Hogmanay zu Silvester. Ganz allgemein gibt es viele interessante Aktivitäten zur Winterzeit.

Für einen Abend war ich zu einem Autorenevent in Glasgow. Die dort verbrachte Zeit hat sich als äußerst inspirierend gestaltet, doch von der Stadt an sich habe ich bisher nicht viel gesehen. Was mir ins Auge fiel, war die modern im Schachbrettmuster gestaltete Innenstadt, die mich nicht begeistern konnte. Sicherlich werde ich erneut den Weg zu dieser nächstgelegenen, großen Stadt auf mich nehmen und mir einen richtigen Eindruck verschaffen. Zu viele Orte sind noch unentdeckt.

Natürlich gibt es neben all den hellen Sternen auch negative Seiten. Den Müll hatte ich einerseits schon erwähnt. Die Lebensmittelauswahl ist scheinbar sehr vielseitig, aber schnell merkt man, dass essentielle Zutaten wie Frischhefe, in mehlig- und hartkochend unterschiedene Kartoffeln oder simple Gemüsearten fehlen. Wer gerne Brot bäckt muss wahrscheinlich auf selbst gemahlenes Mehl mit Zutaten aus dem Bioladen zurückgreifen. Brot, für aus Deutschland kommende Menschen normales Brotsortiment, ist nur schwer zu finden in der riesigen Auswahl von Toastbrot. Dennoch gibt es heutzutage viele Möglichkeiten der Ernährung und findet man immer etwas, wenn man nur danach sucht, wobei ich jedoch die altbewehrten Kräuterheilmittel und simplen Haushaltsmittel, die es überall und nicht nur in speziellen Läden zu finden gibt, vermisse. Zudem sind all die Rabattaktionen auf den ersten Blick zwar überwältigend und auch geldsparend, aber fragt man sich dann doch, wie diese Preise zustande kommen können.

Bisher habe ich meine Entscheidung nach Schottland zu gehen nicht bereut, wenngleich aus den ursprünglich geplanten zwei Jahren nun eher ein Jahr wird. Und in diesem Jahr kann ich so unglaublich viele weitere Orte besuchen und Ereignisse erleben. Ganz hoch auf meiner Liste stehen die Highlands, Glasgow und die Isle of Skye. Doch zur Weihnachtszeit verbringe ich meine Zeit erst einmal wieder mit meiner Familie und meinen Freunden in Deutschland. So schnell ist ein halbes Jahr vorbei.

Michelle Yolanda ist 19 und seit vier Monaten in Schottland als Au-Pair. Die Natur ist jener Ort, der sie erfüllt, wenn es nicht andere Welten aus Büchern sind. Auf Instagram lässt sich einerseits ihre Sicht zu Büchern und andererseits das Leben aus ihren Augen finden. Zudem veröffentlich sie Rezensionen auf ihrem Blog.

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