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(K)ein Sommernachtstraum – Zeit/Geschehen

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Was für ein Sommer. Gut, dass er endlich vorbei ist. Eingefleischte Sommerfans werden mich als Herbstliebenden für diesen Satz nahezu steinigen wollen, aber wenn wir in diesem Jahr von einem wirklich genug hatten, dann von Sommer und Wärme. Seit April war es bis vor wenigen Wochen einfach nur Sommer gewesen. Nichtmal irgendein Frühling hat dazwischen Platz gefunden. Wo am 01. April noch Schnee lag, wurden gegen Ende April schon mehr als 25 Grad gemessen. Was für manche sicherlich ein Traum war, war aber für die Allgemeinheit gesehen eher weniger erfreulich. Dieser Sommer war sicherlich ein sich über fast fünf Monate erstreckendes, einziges Wetterphänomen, das mehr als deutlich seine Spuren hinterlassen hat. Jetzt im Nachhinein bleibt da natürlich Raum für Spekulationen. Wie kam es dazu? Klimawandel oder einfach nur reiner Zufall?

Da ich Sommer in seinen Extremformen nun so gar nicht leiden kann, waren viele Wochen dieses Jahres eine reinste Qual für mich. Am meisten hat mich jedoch über diese ganze Periode hinweg vor allem eines stark aufgeregt und noch mehr belastet als die Hitze: die deutschen Medien. Habe ich mir in den letzten Monaten immer mal Schlagzeilen und Artikel zum Wetter durchgelesen, so ist mir mal wieder aufgefallen, wie attraktionsgeil die Deutschen eigentlich sind. „Wetterexperten“ betiteln ihre Recherchen und Prognosen mit Bildzeitungsüberschriften, über die ich stark schmunzeln musste. Vom „Jahrhundertsommer“ bis zur „Saharahitze“ hatte der Wortschatz des Sommers 2018 so gut wie alles parat.

Einen einzigen, das alles etwas ironisch reflektierenden Artikel habe ich dann doch gefunden und schließlich den Glauben an die Sachlichkeit dieser Wetterjournalisten nicht vollständig aufgegeben. Die These dieses Textes war die Aussage, dass Deutschland nicht etwa ein Hitzeproblem sondern eher ein starkes Hysterieproblem hat. Meine Gedanken wurden von jemand anderem haargenau auf Papier gebracht.

Überdurchschnittliche heiße Sommer gab es immer schon in regelmäßigen Abständen. Beispielsweise 2003, aber auch schon in den 70ern und sicherlich auch lange bevor wir uns über Dinge wie Klimawandel überhaupt geschert haben. Dabei muss man auch beachten, dass es schon Sommer bei uns gab, in denen die Temperaturen nicht einmal die 20 Grad erreicht haben und es permanent geregnet hat. Extremformen gibts es in verschiedenen Abständen immer mal, wobei genannte Artikel mit ihren übertrieben peinlichen Überschriften einfach nur unpassend sind. Ich möchte einen der Wetterjournalisten gerne fragen, ob er mal mehrere Monate in der Sahara gewohnt hat, um zu wissen, wie sich „Saharahitze“ überhaupt anfühlt. Denn von derartigem Klima sind wir hier mehr als weit entfernt. Und die „Jahrhunderthitze“ hat uns auch nicht mit diesem Sommer überfallen, denn der Sommer 2003 wurde auch dieses Jahr nicht getoppt.

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Neben den nervigen Dramajournalisten hat mich eines jedoch fast noch mehr gestört. Dass dieser Sommer zwar nicht der schlimmste seit Anbeginn der Menschheit, war ist klar, doch dass er bleibende Schäden hinterlassen hat, liegt auf der Hand. Die wirklichen Leidtragenden wurden in den Medien aus meiner Sicht fast völlig vergessen. Im Nachhinein lese ich Artikel und Schlagzeilen, wie schlimm es doch den großen Konzernen geht, den anscheinend größten Opfern dieser Hitze. Zalando müsse mit großen Verlusten rechnen, da durch die Hitze die Herbst/Winter Kollektion noch etwas weiter hinausgeschoben hätte werden müssen. Durch zahlreiche Rabattaktionen und die rückläufige Nachfrage nach Herbstmode, sei auch Tom Tailor in seiner Bilanz immens geschädigt. Wäre das nicht kompletter Bullshit und völlig nebensächlich, würde ich sogar jetzt eine Träne vergießen.

Denn die wirklichen Opfer dieses Sommers sind die Landwirte und Bauern. Und ich rede hierbei nicht von den Landwirten, die große Produktionskomplexe besitzen, ihre Waren an andere Konzerne und Ketten verkaufen und quasi finanziell ausgesorgt haben. Ja, auch diese Landwirte werden mit starken Verlusten konfrontiert sein, aber ich frage mich, wer während dieses Sommers und seinen Folgen an die Bauern und Landwirte gedacht hat, die wirklich auf ihre 3-4 Felder und ihren kleinen Hof angewiesen sind. Die abhängig sind auf den Verkauf ihrer Ware, den Verkauf ihres Viehs. Diese Menschen tragen jetzt die Schäden der Dürre, des ausgebliebenen Regens und der nun fehlenden Erträge. Der massive, von den Medien nicht berücksichtigte Unterschied ist nämlich, dass während bei Zalandokapitalisten der Kamin im Zürcher Penthouse brennt, irgendwo in Deutschland das Feld eines Bauern brennt, für den daran ein bisschen mehr hängt als nur eine Saison lang schlechte Bilanz. 

Im Nachhinein stellt sich jetzt aber vor allem die Frage, ob nun der Klimawandel maßgeblich Schuld an diesem Desaster ist, oder der Sommer 2018 einfach nur seit langem mal wieder eine Extremform war. Dass der Klimawandel nicht unschuldig ist, sollte allgemein klar sein. Die langzeitgen Auswirkungen spüren wir aber nicht nur im Sommer, sondern auch im Winter und vor allem nichthierzulande, sondern da, wo jetzt beispielsweise polare Eiskappen schmelzen. Paaren sich diese Permanentfolgen des Klimawandels mit dem Ereignis eines überdurchschnittlich heißen Sommers, wie er schon immer gelegentlich auftrat, so ist ein richtiges Urteil schwierig zu fällen. Manchmal habe ich kurz das Gefühl, dass es mehr schwerwiegendere Probleme auf der Welt gibt als das Klima und das Wetter, um die man sich dringend kümmern müsste. Doch dann wird mir schnell klar, wie viel doch eigentlich von Klima und Wetter abhängig ist, was wiederrum für uns alle eine große Rolle spielt. Und damit meine ich nicht nur das Gemüse, das aufgrund ausbleibender Ernte noch teurer wird.

Ich fände es albern jetzt hier noch eine Moralpredigt über das richtige Verhalten zu schreiben, das den Klimawandel aufhalten soll. Auch ich habe Probleme damit, mich immer umweltkonform und klimagerecht zu verhalten, da es uns manchmal einfach nicht möglich ist. Ich werde mir Aussagen wie „Fahrt alle nur noch mit dem Fahrrad“ oder „Esst vegan sonst gibt es keine weiße Weihnacht“ wohl überlegt sparen.Was wir aber tun müssen und auch alle können, ist den Klimawandel als präsentes und schwerwiegendes Problem wahrzunehmen und zu begreifen, dass der Klimawandel auf die Dauer mehr, vor allem Negatives, hervorrufen kann als fünf Monate Sonnenschein. 

Zeit/Geschehen von Dominik erscheint als monatliche Kolumne und behandelt aktuelle Themen und Zeitgeschehnisse. Die Fotos sind von Luka.

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