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Privilegierte Weiße

Schon Kinder wissen, dass die Aussage „Iss’ deinen Teller leer! Kinder in Afrika wären dankbar, wenn sie so etwas zu essen bekommen würden“ totaler Quatsch ist.
Nein, Oma, wären sie nicht. Wenn ein trainierter deutscher Darm schon Probleme bei all dem Fett an den Rippchen hat, würde ein untrainierter, somalischer Verdauungstrakt diese Mahlzeit wahrscheinlich unverwertet sofort wieder ausscheiden.

Aber gut, solche Sätze lassen sich auf so viele Situationen übertragen:
„Sei froh, dass du überhaupt lernen darfst!“
„Warum regst du dich auf? In anderen Ländern gibt es keine so große Auswahl an Gemüse.“
„Wenigstens fährt hier jede Stunde ein Bus.“

Im Großen und Ganzen geht es uns hier, im “Westen”, gut. Natürlich werden wir auch mal krank, verlieren unseren Job, werden von den Menschen verlassen, die wir lieben, oder verbarrikadieren unsere Weihnachtsmärkte aus Angst, ein LKW könnte in die Menge rasen. Aber es geht uns – im Gegensatz zu vielen anderen Gebieten auf der Welt – gut. Punkt. Das ist ein Fakt.

Solche Aussagen, wie oben beschrieben, sollen uns auffordern, ein wenig dankbarer zu sein. Dankbarer für die Privilegien, die wir genießen, ohne dass wir jemals etwas dafür getan haben. Wir sind privilegierte Weiße (Ja, Weiße – denn Menschen mit einer anderen Hautfarbe widerfährt im Allgemeinen zu mindestens eine Diskriminierung).

Privilegierte Weiße, die das Leben, in das sie zufällig hineingeboren wurden, nicht zu schätzen wissen.

Unzufriedenheit. Aufregen über Lappalien.
Vielleicht können Menschen einfach nicht dankbar sein.

Doch wenn ich mir unsere Gesellschaft anschaue, dann beobachte ich einen Wandel. Irgendwas hat sich in den letzten Jahren verändert.
Denn auf einmal sind alle Vegetarier oder Veganer, weil Massentierhaltung ja so schlimm ist. Man verzichtet auf Plastik, weil es die Meere verschmutzt. In Ehrenämtern bringt man Flüchtlingen Deutsch bei oder spielt mit den Rentnern im Altersheim Bingo, auch wenn noch nie jemand „Danke“ dafür gesagt hat. Es wird Fahrrad gefahren, weil so die Luft nicht weiter mit Abgasen verpestet wird. Und es gibt fast täglich innovative Hashtags, die – ja, was bringen die denn überhaupt?

Solche Menschen gibt es immer häufiger in unseren Breitengraden. Oft werden sie belächelt oder als „nerviger Gutmensch“ abgestempelt, denn sie verstehen nicht, dass so viele andere Länder auf der Welt mit Plastiktüten um sich schmeißen. Dass Tiere weiter geschlachtet werden, auch wenn man seit Jahren lieber Soja-Bolognese isst. Dass ein Auto mehr oder weniger im Straßenverkehr nichts ausmacht und dass Busse und Flugzeuge trotzdem ihre tägliche Strecke zurücklegen, auch wenn kaum einer in ihnen sitzt. Dass niemand diese Sätze auf Twitter lesen wird. Auf jeden Fall niemand, der wichtig genug ist, um etwas zu ändern.

Warum machen sie sich so einen Stress? Machen aus Mücken Elefanten? Reagieren immer, als hätte man sie persönlich angegriffen? Sie beschweren sich über Dinge, die dieselben bleiben werden, egal wie energisch sie sich dafür oder dagegen einsetzen. Es betrifft uns nicht. Die Plastikmeere sind weit weg. Bis sich der Klimawandel auf Europa auswirkt, sind wir schon lange tot.

Es besteht eine gewisse Doppelmoral bei diesen Menschen. Sie wollen ein besserer Mensch sein, wollen anderen einreden, wie sie zu leben haben, sind aber gleichzeitig ebenfalls betroffen von der Unzufriedenheit. Hört man genau hin, regen auch sie sich über ihr Ehrenamt auf. Beobachtet man sie, kaufen sie sich ebenfalls Plastiktüten im Supermarkt.

Ein wenig scheinheilig, oder?
Was ist das also für ein Phänomen, was sich hier breit macht?

Ich habe mir viele Gedanken darüber gemacht und bin zu folgender Erklärung gekommen:
Es liegt vielleicht in der menschlichen Natur, sich zu beschweren und es ist egal, wie gut ein Mensch zu sein scheint, dieses Verhalten wird immer wieder an die Oberfläche kommen. Aber das Bewusstsein in vielen Köpfen hat sich verändert oder es beginnt sich gerade langsam zu verändern. Es ist eine Form der Dankbarkeit. Irgendwie. So drücken diese privilegierten Weißen aus, dass sie ihr Leben in Europa zu schätzen wissen. Dieses Geschenk wird nicht einfach nach dem Geburtstag in die Ecke gestellt und nie wieder beachtet, sondern es wird sinnvoll genutzt. Es wird das Beste daraus gemacht.

Ein weiterer Fakt: Die Probleme dieser Welt, egal ob der Klimawandel, Kinderarbeit oder Bürgerkriege, sind real. Und dagegen müssen wir, hier im Westen, etwas tun, auch wenn wir vielleicht nicht persönlich betroffen sind.

Warum wir? Müsste nicht die ganze Welt mithelfen, um diesen Planeten wieder zu einem besseren Ort zu machen?
Ganz einfach: Wenn nicht wir, wer dann? Es ist einfach die Bürde des privilegierten Weißen.

Andere Länder haben gerade wirklich andere Sorgen, mit denen sie zu kämpfen haben. Wie sollen die Menschen überprüfen, ob ihr Auto besonders umweltschädlich ist, wenn ihr Haus gerade zerbombt wurde? Wie sollen sie auf Fleisch verzichten, wenn nichts anderes in ihrer Umgebung zu finden ist, dass sie essen könnten? Sollen sie Deutschkurse an ihren Volkshochschulen anbieten, damit die Leute besser vorbereitet in die Flucht gehen können? Falls ihre Bildung überhaupt schon so weit ist, dass Volkshochschulen in den Städten existieren.

Wenn nicht wir, wer dann. Wenn wir nicht anfangen, uns so zu verhalten, dann wird es kein anderer tun. Die Länder dieser Welt können nachziehen, wenn sie soweit sind. Aber jetzt gerade sind sie es noch nicht. Wir schon.

Wir sind so privilegiert, dass wir es uns leisten können anzupacken.

Dazu muss nicht das ganze Leben umgeschmissen werden. Wenn jeder einen Stein legen würde, wäre das Haus auch sehr schnell gebaut.

Ein weiteres Argument: Wenn wir nicht aufpassen, wird uns die Tragödie irgendwann überrollen. Oder unsere Kinder und deren Kinder. Wenn man es vielleicht nicht für wildfremde Menschen in Afrika machen möchte, dann möglicherweise für die eigenen Nachkommen.

Es hat mich ein wenig glücklich gemacht, als ich das für mich erkannt habe. Da ist ein Grund, weswegen ich im Internet nach Fairtrade-Kleidung recherchiere. Weswegen ich mir meine Gemüsefrikadellen brate. Weswegen ich lieber zu spät zur Uni komme, als mein Auto zu benutzen. Ich übertreibe nicht und mache aus Mücken Elefanten. Das geht übrigens auch überhaupt nicht, die beiden gehören nicht mal zur gleichen Tierklasse.

Dadurch bin ich nicht gut und andere schlecht. Das soll keine Belehrung sein, kein „Seid so wie ich“. Dafür bin auch nur ein Mensch und schaffe es in so vielen Situationen selbst nicht, meine Gedanken durchzuziehen. Ich versuche nur das zu schützen, was uns das Leben bietet, und dafür zu sorgen, dass auch andere dieses Glück erfahren dürfen. Ich versuche es nur. Vielleicht wollt ihr das auch?

Gastgedanken von Katrin.
Illustration von Imina.

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