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Licht sehen

Wo fängt man an, zu erzählen, wenn sich in den letzten Monaten das gesamte Leben um 180 Grad gewendet hat? Wie findet man die richtigen Worte, wenn es keine gibt? Von welchem Standpunkt aus erzählt man, wenn einem ständig der Boden unter den Füßen weggerissen wird?

“Um das hier zu versteh’n
Braucht es Hirne und Herzen
Von nie da gewesener Größe”

Dies wird kein Blogpost, in dem ich erzähle, wie verdammt gut es mir geht und wie super ich klarkomme. Es geht um die Realität. Das Ende des Lebens.  Den Tod. Und darum, wie ich damit umgehe.

Meiner Meinung nach sollten sich nicht nur die Menschen damit auseinandersetzen, die es gerade selbst erleben, sondern jede Person, egal in welcher Lebenslage. Denn so blöd es auch klingt: Der Tod kann immer und hinter jeder Abbiegung warten, dich abholen, betreffen und mitnehmen, auch wenn du es am wenigsten erwartest. That’s reality, Freunde.

Nach den ersten, ganz dunklen Wochen, in denen ich eigentlich gar nichts Richtiges mit mir anzufangen wusste, außer irgendwie zu funktionieren und über die ich auch gar nicht so recht sprechen kann, weil sie so ungreifbar für mich waren, kehrte Alltag und Ablenkung ein. Das war essentiell und unfassbar wichtig für mich.

Und heute? Es ist der Abend des 8. November. Die Stichpunkte für diesen Blogpost habe ich über die Zeit gesammelt und fasse sie jetzt zu einem Text zusammen. Ich kann nicht sagen, dass es mir besser geht, dass ich gut mit der Situation klarkomme. Denn ich stehe auf wackeligen Beinen und verliere den Boden unter den Füßen bei den kleinsten Erinnerungen und Erkenntnissen. Ich will nicht hören, dass das ganz normal ist. Ich will eigentlich gar nichts hören. Ich fühle mich egoistisch wenn ich denke „Ihr habt doch alle keine Ahnung“. Und ich schüttele immer noch den Kopf und mich überläuft eine Gänsehaut wenn mich die Realisation dann und wann mal trifft.

“Was nutzt uns unsere Weisheit, in ‘ner ausgemachten Scheißzeit?”

Was ist eigentlich Hoffnung?
Sie ist essentiell und gehört grundlegend zum Leben dazu. Ohne Hoffnung geht es nicht weiter. Ohne Hoffnung rennt man geradewegs in eine Sackgasse.

Es ist schwer zu sagen, wie man Hoffnung wiederfindet oder worin man sie als erstes sieht. Manchmal habe ich das Gefühl, dass ich egoistisch bin, wenn ich hoffe, mich freue, lache. Dann kommt so ein dunkles Gefühl in mir hoch und streut wieder Salz in die Wunde.

Lustig ist, wie die Leute um dich herum mit der Sache abschließen. Denken, dass du “drüber hinweg” bist, weil du fröhlich warst, als sie dich das letzte Mal gesehen haben. Oder weil du so einen Blogpost schreibst. Weil du weitermachst und nicht stecken bleibst.
Am Ende weißt aber nur du selbst, was du wirklich empfindest. Was andere denken, sollte dir vor allem in dieser Situation völlig egal sein – denn die meisten Menschen haben etwas Derartiges nie erlebt.

Ich denke ich sehe nach vorn, weil es keinen anderen Weg gibt. Weil ich nicht umdrehen kann, so sehr ich mein Leben davor auch zurückwill.

„Was nützt uns die Erkenntnis, dass was Heimat war jetzt fremd ist?“

Wenn ich morgens in meinem warmen Bett aufwache, in die Küche schleiche, mir einen schönen Kaffee mache und ihn langsam schlürfe, während ich mich nochmal zurück ins Bett lege. Wenn ich Musik höre, die mich glücklich macht. Wenn die Sonne scheint. Wenn ich Gründe sehe, warum ich hier bin und weitermache. Wenn ich den Dingen nachgehen kann, die ich liebe. Wenn ich lächle, weil ich total auf jemanden stehe. Wenn mein Bruder auf einmal hinterm Steuer sitzt und in die Fahrschule geht.

Wenn ich merke, dass es irgendwie weitergeht. Weitergehen muss. Auch wenn ich mir wünsche, dass du dabei wärst.

Ich glaube nicht, dass Trauer ein stetiger Weg zur Besserung ist. Es gibt gute Phasen, und dann wirft dich etwas wieder komplett aus der Bahn und du weißt wochenlang wieder gar nicht, wohin mit dir.

Ich denke, man kann entweder eingehen und kaputt gehen oder an den unfassbaren Herausforderungen, die das Schicksal an einen stellt, wachsen. Sich auf Kleinigkeiten besinnen und grundlegende Fragen stellen. Von vorn anfangen, ganz neu ansetzen. Denn das Schöne am Leben ist, dass uns diese Möglichkeit ständig gegeben wird.

„Ich würd’ dich gern morgen seh’n
Wenn’s das gäbe wär das schön.“

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Text von Imina.
Das Bild zeigt den Baum meines Vaters im Friedwald.
Lyrics in grün aus „Und dann warten“ von Jupiter Jones.

3 Kommentare

  1. Franzi sagt

    Mein Vater hat nun schon seit 2 Jahren einen Baum im Friedwald. Es ist schwer, aber irgendwann wundert man sich dann plötzlich, dass es jetzt mal eine Weile leicht war und dann doch wieder schwer wird. Viel Kraft für dich, liebe Imina und danke, dass du uns teilhaben lässt. Ein schön-trauriger Text.

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