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Vom Pferd fallen: und wieder aufstehen

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Gerade erst mit der Ausbildung begonnen hatte ich nach drei Monaten den ersten Unfall. Ich wurde vom Pferd getreten – das war mir bisher nur einmal zuvor passiert. Doch diesmal war es mehr als nur ein kurzer Schock und ein blauer Fleck. Ich bin fast ohnmächtig geworden vor Schmerz. Mein Bein schwoll sofort auf den doppelten Umfang an. Ich konnte kaum noch gehen. Jeder einzelne Schritt war eine Qual und kostete mich unglaublich viel Kraft.

Die halbe Stunde bis Feierabend arbeitete ich noch zu Ende, humpelte dann 16.30 Uhr vom Stall aus ins Wohnheim und kühlte mein Bein unter dem kalten Wasser der Dusche. Und da sah ich es erst richtig: mein rechter Oberschenkel war zur Hälfte blau und auch der linke Oberschenkel hatte etwas abbekommen- ebenfalls geschwollen und blau, jedoch weitaus nicht so schlimm wie das andere Bein. Für mich gab es jetzt nur eine Option: so schnell wie möglich nach Hause zu fahren. Zwei Stunden Autofahrt standen mir bevor, den Krankenwagen hatte ich abgelehnt – panische Angst in einem fremden Krankenhaus zwei Stunden von meinem eigentlichen Zuhause bleiben zu müssen.

Die Fahrt war eine Qual, mein Bein pulsierte und ich weinte vor Schmerz, doch das Adrenalin hielt mich wach. Zuhause angekommen kam ich nicht mehr allein aus dem Auto heraus – das Adrenalin war abgebaut und der Schmerz wieder voll zu spüren. Meine Mutter half mir, setzte mich in ihr Auto und wir fuhren zur Notaufnahme. 20 Uhr: Erst jetzt benachrichtigte ich meinen Freund, der 450 km entfernt wohnte und sich große Sorgen machte, weshalb ich seit über drei Stunden auf keine Nachricht antwortete. Nach drei Stunden Wartezeit, in denen ich immer wieder kurz davor war, in Ohnmacht zu fallen vor Schmerz, kam der erste Arzt. Und es folgten zwei weitere. Jeder bestaunte die Ausmaße, die mein Bein angenommen hatte- so etwas hatte noch keiner von ihnen bisher erlebt. Letztendlich war nichts gebrochen, beidseitige Oberschenkelprellung, im rechten Oberschenkel neben einem riesigen Hämatom ein Muskelfaserriss und eine Bänderdehnung vom Kniescheibenband.

Die nächsten zwei Wochen konnte ich nicht mehr laufen und war auch danach noch drei Wochen an Krücken gebunden, ehe ich nach einem Monat wieder halbwegs normal gehen konnte – insgesamt war ich zwei Monate krankgeschrieben. Doch die Liebe zu den Pferden blieb, und sobald es mir möglich war, tauchte ich im Stall meiner Nachbarn auf, um mit den Pferdemädels zu quatschen.

In dieser Zeit war ich so glücklich, dass mein Freund mir Mut machte und mich aufgemuntert hat. Dass wir zur Zeit des Unfalls gerade mal eine Woche zusammen waren, tat für ihn nichts zu Sache. Für ihn war sofort klar, dass er mich besuchen kommen würde. Alle zwei Wochen nahm er somit jedes mal einen Weg von knapp 900 km auf sich, nur um mich sehen zu können. Er zeigte mir gleich von Anfang an, wie viel ich ihm bedeute, wie wichtig ich ihm bin und das hat mir in dieser Zeit so viel Kraft gegeben.

Trotz vieler Stunden Physiotherapie habe ich leider Langzeitschäden von diesem Unfall davongetragen und habe auch zwei Jahre danach noch regelmäßig mit Knieproblemen zu kämpfen. Doch Aufgeben stand für mich nie zur Debatte und so lebe ich mit dem, was mir das Leben gebracht hat.

2

Ein schöner Apriltag. Ziemlich genau vor einem Jahr. Ich hatte gerade erst mit der Ausbildung begonnen und Springunterricht. War sehr zufrieden mit mir und dem Pferd, das nicht gerade mein „Lieblingspferd“ war. Aber egal ob ich mit dem Pferd gut klarkam, oder nicht. Pferde waren und sind mein Leben- das Tier in mir.

Doch Momente sind so kurzweilig und so war es auch mit diesem.

Mein Pferd erschrak, buckelte und schlug zwischendrin Haken, wie man es von Hasen kennt. Ich kam vor den Sattel auf den Hals des Pferdes und hatte keinen Halt mehr. Der Boden des Reitplatzes war meinem Gesicht so nah. Und das letzte, woran ich dachte, war mein Freund. Danach Schwärze. Ich wurde vom Pferd getreten – das war mir bisher nur einmal zuvor passiert. Doch diesmal war es mehr als nur ein kurzer Schock und ein blauer Fleck. Ich bin fast ohnmächtig geworden vor Schmerz. Mein Bein schwoll sofort auf den doppelten Umfang an. Ich konnte kaum noch gehen. Jeder einzelne Schritt war eine Qual und kostete mich unglaublich viel Kraft.

Wenig später ein Schmerz, der sich von meinem Kopf abwärts über meinen Rücken zog. Ich bekam keine Luft. Panik erfasste mich und ich öffnete die Augen. Sah meine Ausbilderin über mir die beruhigend auf mich einredete. Ich konnte wieder atmen. Mein Helm wurde mir abgenommen, wie in Trance erlebte ich das alles mit. Der Helm war nicht mehr zu gebrauchen, doch seine Aufgabe hatte er erfüllt: meinen Kopf zu schützen.

Ich wurde gefragt, ob ich meine Beine spüre, mich bewegen könne. Anstelle einer Antwort setzte ich mich auf und wenige Minuten später stand ich wieder. „Du hast mit dem Kopf im Sand gebremst. Dann ist dein Hals seitlich abgeknickt und du bist auf dem Rücken gelandet. Und das aus dem vollen Galopp heraus. Das sah nach einem Genickbruch aus!“
Ich konnte das alles noch gar nicht richtig begreifen. Und so stieg ich wieder aufs Pferd. Das macht man als Reiter halt so – nach dem Sturz sofort wieder drauf aufs Pferd.

Die nächsten zwei Stunden Arbeit waren eine Qual für mich. Ich konnte meinen Rücken nicht bewegen und lief stocksteif durch die Gegend. Ich hatte es ja so gewollt.

„Kein Krankenwagen, mir gehts gut. Ich arbeite noch zu Ende.“

So kam, was kommen musste: Wieder fuhr ich zwei Stunden mit dem Auto nach Hause. Meinem Freund schrieb ich nur: bin vom Pferd gefallen, aber alles gut. Zuhause angekommen ging’s wieder ins Krankenhaus. Röntgen, MRT und der Satz der Ärztin: „Sie haben großes Glück und einen guten Schutzengel gehabt. Glück im Unglück, knapp an einem Genickbruch vorbei.“

Erschlagen fuhren meine Mutter und ich nach Hause. Den nächsten Tag kam mein Freund übers Wochenende zu Besuch. Ich erzählte ihm von meiner Diagnose: Prellung der Hals- und Rückenwirbelsäule, sowie eine leichte Stauchung der Rückenwirbelsäule. Tagelang konnte ich mich nicht drehen und nicht richtig bewegen. Dass ich bei dem Sturz fast hätte sterben können erfuhr er vorerst nicht, denn ich wollte meinen Freund nicht belasten, wollte nicht, dass er Angst um mich hatte, obwohl es mir doch “gut” ging.

Nach zwei Tagen bekam er aber genau das, was er über den Sturz nicht wusste, durch ein Gespräch mit meinen Großeltern mit. Angst, Trauer, Entsetzen und Fassungslosigkeit seinerseits prasselten auf mich ein. Er konnte nicht verstehen, dass ich ihm so etwas Essenzielles nicht erzählt hatte, war traurig über den Vertrauensbruch, wollte sich nicht vorstellen, dass er mich fast verloren hätte. Ich wollte ihn schützen, doch durch den Vertrauensbruch war er gekränkt. Wie man es auch macht, macht man es falsch. Im Nachhinein wünschte ich mir, dass das anders gelaufen wäre, aber man kann die Zeit nicht zurück drehen und vielleicht ist das auch gut so.

Mittlerweile betreibe ich das Reiten wieder nur als Hobby und arbeite in diesem Bereich nicht mehr. Ich habe meinem Freund und mir einen wichtigen Wunsch erfüllt und bin zu ihm gezogen. Wir studieren jetzt beide in der gleichen Stadt, führen keine Fernbeziehung mehr über 420 km und sind sehr glücklich. Zum Glück haben sich sowohl mein Freund, als auch meine Familie von dem Schock erholt und haben jetzt nicht mehr ständig Angst um mich, wenn ich Reiten gehe.

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Anna reitet seit ihrem vierten Lebensjahr, hat nach dem Abi eine Ausbildung zur Pferdewirtin begonnen, sich dann aber doch fürs Studieren entschieden.
Photos im Original von Nora. Collage und Bearbeitung von Imina.
und wieder aufstehen erscheint als monatliche Kolumne. Sie handelt davon, mit Rückschlägen umgehen zu lernen und nach vorn zu blicken.

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