Gastgedanken, Körper & Bewusstsein
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curvy girls

Zunächst einmal nutzte ich Instagram, um in täglichen Posts meine Gewichtszunahme nach ANOREXIA II zu dokumentieren und mit anderen Mädchen zu teilen, die sich in etwa am selben Wendepunkt befanden: Wir stellten uns unserem Widerwillen und zelebrierten, erst erzwungen, dann mit Freude, etwas, für das wir uns ein paar Monate zuvor noch bitterlich gehasst hätten: langsam mehr Platz einzunehmen. Und durch diese Scheiße nicht alleine zu müssen, verlieh uns die Stärke, die wir brauchten.
„HEALTHY LOOKS GOOD ON YOU“ und „#EDrecovery #fuckana #healthspo“
Es fühlt sich gut an, Platz einzunehmen. Im Leben, im Internet, in unseren erst viel zu weiten Kleidern. Uns steht dieser Platz zu.

Klar, ich hätte auch einfach in eine Klink gehen können, wie’s meine Therapeutin gewollt hätte. Aber bevor Instagram eine Werbeplatform wurde und wir unser kollektiv fades Dasein als glamouröses High Life zu inszenieren begannen – und ich bekenne mich selbst der Ich-trinke-Rotwein-und-bin-dekadent-schaut-mich-nur-an-Posts schuldig! – war’s so was wie eine Klinik für mich, ein öffentliches Tagebuch, als Dailybooth gerade down gegangen war und #bodypositivity noch ein Begriff, der nicht von konventionell schönen, durchtainierten, gänzlich gesunden, schlanken weißen Frauen die im olivgrünen Bikini am Strand von Bali posen benutzt wurde, um ihren einzigen, blassen Dehnstreifen am Oberschenkel zu entschuldigen. Ich weiß, auch Bella Hadid hat ganz bestimmt etwas an ihrem Körper auszusetzen, und sie weiß ja nicht, wie’s ist, mit einem anderen Körper, und jeder kennt immer nur das eigene Schlimm. Aber in solchen Fällen muss ich die „Anderen Leuten geht’s schlechter!“-Karte ziehen (obgleich Instagram die meiste Zeit über die „Anderen Leuten geht’s besser!“-Karte gegen uns ausspielt) und sagen „Schau dir mal andere Frauen an“.
Body shaming ist mies, in jedem Fall, aber am Ende des Tages ist auf jedem Magazincover der Welt eben genau diese Frau in ihrem olivgrünen Bikini. Und nicht mein zwanzigjähriges Ich mit lila Dehnstreifen am ganzen Körper, Cellulite und vom Hungern noch ganz strohigem Haar.

Andere Frauen anschauen ist, neben meiner beschämenswert stark ausgeprägten Sucht nach Selbstinszenierung, auch Jahre nach meinem letzten #EDrecovery-Post, das, was ich am meisten tue auf Instagram. Zwischenzeitlich hat mich das ziemlich fertig gemacht. Ich schaue auf gerade mal volljährige Mädchen aus der großen Stadt, Szenemädchen, die in Lackstiefeln feiern, ausschauen wie Engel und sich ihres guten Aussehens so bewusst sind, dass ich nicht umhin komme, mir zu wünschen, noch einmal achtzehn sein zu können und meine Teenagerjahre nicht an Hungern und Fressen und Kotzen zu verschwenden, sondern das beste aus mir zu machen und mich auch so hübsch und cool und wichtig zu fühlen wie sie. Hätte ich das überhaupt gekonnt damals? Ich werde es nie erfahren, ich weiß das, und deswegen versuche ich, das jetzt einfach nachzuholen. Auch, wenn ich nicht gut laufen kann in Absätzen, ich habe mir Lackstiefel gekauft und ich werde sie beim Feiern tragen und ich werde mich wunderschön fühlen.

Entfolgt bin ich den meisten dieser Mädchen dann aber trotzdem. Nicht, weil ich sie nicht immernoch wunderschön und interessant finde, nicht, weil ich glaube, sie verdienen keine Followers, nicht, weil ich konventionell attraktive Frauen diskreditieren möchte, sondern bloß, weil’s mir selbst nicht gut getan hat, mich nur mit Content zu konfrontieren, der mir vor Augen führt, was mir alles fehlt oder von was ich zu viel hab, um dass ich so toll sein kann wie sie. In Erinnerung an das tröstliche Gemeinschaftsgefühl der #fuckana-Ära (an dieser Stelle sei erwähnt dass Ana sich immernoch ficken kann und das auf alle Ewigkeit), habe ich dann beschlossen, fortan (außer berühmten Persönlichkeiten und Musiker*innen) nur noch Frauen zu folgen, die eine ähnliche Figur haben wie ich. Zu akzeptieren, dass mein #postrecovery-Körper nicht so ausschaute wie ich’s mir vorgestellt hatte, war anfangs ziemlich schwer. Der Vergleich mit anderen „Kämpferinnen“, die mit weniger Kampfgewicht den Ring verlassen hatten, drückte auf mein Selbstbewusstsein. Mit meiner Figur sollte ich doch nicht zufrieden sein, so sollte ich doch sicher keine schönen Kleider finden, geschweige denn einen Bikini tragen. Bullshit. Sich im Internet, einem Ort, an dem man seine Möglichkeit, zu kontrollieren, nutzen sollte, um safe spaces zu kreiieren, für andere, für sich selbst, nur noch mit Bildern von Frauen zu umgeben die ebenfalls einen vermeintlich „unschönen“ Körper haben, mit diesem aber überaus glücklich sind und verdammt gut dabei ausschauen und sehr zufrieden sind und schöne Kleider tragen und Bikinis, hat das unvermeidliche Vergleichen des eigenen Körpers mit denen, die man in sozialen Medien sieht, von einer negativen in eine positive Erfahrung verwandelt. Das Recht, im Internet nur Content zu sehen, von dessen Kenntnissnahme man profitiert, wird von uns allen viel zu wenig genutzt. Seitdem ich leichtfertig jeden blockiere, der mir nur eine einzige unhöfliche oder aufdringliche DM schickt, geht’s mir online viel besser. Negative Kommentare, die keine konstruktive Kritik, sondern einfach nur beleidigend sind, werden gelöscht. Und wenn mir der Sinn danach steht, deaktiviere ich einfach die Kommentarfunktion. Im Alltag bin ich mit genug Negativität konfrontiert, und ich weiß, es kann nicht immer alles positiv sein. Aber im Internet, MEINEM Internet, in dem unterwegs bin, seitdem meine Eltern das erste laut kreischende Modem im „Computerzimmer“ installiert haben, will ich doch bitteschön alles so schön und profitabel wie möglich halten. Deswegen habe ich die vermaledeite virtuelle Tageszeitung deabonniert, und deswegen folge ich nur noch curvy girls.

Meine Lieblings-Accounts, die auch neben body pics wunderbare Kunst und sehr inspirierende Texte posten, sind übrigens urlocalcherub, yasminmoonmoon, dounia (die auch fantastische Musik macht), barbienox, bae.doe, scandinaviandreamgurl, charlihoward, karinapadilla_, stefania_model, fatkyliejenner, stelladuval, mollyconstable, emmabreschi, mynameisdiana und h6li.

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Mia macht Musik, fotografiert, schreibt (meist autobiografische) Texte übers Mädchen/Frausein und hängt eigentlich die ganze Zeit im Internet ab. Hier findet ihr ihren Instagram-Account, ihre Musik sowie ihren Fotografie-Account.

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