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Wer schützt wen? – Zeit/Geschehen

Am 27.05. habe ich gefeiert. Gefeiert für Irland und die irischen Frauen, die seit diesem Tag der Tatsache, ganz sich und ihrem Körper zu gehören, einen gewaltigen Schritt näher gekommen sind.
Mit eindeutiger Mehrheit wurde, nach jahrelangen Diskussionen, endlich für das Recht auf Abtreibung für irische Frauen gestimmt. Ein Erfolg, der mich weiter hoffen lässt, denn noch immer gibt es genügend Länder auf der Welt, in denen Abtreibung als Strafbestand gilt und unter keinen Umständen überhaupt in Erwägung gezogen werden darf.

Dass Abtreibung eines der kontroversesten Themen überhaupt ist, ist wohl unumstritten. Ich kenne kein anderes Thema, bei dem sich die Geister so stark scheiden, wie es bei Abtreibung der Fall ist. Manchmal kommt es mir so vor, als wäre dieses Thema so heikel, da man nie sicher sein kann, bei wem man wie mit seiner Meinung ankommt, dass es für manche Menschen gar indiskutabel wird. Entweder man ist für oder eben gegen Abtreibung. Es gibt diese beiden Extremformen und nicht viel dazwischen. Jede dieser Seiten hat ihre Argumente und beharrt darauf, so bleibt nicht viel Spielraum für abwechslungsreiche Diskussionen. Ich persönlich spreche mich für die Pro-Seite in dieser Angelegenheit aus. Für manche mag das nicht überraschend kommen, da ich mich auch für den Feminismus ausspreche, doch beim Thema Abtreibung liegt mir eine menschliche Beurteilung näher. Der Mensch hat das Recht auf die Selbstbestimmung über seinen eigenen Körper. Dass der Gegenstand Schwangerschaft bzw. Abtreibung auf Frauen fällt ist dabei rein biologischer Zufall. Nachvollziehbar ist es jedoch, dass sich der Feminismus dem annimmt. Dass einem Menschen aber die genannte Selbstbestimmung entzogen wird, sollte jedoch alle etwas angehen, nicht nur Feministen.

Eines stört mich an Abtreibung dennoch – das Wort. In seiner Art und Weise, wie es klingt verdeutlicht es in meinen Augen nur das, was vielen AbtreibungsgegnerInnen ein geläufiges Argument ist. „Abtreiben“ – das klingt wie das Abschieben eines ungewollten Dings, die Beseitigung dessen, was stört. Die Härte und negative Besetzung dieses Worts stößt bei mir auf Ablehnung, da ich mich bei Benutzung dieses Wortes wie eben genau einer dieser GegnerInnen fühle. Daher ziehe ich die sehr sachlich, aber dafür weniger abwertend klingende Bezeichnung „Schwangerschaftsabbruch“ vor. Viele GegnerInnen könnten jetzt um die Ecke kommen und genau meine Worte in ihrer Intention aufgreifen: Ja, ein Schwangerschaftsabbruch ist genau das. Die Beseitigung dessen was stört, das Abschieben eines Dings, das man nicht gebrauchen kann.

Das ist natürlich leicht gesagt, und so stufen viele GegnerInnen auch die Entscheidung für eine Abtreibung ein: die Frauen, die abtreiben, machen es leichtfertig, so nebenbei. Da ist jetzt etwas, das musste nicht sein, aber nun ist es da und ich kann es ja wegkriegen. Dass aber die Entscheidung für eine Abtreibung und der Weg des Darüber-klar-werdens kein leichter für eine Frau sind, und oft mit belastenden Zweifeln und psychischen Leiden verbunden sind, sehen derartige GegnerInnen nicht. Stimmen in unserer Gesellschaft, die so negativen Druck auf betroffene Frauen ausüben, sind dann noch weniger zu gebrauchen. Auch mir könnte man rein theoretisch vorwerfen, mich nicht in die Frau hineinversetzen zu können, was auch stimmen mag. Ich kann mich vielleicht als männliche Person nicht in die schwangere Frau hineinversetzen, aber als Mensch in den Mensch, der sie ist.

Es gibt vieles, dass uns im Bezug auf Schwangerschaftsabbrüche klar werden muss. Und einiges davon will ich ihn diesem Text aufzeigen. Es ist nicht immer wichtig, Meinungen anderer zu ändern (besonders bei einem zwiespältigen Thema wie diesem wird es auch kaum möglich sein), aber es ist wichtig Meinungen zu äußern, zu hören und über sie nachzudenken. Man muss zu Anfang anmerken, dass Deutschland schon um Einiges weiter ist als andere Länder. Hierzulande sind Abbrüche nach einer ausführlichen Beratung der Frau sicher und straffrei möglich. Rechtlich gesehen ist der Schwangerschaftsabbruch jedoch immer noch ein Strafbestand (§218 Strafgesetzbuch). In Ländern, in denen der Abbruch unmöglich ist, wie beispielsweise Malta oder Polen, setzen sich Frauen extrem gefährlichen Bedingungen aus, um Schwangerschaften zu beenden. Dass ständig Frauen an illegalen oder teilweise sogar eigenhändig durchgeführten Abbrüchen sinnlos sterben, lässt mich nahezu umkommen. Es muss der Tag kommen, an dem die Welt begreift, dass derartige Verbote nicht die Abbrüche verhindern, sondern nur ihre Bedingungen gefährlicher werden lassen. Abtreibungsverbote gefährden das Leben von Frauen. Dass diese Frauen aus Verzweiflung ihr Leben aufs Spiel setzen, nur weil ein legaler Abbruch in ihrem Land unmöglich ist, finde ich unsagbar schrecklich. Doch um Abtreibung zu verstehen, müssen wir bei Grundlegenderem beginnen, denn es ist nicht immer möglich, ungewollte Schwangerschaften zu vermeiden. Sexualität ist nicht immer planbar, passiert spontan. Auch Verhütungsmittel versagen. Oft wird das Thema Verhütung den Frauen zugeschoben, dann kann Er im Nachhinein auch die Schuld auf Sie schieben, denn was auch weitläufig bekannt ist: Kinder zeugen geht leicht, aber Verantwortung zu übernehmen und das Kind zu versorgen, ist für die meisten der gemeinten Herren nicht machbar. Komischerweise sind das dann aber gleichzeitig die Leute, die abtreibende Frauen scharf kritisieren. Irrungen, Wirrungen…

In einem Fall der ungewollten Schwangerschaft sollten aber dennoch die, die das Kind austragen müssen, darüber entscheiden können, ob sie sich dieser Mammutaufgabe gewachsen fühlen oder nicht, und das sind nun einmal die Frauen. Nicht alle Frauen wollen Mütter werden, oft passen die Lebensumstände nicht, der Partner fehlt etc. Die Gesellschaft muss die Verbindung von weiblichem Körper und Gebährfähigkeit endgültig auflösen.

Die Zahl der Schwangerschaftsabbrüche in Deutschland sinkt seit vielen Jahren, was auch daran liegen kann, dass wir relativ gut aufgeklärt sind und auch Verhütungsmittel bei uns leicht zu erwerben sind. In Ländern, in denen eine konservativere Vorstellung von Sexualität geläufig ist, dient Sex nur dazu, um Kinder zu zeugen. Die dadurch fehlende Aufklärung führt hier natürlich dann gerade zu ungeplanten Schwangerschaften und (illegalen) Abbrüchen. In den USA ist die Zahl der ungewollten Schwangerschaften auch da am höchsten, wo am wenigsten über Sexualität gesprochen wird. Hier wird eher Enthaltsamkeit propagiert, doch Menschen verspüren von Natur aus Lust und wollen dieser nachgehen (wem das neu ist, der sollte mal „Sigmund Freud“ googeln).

Für sogenannte „Lebensschützer“ darf der Schwangerschaftsabbruch unter keinen Umständen geschehen, da der Embryo schon bei Befruchtung von Samen- und Eizelle ein eigenes Lebewesen und „von Gott beseelt“ ist. Jedoch ist ein Embryo bis zur 24. Woche nicht außerhalb der Gebärmutter lebensfähig. Mit der Argumentation dieser Menschen wäre die Frau also verpflichtet, ihren Körper dem Fötus uneingeschränkt zur Verfügung zu stellen. Was man hierbei aber beachten muss ist, dass so die Rechte des Fötus den Rechten der Frau übergeordnet werden. Lässt man sich diese Tatsache durch den Kopf gehen, ist es eigentlich unmenschlich, denn das Leben eines eigentlich noch nicht lebensfähigen Dinges, wird über die persönlichen Rechte eines Menschen gestellt. Weiterhin werden häufig von derartigen „Lebensschützern“ Abtreibunszahlen gefälscht. So sprechen manche dieser Leute von 1.000 Abtreibungen am Tag. Natürlich völliger Quatsch, aber auf diesem Weg sollen Schwangerschaftsabbrüche schlichtweg skandalisiert werden und es entsteht das Bild, dass Frauen „leichtfertig“ abtreiben. Das Ergebnis ist, dass sich Betroffene für ihre Entscheidung, einen Schwangerschaftsabbruch durchführen zu lassen, rechtfertigen müssen. Große Töne werden hier angeschlagen: neue Willkommenskultur, Liebe und Verantwortung statt Abtreibung. Ob sich einer dieser Lebenschützer aber im Klaren darüber ist, dass kein ungewolltes Kind von „Liebe und Verantwortung“ ernährt werden kann, bezweifle ich stark. Unsere Gesellschaft muss aufhören, den Frauen, die sich bewusst für den Abbruch einer Schwangerschaft entscheiden, ein schlechtes Gewissen einzureden oder ihnen in irgendeiner Form Rechtfertigung abzuverlangen. Jede Frau, jeder Mensch, ist ein eigenständiges Wesen und sollte so auch eigenständig entscheiden können, welches Lebensmodell er/sie für sich wählt. Man muss niemandem verbieten Abtreibungen für unmoralisch zu halten, aber man sollte wenigstens so viel Akzeptanz in sich tragen, einem Menschen eine derartig moralische Entscheidung selbstbestimmend zu überlassen.

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Zeit/Geschehen von Dominik erscheint als monatliche Kolumne und behandelt aktuelle Themen und Zeitgeschehnisse. Das Foto ist von Luka.

2 Kommentare

  1. Sophie sagt

    Sehr guter Text! …und eine Problematik mit der sich bestimmt fast jede Frau in ihrem Leben befasst hat oder befassen wird. Doch obwohl es in Deutschland legal ist, müssen Frauen in vielen (nicht nur ländlichen) Gebieten weite Wege auf sich nehmen, um z.B. ein notwendiges Gespräch bei ProFamilia führen zu können. Nicht zu vergessen ist die allgemeine Scham, bei etwas versagt zu haben… Ich hoffe, dass sich auch bei uns noch einiges ändert und Frauen offener damit umgehen können.

  2. Laura sagt

    Super Text! Es freut einen einfach,wen man auf eure Seite geht und einen neuen Artikel vorfindet:) ihr macht so eine gute Arbeit:)

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