Gastgedanken
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Bergblumen

„Mein Name ist Rekha. Ich komme aus Nepal, aus Siraha im Terai. Ich bin 32 Jahre alt und habe vier Kinder. Ich bin Bäuerin. Mein Mann ist seit Jahren in den Golfstaaten, in Qatar, und verdient dort 150 US Dollar im Monat – in Siraha gab es keine Arbeit für ihn. Teile des Geldes sendet er jeden Monat an mich, doch es reicht mir kaum, um meine Kinder und mich selbst zu ernähren.“

Rekhas Felder wurden während der Überschwemmungen, die im August 2017 das Terai-Gebiet in Nepal heimsuchten, stark zerstört. Jedes Jahr während der Monsunzeit von Juni bis September sind die Gemeinden im Terai – dem fruchtbaren Flachland an der Grenze zu Indien – einem erhöhten Hochwasserrisiko ausgesetzt, was die bereits bestehenden Probleme in der Region zusätzlich verstärkt. Der Distrikt Siraha zeigt besonders niedrige Indikatoren der menschlichen Entwicklung – nur etwa die Hälfte der Bewohner kann lesen und schreiben und die dortige Gesellschaft ist geprägt von komplexen sozialen und kulturellen Praktiken.

Soziale Klassifikationen basieren nach wie vor auf Geschlecht, Kasten und wirtschaftlichem Status in Bezug auf den Zugang zu Dienstleistungen und Ressourcen. Knapp 80% aller Haushalte in Siraha haben keine ausreichenden sanitären Einrichtungen. Katastrophenvorsorge und Minderungsmaßnahmen gibt es nicht. Als der Damm in der Nähe des Flusses Kamala durch starke Regenfälle brach, reichte das Wasser den meisten Dorfbewohnern bis zu den Knien. Rekha konnte ihre Kinder zwei Tage lang nicht ernähren – nicht genügend Lebensmittel hatte sie in ihrem Haus aufbewahrt, bevor die Fluten ihre einzige Nahrungsquelle zerstörten.

Nur noch ein Bruchteil des verfügbaren Landes nahe Rekhas Dorfes werden für landwirtschaftliche Aktivitäten genutzt – zu groß ist das Risiko für wiederkehrende Fluten oder gar Dürren in der Zeit unmittelbar vor dem Monsun. Einige der Bewohner mussten bis zu zwei Wochen lang auf der Straße schlafen, da sie ihre Häuser aufgrund der Überschwemmungen nicht mehr betreten konnten. Rekhas Haus blieb unbeschadet. Dank einer Hilfsorganisation vor Ort weiß sie nun, wie sie sich, ihre Kinder und ihre Felder vor dem Regen und der Hitze in Zukunft besser schützen kann. Rekha und ihre Familie hatten Glück.

Nepal gehört zu den ärmsten Ländern der Welt. Katastrophen großen Ausmaßes wie die Überschwemmungen aus dem letzten Jahr treffen immer wieder den kleinen Staat zwischen den Großmächten Indien und China, der knapp 29 Millionen Einwohner zählt.

Nur drei Jahre ist es her, als in Nepal die Erde bebte –  Stärke 7.8. Zahl der zerstörten Häuser – schätzungsweise 800,000. Die Zahl der Opfer bewegt sich ebenso im Dunklen, man sagt, es seien um die 9,000 gewesen. Politische und massive wirtschaftliche Probleme, eine kaum vorhandene Infrastruktur sowie alteingesessene kulturelle Praktiken erschweren sämtliche Entwicklungs- und Hilfsmaßnahmen. Beispielsweise haben Frauen, die ihre Ehemänner während der Katastrophen verloren haben und damit Witwen sind, keinerlei Rechte und werden von der hinduistisch geprägten Gesellschaft regelrecht verstoßen – während diese doch mit am meisten Unterstützung benötigen. Einige abgelegene Regionen, die von dem Erdbeben oder den Überschwemmungen betroffen wurden und nur schwer zu erreichen sind, warten immer noch auf helfende Hände von außen. Andere Regionen wiederum wurden von den Katastrophen verschont. Sie hatten Glück.

Was hält dieses Land noch zusammen? Ein paar Holzbalken, die die halb zerstörten Häuser versuchen zu stützen, lose Ziegel und Staudämme – und unschuldige Herzen. Resilienz ist das, was die Nepalesen auszeichnet. Es wird nach vorne geschaut. Anstatt darauf zu verharren, was fehlt oder einem genommen wurde, ist man dankbar für das, was man (noch) hat. Sei es eine gesunde Familie, ein tägliches Dal Bhat (Reis mit Linsen), ein Haus (sei es Ziegeldach, Strohdach oder Blechdach), eine feste Arbeitsstelle, einen Platz in einer guten Bildungseinrichtung, oder mehr – oder eben weniger. Es ist eine Mentalität, von der sich westliche Konsumgesellschaften etwas abschneiden können. Glück wird hier anders definiert. Gemeinschaft ist das, was die Menschen zusammen hält. Die Präsenz von immateriellen Ressourcen hat weit mehr Bedeutung als die Präsenz von materiellem Gut. Und die erdrückende Armut resultiert zusätzlich – paradoxerweise – in eine grenzenlose Großzügigkeit. So viele haben so wenig, aber sie würden alles einem Fremden in Not geben, sogar das letzte Reiskorn.

Die Seelen vieler Nepalesen, denen man begegnet, scheinen so stark wie die Berge, die um sie herum in den Himmel steigen. Jeder Morgen, wenn die Sonne die Gipfel der Himalaya-Gebirgskette rosarot anstrahlt, ist ein neuer Start – eine neue Gelegenheit, um das Glück um sich herum zu finden. Und woher weiß eine junge Frau wie Rekha, was Schmerz ist, wenn all das, was wir als Qual bezeichnen würden, bisher ihr Glück war?

Gastgedanken und Bilder von Linda (22).

Seit Dezember 2015 reist sie jedes Jahr nach Nepal – insgesamt neun Monate schnupperte sie schon die Himalaya-Luft (und die Abgase der quirligen Hauptstadt Kathmandu). Linda war das erste Mal in Nepal in ihren Semesterferien – nicht für‘s Trekking zum Mount Everest Basecamp, sondern um die Nepalesen beim Wiederaufbau nach dem Erdbeben zu unterstützen. Den Distrikt Siraha besuchte sie im Juni 2018, wo sie neben anderen Flutopfern auch auf Rekha traf. Nepal ist für sie ein neues Zuhause geworden – es ist ein Ort, der sie täglich vor neue Herausforderungen stellt – und damit immer wieder auf’s Neue wachsen lässt. Die Schönheit der Menschen und Landschaften in Nepal hält sie gerne fotografisch fest à Instagram: linda.rmr.

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