Selbst & Inszenierung
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Reden ist Gold

Für die längste Zeit meines Lebens war ich ein stilles Mädchen.
Habe ich lieber geschluckt, als etwas zu sagen. Oder etwas zu entgegnen; meinen Standpunkt zu verteidigen.
Und ich wäre wahrscheinlich auch still geblieben und hätte weiter in mich hinein geschrien, wenn ich nicht an den Punkt gekommen wäre, an dem es hieß:

Du hast nichts mehr zu verlieren.

Solche Wendepunkte können augenöffnend sein. Sie sind in jedem Fall befreiend. Auf einmal sind Dinge, über die ich mir immer Gedanken gemacht habe, nichtig geworden. Es war mir egal, was von mir gedacht oder gehalten wurde, denn entweder, es kommt jetzt zum großen Aufschrei oder eben nicht. Ganz nach dem Motto: Es kann eh nichts mehr passieren, was die Lage verschlimmern würde. Es kann entweder so bleiben, sich manifestieren – oder besser werden.

Und wie es besser wurde.
Indem ich meinen Mund aufgemacht habe – und damit meinen Kopf, mein Herz, meine Seele – wurde ich erst wirklich als diejenige wahrgenommen, die ich bin. Eine Person mit Gefühlen, Ängsten, Nöten. Eine, die nicht alles hin nimmt und damit klar kommt. Meine schon immer da gewesenen Probleme wurden erkannt, es wurde mit ihnen umgegangen, sie wurden gemeinsam versucht, zu lösen. Ich und die anderen entdeckten eine Stärke an mir. Ich kämpfte alle Kämpfe, die ich versäumt hatte, zu gewinnen. Und siegte. Ich bewies mir selbst so vieles. Ich stand für mich ein. Ich entdeckte das Schöne daran, furchtlos zu sein, mutig zu sein. Und gleichberechtigt behandelt zu werden. War nicht mehr die, mit der man alles machen kann. So lösten sich Streits auf. So sprach man über das, was einen störte. So gab ich Feedback und bekam welches zurück. So lernte ich mehr über andere und andere über mich.

Sich das erste Mal zu trauen, war das schlimmste. Doch dann wurde es besser. Weil ich merkte, wie positiv es war. Wie es alles zum Guten veränderte. Wie ich mich zum Guten veränderte. Ich konnte allmählich loslassen und merkte, dass ich auf dieser Welt auch ganz gut alleine zurechtkomme. Das Menschen, die dir unabdinglich erscheinen, dies nicht immer sind. Und doch: Während dieser Abgrenzung wuchs man enger zusammen. Lernte man sich erst richtig kennen. War nicht mehr austauschbar.

Man sagt, Reden sei silber und Schweigen sei gold.
Schweigen ist super, keine Frage. Zu Schweigen ist auch oft das Richtige. Aber es ist nicht immer gold. Reden kann genauso wertvoll sein, wie nichts zu sagen. Oder gar wertvoller. Wir müssen mehr reden, mehr diskutieren. Das macht das Leben spannend. Das bringt unvorhersehbare Wendungen mit sich.

Wenn ich jetzt etwas anders machen könnte, dann wäre es, meine Gedanken eher zu veräußern. Und nicht nur in Worte sondern auch in Taten umzusetzen. Das hätte mir viele Missverständnisse, viel Traurigkeit und viele Verluste erspart.

Und noch habe ich die Chance, eine ganz neue Person zu sein. Das, was in mir schlummert, nach außen zu tragen.

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Worte von Nora.

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