Selbst & Inszenierung
Schreibe einen Kommentar

Mutprobe? Raus aus der Komfortzone!

Ich und meine Komfortzone. Wir verstehen uns gut. Ich fühl’ mich wohl mit ihr. Sie ist gemütlich, rund, und ich schwebe in ihr wie in einer Blase.
Aber irgendwie … tut sie mir auch nicht gut. Ich bin gefangen, will raus, kann auch, aber sie macht es viel zu verlockend, doch in ihr zu bleiben. Die Folge: ich sehe nichts Neues, erlebe nichts Neues, hinterfrage nicht, lerne nicht, komme nicht weiter. Ich stecke fest. Und damit muss jetzt Schluss sein. Nein, die Komfortzone wird wohl nicht weg gehen.

Nora

Jeder Mensch hat eine. Das Wichtige ist, dass wir immer mal aus ihr heraussteigen. Über uns hinauswachsen. Den Rahmen verschieben, die Grenzen. Die Komfortzone wächst und schrumpft mit Dir und Deinen Erfahrungen. Gewonnenes und verlorenes Vertrauen spiegeln sich in ihr wieder, sowie positive und negative Erlebnisse. Deine Komfortzone sagt viel über Dich aus. Dich, die Menschen, mit denen Du Dich umgibst und die Situationen, in die du Dich begibst.

Eine Komfortzone kann und kann nicht vieles sein. Aber vor allem sollte sie Dich nicht zurückhalten. Ich habe meine mich zurückhalten lassen, habe es gemerkt, aber habe nichts geändert. Und habe so unglaublich viel verpasst.

Seit einiger Zeit wage ich jedoch immer mal einen oder zwei Schritte raus. Über den Rand. Und siehe da: ich lebe noch. Und mir geht es besser, als zuvor. Weil ich mehr kann, als ich dachte. Weil es da draußen mehr gibt, als ich dachte. Und vor allem ist es nicht so beängstigend, wie ich es mir immer ausgemalt habe. Es ist aufregend, neu und verändert mich nachhaltig. Zum Positiven. Und so veranlassen mich die vielen kleinen Schritte vielleicht irgendwann zu einem großen.

Imina

Auf meinem Computer habe ich einen Ordner, in dem ich ganz besondere Bilder abspeichere. Auf einem von ihnen steht Life begins at the end of your comfort zone. Seit 2011 befindet es sich in diesem Ordner. Ich bin mir ziemlich sicher, dass ich das Bild damals nur abgespeichert habe, weil ich es cool fand oder weil es diesen typischen Tumblr-Look hatte. Aber seine Bedeutung und Wahrheit eröffnete sich mir erst mit der Zeit.

Wie oft kommen wir in Situationen, in denen wir über uns selbst wachsen (müssen)? In denen wir vor eine Entscheidung gestellt sind, die entweder den Sprung ins kalte Wasser oder das Verbleiben im Ist-Zustand bedeutet?
Kleinere und größere Mutproben warten an jeder Ecke auf uns. Und meistens sind wir vor die Wahl gestellt, innerhalb der gemütlichen Komfortzone zu bleiben oder den beschwerlichen Weg ins Ungewissen zu wagen. Warum ist uns – zumindest auf den ersten Blick – die Komfortzone eigentlich so viel lieber?

Komfortzone bedeutet immer: Gewohntes.  Und vor allem: Sicherheit. Das, was man kennt, was man liebt, wo man sich wohl und geborgen fühlt. Und es liegt nur in der menschlichen Natur, immer auf Sicherheit und Wohlbehagen aus zu sein. Doch trotzdem bedeutet dies nicht, dass es immer besser ist, im sicheren Hafen zu bleiben (Wo mir schon wieder so ein Zitat einfällt: „Ein Schiff im Hafen ist sicher, doch dafür werden Schiffe nicht gebaut“ von John Augustus Shedd). Denn oft sind die Entscheidungen, vor die wir gestellt werden und die Wege, die wir einschlagen, ausschlaggebend dafür, wie wir unsere Zukunft gestalten.

In meiner Schulzeit habe ich es gehasst, Referate zu halten, vor einer Gruppe von Menschen zu stehen und etwas Sinnvolles rüberzubringen. Wenn ich die Wahl hatte, habe ich immer die schriftliche Ausarbeitung vorgezogen. Doch in meinem ersten Studienjahr hatte ich keine Wahl mehr. Ich musste meine Projekte, Ideen, Konzepte und Grafiken dauernd präsentieren. Und das mal gelegentlich auf Deutsch, meist auf Englisch und manchmal auf Rückfragen in Italienisch reagieren. Ich hatte keine Wahl – ich musste da einfach durch. Das hätte mir niemand abnehmen können. Doch ich bemerkte schnell eine Wandlung, denn irgendwann viel es mir nicht mehr schwer, meine eigenen Projekte vorzustellen. Ich sagte freiwillig und auch ausgiebig meine Meinung und war in Gruppenprojekten sogar die einzige, die die Arbeit vorgestellt hat. Und das war keine Kunst, sondern Übungssache. Denn je öfter man sich ins kalte Wasser stürzt, desto weniger schlimm fühlt es sich an.

Aus der eigenen warmen, gemütlichen Komfortzone – die natürlich komfortabler ist, als den schweren Schritt aus ihr hinaus zu wagen, wie es ja schon im Wort selbst liegt – bedeutet immer eines: Wachstum. Und oft ist genau das das wichtige, um weiterzukommen.

Wenn du mit dem Gedanken spielst – soll ich, soll ich nicht – hat mir immer eines geholfen: Es gibt im Leben keine Garantie. Nicht dafür, dass es gelingt, aber auch nicht dafür, dass es besser wäre, es nicht zu wagen, nicht dafür, dass du kläglich scheitern wirst. Für nichts. Aber es ist immer besser, den Schritt zu wagen. Auch, wenn du das schon hunderttausendmal gehört hast. Denn nichts auf der Welt fühlt sich so gut an, wie wenn du es tust.

Luka

Neulich war ich auf einem Sommerfest, laute Musik hat gespielt. Die Leute saßen in der Sonne, alles war entspannt und eine Frau hat getanzt. Sie war in dem Alter meiner Mutter und hatte ein auffälliges, rotes Kleid an. Sie hat so frei getanzt, wirklich lange, und alle haben ihr zu geschaut. Sie sah so schön und selbstbewusst aus, hat sich elegant bewegt und trotzdem hat sich niemand getraut, sich ihr anzuschließen und mitzutanzen. Ich habe diese Frau so sehr bewundert und habe ihr die ganze Zeit zugesehen. Trotzdem hätte ich mich niemals getraut, aufzustehen und mich zu der Musik zu bewegen. Vor all diesen Menschen, mitten in der Sonne. Ich habe mir Gedanken gemacht, was die Leute wohl von mir denken. Gedanken über alle möglichen Dinge, die hätten passieren können. Letztendlich habe ich es nicht gemacht, ich bin nicht aufgestanden und habe nicht mitgetanzt.

Aber dennoch wurde mir klar, wie ich über diese Frau gedacht habe: Denn ich habe keinen einzigen Gedanken daran verschwendet, schlecht über sie zu denken oder mich gar lustig zu machen. Ich habe sie bewundert, empfand es als wunderschön. Und so auch bestimmt alle anderen, die einfach da saßen und ihr zugeschaut haben. Ich hatte Respekt. Wir hatten alle Respekt. Und genau dieses Gefühl sollte man sich wirklich zu Herzen nehmen, wenn es mal wieder eine Situation gibt, in dem man aus seiner Komfortzone ausbrechen will. Es ist dieser eine kurze Moment und danach – nichts! Niemand wird sich über dich lustig machen, schlecht über dich denken oder reden.

Ein anderes Mal wurde ich zu einer Party eingeladen. Ich wollte eigentlich mit einer Freundin hin, die aber kurzfristig abgesagt hat. Normalerweise wäre ich dann auch zuhause geblieben, denn ich hätte mich niemals getraut, allein auf eine Party zu gehen, auf der ich dazu auch noch niemanden kenne. Und trotzdem habe ich mich überwunden und bin hingegangen. Natürlich war ich unglaublich aufgeregt, aber ich habe mich einfach dazu gesetzt, mit den Leuten geredet. Ich habe versucht, mich in die Gespräche zu integrieren, Fragen zu stellen, Smalltalk. Aber irgendwie habe ich mich plötzlich richtig gut mit diesen Leuten verstanden. Aus Smalltalk wurde Deeptalk und der Abend wurde richtig gut. Später haben wir dann getanzt und als ich nach Hause ging, war nur noch ein Gedanke in meinem Kopf: Alles wird sich ändern! Und tatsächlich – heute bin ich mit einer dieser Personen, die ich dort kennengelernt habe, zusammen und auch die anderen zähle ich nun zu meinen engsten Freunden.

Manchmal frage ich mich heute, wie jetzt wohl alles wäre, wenn ich mich nicht getraut hätte und nicht auf diese Party gegangen wäre. Wie alles anders gelaufen wäre und ob wir uns jemals kennengelernt hätten?

Wahrscheinlich wäre ich trotzdem meinen Weg gegangen, nur eben ganz anders. Manchmal ist es eben wunderschön, seine Komfortzone zu verlassen und sich blind in etwas Neues hineinzustürzen, zu lernen, zu verstehen und über sich hinaus zu wachsen, Schritt für Schritt.

_

Mit Bildern von Luka.

 

 

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.