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Mutprobe? von Zuhause ausziehen

Zuhause auszuziehen ist ein riesig großer Schritt hin zum Erwachsenwerden. Und passend zum Semesterstart erzählen wir Euch heute von unseren Erfahrungen damit. Denn vor allem seid ihr bei der ganzen, aufregenden Sache eines nicht: Allein. Denn das haben wir alle schon durchgemacht.

Luka
22. September 2018

Seit einer Woche erst lebe ich nun in einer neuen Stadt. Der Bücherladen meines Vertrauens, mein Lieblingscafé, mein gewohntes Umfeld und meine Eltern sind jetzt 491 km von mir entfernt. Wenn ich diese Zeilen tippe, muss ich schlucken. Mir fällt es schwer, diesen Schritt zu gehen, denn ich habe Angst. Ich habe Angst, dass ich einsam sein werde. Mit großer Vorfreude habe auf den Tag meines Auszugs gewartet, habe mir ausgemalt, was ich ab dem Tag endlich alles machen, erleben und selbst bestimmen kann. Aber als es dann soweit war, habe ich viele Tränen geweint. Und das ist auch total okay – das kann ich euch nach dieser einen Woche sagen. Und dass es besser werden wird, dass kann ich euch auch sagen, und dass ihr wirklich keine Angst vor der Einsamkeit haben müsst.

Ich bin in eine neue Stadt gezogen, um dort zu studieren und wohne in einer kleinen, eigenen Wohnung. Da ich also allein lebe und keine Mitbewohner*in habe, sind die Abende besonders schwer. Ich fühle mich oft sehr einsam und klein, wenn ich allein in meinem Zimmer sitze. Und dann schaue ich raus, auf die Lichter und die vielbefahrene Straße und bemerke, dass ich eigentlich gar nicht so allein bin. Und schon gar nicht einsam. Das ist nämlich ein großer Unterschied, den ich erstmal verstehen musste.

Außerdem geht es wirklich allen so. Nach den ersten Gesprächen mit den neuen Leuten an meiner Uni hat sich schnell herausgestellt, dass allen ein riesiger Stein vom Herzen gefallen ist. Jeder war aufgeregt, jeder möchte wenigstens mit einer anderen Person reden, jeder hat Angst, allein zu sein. Jeder ist irgendwie in der gleichen Situation. Und das im Hinterkopf zu haben, das hilft sehr.

Als dann aber der Tag an der Uni vorbei war, kam wieder der Abend. Der Abend, vor dem ich so sehr Angst habe, weil ich wieder allein in meinem Zimmer bin, mein vertrautes Umfeld so weit von mir entfernt. Aber auch da gibt es natürlich einiges, was sehr hilft. Telefonieren, zum Beispiel. Man sollte sich klar machen, dass man eben wirklich nicht einsam ist, weil man jederzeit seine Eltern, Freunde, Geliebte anrufen darf. Und das Hören der vertrauten Stimmen, das gibt ganz schön viel Kraft. Außerdem ist es wichtig, dass man sich etwas vornimmt, denn die To-Do Liste für das, was ich an meiner Wohnung noch so alles machen muss, ist sowieso endlos. Also nehme ich mir einfach vor, zu putzen und ein Regal anzuschrauben, mache daraus einen festen Termin. Das lenkt von den eigenen Gedanken ab. Man kann auch etwas leckeres kochen oder einfach einen Tee trinken. Man sollte ausnutzen, dass man jetzt endlich all das tun und entscheiden darf, was man so lange nicht durfte. Und es ist doch total schön, genau das auch mal ganz mit sich allein auszuleben!

Was mir auf jeden Fall auch sehr hilft, ist, mich und meine Situation mal von außen zu betrachten. Da sitze ich also, in einem schönen Zimmer, trinke Tee und studiere genau das Fach, welches ich mir so lang gewünscht habe. Ich weiß, dass es Menschen in meinem Leben gibt, die mir sehr viel bedeuten und denen ich sehr viel bedeute. Und das ist alles was zählt. Und während ich hier so sitze und meine Tee trinke, fällt mir nämlich auf, dass ich auch hier in dieser neuen Stadt Menschen kennengelernt habe, zu denen Beziehungen entstanden sind und entstehen werden.

Es ist alles ein Prozess, aber alles wird gut.

 

Nora
7. Oktober 2017

Ich kann mich noch sehr gut an den Tag meines Umzugs erinnern. Denn selten ist mir etwas so schwer gefallen, wie aus meinem Elternhaus auszuziehen und in einer neuen, fremden Stadt zu wohnen. Den Ort, an dem ich mein ganzes Leben verbracht habe, zu verlassen und neu anzufangen, brauchte so viel Mut und Überwindung. Und nachdem die ersten Tage in meiner 2-Zimmer-Dachgeschosswohnung sehr dunkel, einsam und kalt waren, taute ich in der Woche darauf bereits auf. Ich freute mich jeden Tag darauf, nach Hause zu kommen und dort zu sein. Leider nahm das Zuhause-sein etwas überhand. Denn ich war zu viel allein. Die Einsamkeit schlich sich wieder ein.

Gerade, wenn man allein wohnt, ist es wichtig, sich proaktiv Beschäftigungen außerhalb der eigenen vier Wände zu suchen. Beschäftigungen, die auch den Kontakt zu anderen Menschen mit sich bringen. Ich bin in den ersten Wochen – gar im ganzen ersten Jahr – wöchentlich nach Hause oder zu meinem Freund gereist. Einfach weil ich nicht damit leben konnte, für längere Zeit für mich zu sein. Damit soll jetzt Schluss sein. So schön meine Wohnung auch ist und so wohl, wie ich mich hier fühle, so sehr habe ich es auch satt, ein Stubenhocker zu sein.

Würde ich aber lieber in einer WG wohnen? Nein. Ich bin froh, meine eigenen Regeln zu haben. Doch ich schließe das Zusammenleben mit jemanden nicht aus. Maximal würde ich jedoch mit einer zweiten Person zusammenwohnen. Einer, die ich sehr sehr mag.

Ich werde in ein paar Jahren unglaublich traurig sein, wenn ich hier ausziehe. Meine erste eigene Wohnung. Sie wird immer etwas besonders bleiben.

 

Imina
15. September 2015

Vor mehr als drei Jahren bin ich zuhause ausgezogen. Auf der einen Seite kommt es mir so vor, als würde ich schon ewig nicht mehr Zuhause wohnen, auf der anderen Seite erinnere ich mich an den Tag, als meine Eltern mit mir im vollgepackten Auto 8 Stunden nach Bozen gefahren sind, als wäre es erst gestern gewesen.

Oft danach habe ich meine Entscheidung verflucht: So weit weg von Zuhause, eine neue Sprache lernen zu müssen, an einen Ort zu ziehen, an dem alles, was ich bis dahin kannte, so weit weg war. Doch rückblickend war es das Beste, was ich hätte machen können. Komischerweise realisiert man so etwas ja immer erst mit etwas Abstand.

Eigentlich muss man, wenn man auszieht, vom einen auf den andere Tag selbstständig – und irgendwie auch erwachsen – werden. Denn da ist niemand mehr, auf den man sich stützen kann. Man muss für sich selbst einkaufen, kochen, den Tag planen, auf neue Leute zugehen, Ja sagen und Nein sagen.

Wenn ich mein Tagebuch vom September 2015 aufschlage, war das Schlimmste, so weit weg von meiner Familie zu sein. Denn zum ersten Mal habe ich so schätzen gelernt, was ich Zuhause habe: Dass immer jemand da war, mit dem man reden konnte. Abends zum gemeinsamen Abendessen nach Hause zu kommen oder einen Tatort mit meinen Eltern anzuschauen. Ich weiß noch ganz genau, dass ich immer einen Radiosender von Zuhause anhatte, der den ganzen Tag lief, damit mich bloß keine Stille umgab. Damit ich das Gefühl hatte, dass jemand da ist. Und ich habe so oft ich konnte mit ihnen geskypt. Am liebsten jeden Tag, wenn auch nur für 5 Minuten. Manchmal haben sie sogar den Computer so umgedreht, dass der Bildschirm auf den Esstisch zeigte, damit ich „beim Abendessen dabei sein“ konnte.

Was ich in dieser Zeit besonders wichtig fand, war zu wissen, dass ich immer nach Hause kommen kann. Dass ich niemals ganz allein bin, auch wenn ich mich manchmal in dieser fremden Stadt so fühlte. Dass es immer einen Ort gab, an den ich, wenn auch nur für einen Besuch, zurückkehren kann. Und dieser Gedanke an das lange Wochenende in der Heimat hat mich oft durch den Alltag getragen. Außerdem hat es mir geholfen, darüber zu schreiben. Einfach alle Gedanken und Gefühle zu Papier zu bringen war auch irgendwie „Zuhause“ für mich.

Nach einem Monat, am 12.Oktober 2015, steht in meinem Tagebuch schon:
„Ich muss sagen, dass ich eigentlich wirklich super klarkomme.“ und am 21. November dann:
„In letzter Zeit bin ich immer öfter so dankbar für alles, was ich habe und für meine Eltern, die mir so viele Dinge ermöglichen.“

Niemand sagt, dass es leicht ist, von Zuhause auszuziehen. Aber es ist ein starker Schritt in Richtung Erwachsenwerden. Und es lohnt sich immer, auf sich selbst gestellt zu sein und das gewohnte Umfeld zu verlassen.

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Mutprobe erscheint als monatliche Serie und beschäftigt sich mit den kleinen (und großen) Mutproben des Alltags, mit Ängsten und Überwindungen, die eigentlich keine sein sollten. Wieso trauen wir uns nicht? Weshalb haben wir Angst? Wer oder was sorgt für böse Stimmen in unseren Köpfen?

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