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Das Bellen des Hundes

Mein Name ist Lilli und ich bin seit mehr als anderthalb Jahren Muslima. Mich bezeichne ich oft selbstironisch als Muselmanin. Das klingt so deutsch und irgendwie unbeholfen. Letzteres ist wohl auch das treffendste Wort, um zu beschreiben, wie Menschen mit mir bei der ersten Begegnung umgehen. Es dauert immer eine gewisse Zeit, bis ich ganz verlegen gefragt werde, ob es denn in Ordnung sei (mir wolle ja niemand zu nahe treten und es sei ja auch gar nicht schlimm, aber es wäre halt schon irgendwie interessant, aber ja nur, wenn ich kein Problem damit hätte, weil ich ja sicher ganz, ganz oft damit genervt werde) mich zu fragen wie und warum ich konvertiert sei.

Mich stört die  Frage überhaupt nicht. Allerdings weiß ich nach anderthalb Jahren immer noch nicht, wie ich darauf antworten kann. Ich könnte erzählen, wie ich den Islam kennengelernt habe. Ich könnte von Sarah erzählen. Oder von Danyal. Von all den Personen, die ich getroffen habe, den zahllosen Gesprächen oder davon, wie ich das erste Mal islamische Texte gelesen habe. Oder einfach davon, wie ich im Februar letzten Jahres in einer Berliner Moschee saß, meinen Zeigefinger erhob und die Schahada, das Glaubensbekenntnis, aussprach.

Das alles würde erklären, wie ich “zum Islam gefunden” hätte. Aber es bliebe eine oberflächliche Erklärung. Meine Geschichte ist spirituell. Es ist eine Geschichte von Ehrfurcht, von Vertrauen in etwas Höheres, von Hoffnung auf Gerechtigkeit und einem nicht endenden Weg, einer Suche nach Gott, sich selbst und der Wahrheit. Der persische Dichter Rumi beschreibt Glauben wie das Bellen des Hundes nach seinem Besitzer. Nicht das Finden, sondern das Suchen ist die Verbindung zu Gott. Ich habe nicht zum Islam gefunden, denn ich habe eigentlich nie danach gesucht. Die Suche begann, nachdem der Islam mich gefunden hatte. Und sie ging weiter mit einem schwierigen Prozess der Selbstbeobachtung, dem Erkennen, dass nicht alles, was scheint, auch vom Sein kommt, einem langen, andauernden Kampf des Geistes und der Seele.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Meine Geschichte ist aber nicht nur spirituell und in sich gekehrt. Man sieht mir mein Muselmanin-Dasein an. Ich trage Kopftuch, bete regelmäßig, faste im Fastenmonat Ramadan und bemühe mich meinem religiösen Verantwortungsgefühl nachzukommen. Ich engagiere mich. Ich bin sichtbar und laut. Ich weiß, dass das nicht alle cool finden.

Insbesondere das Kopftuch. Insbesondere in einer Zeit von „Der Islam gehört nicht zu Deutschland“. Da muss ich als deutsche Muslima schon drüber schmunzeln und mich manchmal auch ärgern, weil es auf einer absoluten Unkenntnis islamischer Theologie, islamischer Geschichte, des Einflusses der kolonialen Vergangenheit auf die islamische Gesellschaft und moderner politischer Verstrickungen in muslimischen Mehrheitsregionen beruht. Ich weiß auch, dass viele Muslim_innen sich des Umfangs und der Diversität ihrer Religion nicht bewusst sind, blind Traditionen folgen und zu oft Kultur und Religion verwechseln.

Ich weiß auch, dass ich nicht alles weiß und auch nicht wissen werde. Aber ich kann mir vorstellen, dass wir einfach auch differenzierter darüber reden können, verstehen warum das so ist, was man besser machen kann und, und, und.
Ich würde es mir wünschen, weil ich mir vorstellen könnte, dass es sich besser anfühlt, einfach als Teil der Gesellschaft gesehen zu werden und nicht als bedrohlich und anders mit furchterregender Schädelumwicklung und noch viel schlimmer: Einem Schädel, dessen Inneres das Abendland vernichten will und ein gutes Schweineschnitzel verkennt.

Ich habe als deutsche Atheistin immer dazugehört und ich will – und werde – auch weiterhin dazugehören.

Ich würde gerne mehr mit den Leuten darüber reden, niemanden überreden, aber einfach nur im Sinne eines freundlichen Zusammenlebens erklären, wieso, was und weshalb. Bei meiner Familie und meinen Freunden hat das geklappt.

Ich lebe ein verdammt schönes Leben als deutsche Muselmanin, weil ich zwischen einem guten, deftigen Kartoffelsalat und klebrig-süßem Baklava mit meinem Glauben, mit all den Muslim_innen, aber auch Nicht-Muslim_innen immer die Zeit finde, mich auch mit anderen Gedanken der Welt auseinanderzusetzen, manche gut zu finden und manche eben nicht so. So ein bisschen Offenheit hat viel Gutes an sich. Man muss nur eben manchmal unverlegen nachfragen. Weder der Islam, noch das Deutschsein hindert einen daran. Oft nur das eigene Ego und der eigene Stolz, die Überzeugung, dass man schon alles weiß und von dem Gegenüber nichts mehr lernen kann.

In Arabisch nennt man seinen Stolz kibr. Er gilt im Islam als einer der größten Feinde des Menschen. Wenn wir in den großen Dschihad, den heiligen Krieg, ziehen – dann gegen ihn.

Diese vielen Dschihads, dieses Sich-mal-selbst-überwinden bringt viel Neues und Spannendes. Und es macht mich auch zu dem, was ich bin. Modern, feministisch, neugierig und – guess what – gläubige Muslima.

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Lilli studiert Internationale Beziehungen und Kommunikationswissenschaften, ist eine kleine Streberin, liebt ihr Studium, ihre Familie, Wandern und Hunde. Sie wäre gerne Rapperin und UN-Generalsekretärin und hat noch viele andere große Pläne.

1 Kommentare

  1. Astrid Ballandat sagt

    Ach Lilli meine Lilli!
    Lauter hoch fliegende Pläne! Alle deine Pläne sollen in den Himmel fliegen wie Vögel und sich docht enfalten, mit dem Wind fliegen und gegen ihn!
    Du bist toll!
    Weiter so!
    Deine Astride

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