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Chemnitz – ein Versuch, Worte zu finden

Als man mich fragte, ob ich einen Text über Chemnitz schreiben könne, wusste ich einfach nicht wie. Man kann nur über Dinge schreiben, die man versteht, jedoch fehlte mir jegliches Verständnis in dieser Situation völlig. Doch neben irgendwelchem Verständnis, das bei den Dingen, die passiert sind eigentlich vielen fehlen müsste, fehlt mir überhaupt die Fähigkeit, irgendwie Worte zu finden, die sich mit dem Geschehenen in irgendeiner brauchbaren Art und Weise auseinandersetzen könnten. Bei Christa Wolf habe ich einmal den Satz gelesen: „…dass ich nur schreibend über die Dinge komme.“ – und so hoffe auch ich, jetzt, hier mit dem Niederschreiben dieser Gedanken nur ein bisschen über irgendetwas zu kommen.

Als ich von den genauen Dingen erfuhr, die in Chemnitz geschehen waren, war es bereits Dienstagmorgen. Ein Mensch war gestorben. Gestorben durch die Hände welcher, die nicht-deutsch waren. Am 26. August war es spätabends zu Streitereien zwischen Menschen verschiedener Nationalitäten gekommen. Bei der Eskalation dieses Streits wurde ein Deutscher mutmaßlich durch einen Syrer und einen Iraker erstochen. Beim Bekanntwerden des Verbrechens löste sich natürlich schlagartig eine Welle der Spekulationen aus. Ausgelöst durch das prägnante Ich-weiss-was-Verhalten zahlreicher Nutzer, überschwemmte diese Welle alsbald die „sozialen“ Netzwerke. Spekulationen über einen zweiten Toten klangen an, einige wussten auch genau, um wie viele Messerstiche es gehandelt habe. On top, um der Hetzgeilheit vieler Deutscher gerecht zu werden, sei durch die Täter zuvor auch noch eine Frau vergewaltigt worden. Musik in den Ohren vieler rechter Hetzer, die sich bei den Onlinespekulationen bald unters Volk mischten. Aufrufe von Gruppen mit Namen wie „Pro Chemnitz“ und „Heimat und Tradition Chemnitz“ sowie ein Aufruf von Hooligans des Chemnitzer Fußballvereins mit den Worten „Lasst uns zusammen zeigen, wer hier das Sagen hat“, wurden parallel zu Aufrufen für einen Gedenk- und Trauermarsch für den Toten publik. Was infolge dessen geschah ist aber unter aller Würde.

Allein die Tatsache, dass rechte Gruppierungen den Tod eines Menschen für ihre Hetzjagd gegen Migranten und Geflüchtete missbrauchen, macht mich fassungslos. Als ich mir verschiedene Berichte über die Situation in Chemnitz anschaue, bin ich noch fassungsloser. Auf diesen Bildern mischt sich eine bürgerliche Mitte, die einfach dem TrauHilfslosigkeitermarsch für den Toten beiwohnen will, eindeutig mit Vertretern des extrem rechten Flügels unserer Gesellschaft. Wer es sich rausnimmt mit seinen „Kameraden“ die Frechheit zu besitzen, sich unter die Menschen einer Gedenkveranstaltung zu drängen und Worte wie „Messermigranten“ oder altbekannte Phrasen à la Pegida, wie „Wir sind das Volk!“ zu brüllen, der hat für mich keinerlei Anrecht darauf, überhaupt an unserem gesellschaftlichen Leben teilzunehmen. Mich überkommt beim Anblick dieser Bilder eine Wut, die ich nicht niederschreiben kann. Des Weiteren startet in meinem Kopf ein Prozess.

Ich will für den ersten Moment versuchen, plausible Gründe für das Verhalten dieser „Menschen“ zu finden, doch mir gelingt nichts, da ich mir über die sich abspielenden Geschehnisse und die Tatsache, dass dies alles vor nicht mal einem Tag und in dieser Zeit passiert, nicht klar werden kann. Eine Zeit, die auch ich eigentlich verpflichtet bin mitzugestalten.

Ich suche nach weiteren Filmbeiträgen, um irgendwelche Szenen zu finden, in denen Reporter es schaffen mit diesen Menschen zu reden. Ich will einfach nur verstehen, woher sie die Selbstverständlichkeit für ihren Dreck schöpfen. In einem Filmbeitrag habe ich Glück. Menschen dieses Mobs reden. Besonders aufschlussreich äußern sie sich nicht. Man hört stereotypische Sätze, im Hintergrund wird immer wieder Gebrüll laut, welches das Interview stört. An einer Stelle im Beitrag erscheint ein junger Mann, der rein optisch gar nicht dem typischen Nazi-Stereotyp entspricht. Als er anfängt zu reden und für die Lösung des „Problems“ die Einführung von Apartheid vorschlägt, muss ich das Video pausieren. Ich merke, dass irgendetwas in mir bricht. In meinem Hals bleibt etwas stecken und ich weiß nicht was ich denken, machen, sagen, fühlen soll. Als ich mich sammele überkommt mich nicht nur entsetzte Trauer, sondern auch ein Gefühl der kompletten Hilflosigkeit.

Ich, als Teil dieser Gesellschaft, bin in meiner momentanen Situation – in der ich diese Sätze von Menschen höre, die im selben Moment wie ich leben – nicht im Stande, hier von meinem kleinen Dorf aus neben ein paar Texten auch nur irgendetwas gegen diese Personen und ihre Worte und Taten zu unternehmen und mich zu wehren. Als ich mir über diesen Zwiespalt klarwerde bricht etwas für mich zusammen. Das, was in diesen Tagen in Chemnitz geschieht, hat nichts mehr mit dem „besorgten Bürger“ zu tun. Das, was in Chemnitz geschieht, ist für mich die reinste Progrom-Stimmung. Hier zeigen sich die Auswirkungen dieses Rechtsrucks, über den wir schon Monate reden, in ihrer ausgeprägtesten Art und Weise. Ich fühle mich seitdem in einem Gefühl fixiert, das der Situation der unterlassenen Hilfeleistung nahekommt. Ich bin nicht imstande von mir und einer Gesellschaft, in der Worte wie „Apartheid“ oder „Migrantenjagd“ mit bedrohlichem Ernst geäußert werden, einen sinnvollen Gebrauch zu machen.

Doch nicht nur ich, sondern wir alle stehen jetzt dieser Situation gegenüber, die irgendwie aufgehalten werden muss, bevor sie zu einer Allgemeinheit wird. Es ist zwar richtig und wichtig, Veranstaltungen wie am 03. September in Chemnitz durchzuführen, um zu zeigen, dass es auch eine Seite gibt, die sich dem Unheil entgegenstellt, doch es reicht jetzt nicht mehr Hashtags zu erfinden oder Konzerte zu veranstalten. Sobald diese Welle, die wir endlos viele Monate schon als gefährlich und bekämpfenswert beschwören haben, die Bevölkerung (und nicht nur die Radikalen) ergreift und mit sich zieht, hält sie auch kein Hashtag und kein Konzert mehr auf. Rassismus und extreme Fremdenfeindlichkeit muss man nicht nur auf Social Media mit Hashtags gegenübertreten, sondern auch aktiv im Alltag bekämpfen. In Deutschland macht sich gerade ein Klima breit, das mich hilflos und mehr als bedenklich in meinem Häuschen im Nirgendwo vor den hier geschriebenen Worten sitzen lässt; der einzigen Reichweite, die ich gefühlt gegen dieses Klima bieten kann.

An diesem Abend sitze ich in der Küche meiner Großeltern, das Radio läuft. In Chemnitz wurden faustgroße Steine auf ein jüdisches Restaurant geworfen. Die Fassade wurde beschädigt, der Besitzer getroffen, Worte wie „Judensau“ sollen gefallen sein. Ich habe das enttäuschende Gefühl, dass die Menschheit und ja, auch vor allem die Deutschen, unbelehrbar ist. Und irgendwie habe ich Angst. Nicht Angst vor den Menschen, die diese Dinge tun, aber vor der Zukunft, die sie mit gestalten.

Der Text ist von Dominik. Mehr von ihm findet ihr auf Instagram oder in seiner Kolumne Zeit/Geschehen. Die Bilder sind aus folgenden Quellen: I, II, III.

Außerdem verlinken wir euch hier noch einen Artikel von der Zeit, in dem es darum geht, ob Deutschland ein neues 1933 droht.

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