Gastgedanken, Hier & Jetzt
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Zu viel oder genau richtig?

„Bei uns gab es diese Möglichkeit ja noch gar nicht!“, „Sei froh, dass du deine Träume  ohne Einschränkungen ausleben kannst!“-das sind Sätze, die wir alle, so oder so ähnlich, bestimmt schon mal von älteren Generationen gehören haben und die auch erst mal so stimmen. Wir haben heutzutage die Möglichkeit, so gut wie alles zu tun, was wir wollen.  Willst du studieren? Mach doch! Willst du eine Ausbildung machen? Nichts wie ran! Willst du reisen? Let’s go! Egal welches Geschlecht, welche Hautfarbe, welche Sexualität: diese Möglichkeiten stehen jedem offen.  Natürlich ist das jetzt sehr lapidar ausgedrückt – es kommen noch viele Faktoren dazu, über die man sich Gedanken machen muss und die unserem Tatendrang entgegengesetzt werden, wie zum Beispiel die Finanzen. Aber auch hier hat unsere Generation die besten Karten: Studienkredite, Bafög, Stipendien – in Bildung wird immer gern investiert. 

Trotzdem hatten diese Sätze für mich schon immer einen bitteren Beigeschmack. Wenn man alles machen kann, was will man dann überhaupt? Wenn man alles erreichen kann, wann ist es dann genug? Ist man demotiviert, nicht ambitioniert oder einfach faul, wenn man gar nicht so große Ziele hat? Ist man undankbar, wenn man all die Möglichkeiten, die es auf dieser Welt gibt, nicht wahrnimmt? Ist man in unserer Leistungsgesellschaft überhaupt etwas wert, wenn man eben keine Leistung erbringt? Mit diesen Gedanken schlage ich mich schon seit meinem Teenageralter rum. Mittlerweile bin ich 21, studiere  und habe noch immer keine Antworten gefunden. Ich weiß nur, dass es anstrengend ist: dieses ständige Streben nach mehr, dieser permanente Leistungsdruck, dieses  unaufhörliche Vergleichen mit anderen Menschen – ich habe schon jetzt genug. Eigentlich sollte ich doch froh sein, dass ich all diese Möglichkeiten habe und genau das auch wertschätzen. Stattdessen erwische ich mich immer öfter dabei, wie mich genau das herunterzieht.

Manchmal wünsche ich mir, dass jemand zu mir kommt, meinen Blick klärt und aus dem Meer der unendlichen Möglichkeiten genau das rauszieht, was zu mir passt.Dass mir jemand sagt, dass es genug ist und das ich nicht nach diesem „mehr“ streben muss. Doch warum brauche ich dafür eine andere Person? Warum kann nicht einfach ich diejenige sein, die mir auf die Schulter klopft und sagt „Du bist gut so wie du bist!“?

Klar, es wurde uns schon von klein auf beigebracht, dass wir Leistung erbringen sollen: Wenn du lernst, schreibst du eine gute Note und wirst dadurch belohnt. Jegliche intrinsische Motivation wurde uns schon in der Grundschule abtrainiert und dein Wert wurde teilweise sogar mit deiner Leistung gleichgesetzt. Wie soll ich mich also von solchen Gedankenmustern lösen, wenn sie mir schon seit 15 Jahren eingebläut werden? Trotzdem: jetzt bin ich eben kein Kind mehr! Ich stehe natürlich unter dem Einfluss meiner Umwelt und meiner Vergangenheit, kann aber mittlerweile selbständig reflektieren und eben kritisch hinterfragen, was das mit mir macht. Bin ich also schuld? Sind diese vielen Möglichkeiten gar nicht das Probleme, sondern ist meine Umgangsweise einfach falsch? Sabotiere ich mich mit meinen Gedanken einfach selber? 

Stellen wir uns mal, vor wie es uns vor 60 Jahren ergangen wäre. In den 60er-Jahren wurden die meisten Frauen noch an den Herd gestellt – etwas anderes sein, als Hausfrau und Mutter? Für viele Frauen ein nicht erreichbares Ziel. Ein festes Rollenbild und eine klare Aufgabenverteilung – die Frauen damals mussten sich definitiv nicht mit unseren Problemen herumschlagen. Dafür mussten sie ein Dasein ohne individuelle Selbstentfaltung fristen – hört sich schrecklich an? Ist es auch! 

Wenn man sich diese Vergangenheit vor Augen führt, dann kommt man sich noch undankbarer vor. Diese Frauen wollten wahrscheinlich alles, was wir heute haben und ich beschwere mich auch noch darüber. Trotzdem hat eben jede Zeit, jede Generation und jede Lebensphase seine eigenen Probleme. Wir haben heute viel mehr Möglichkeiten, doch dadurch steigt auch der Druck und die Überforderung. Das fühlen viele junge Menschen und für diese Gefühle sollte man sich nicht schämen. Lass dir niemals von irgendjemandem einreden, dass du keine Berechtigung hast so zu empfinden, nur weil du es heutzutage, objektiv gesehen, besser hast als die Menschen früher! 

Doch wie kann ich trotz des Leistungsdruckes und dem Möglichkeitsreichtum glücklich werden? Wo liegt die Lösung des Problems? In dir! Eine einfache Antwort, die gleichzeitig schwieriger kaum sein könnte. Seine eigenen Gedankenmuster zu ändern,  aus seinem inneren Gedankengefängnis auszubrechen und trotz dem äußeren Einfluss diese beizubehalten sind wahrscheinlich die größten Herausforderungen auf dem Weg zu deinem eigenen, individuellen Glück. Ich befinde mich gerade auch erst am Anfang dieses steinigen Weges. Aber eins weiß ich: Ich will mich nicht mehr unzulänglich fühlen,  nur weil es Menschen gibt, die mehr erreichen oder in der Uni besser sind als ich. ICH BIN MEHR ALS MEINE LEISTUNG! UND DU AUCH! 

Laura ist 21 Jahre jung und studiert Medizin in Bonn. Das Beitragsbild ist von Luka. 

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