Liebe & Triebe
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Braucht Sexualität ein Label?

Warum gibt es uns eigentlich so eine Sicherheit, wenn wir uns selbst ein Label verpassen können? Warum fühle ich mich besser, wenn ich zu Leuten sagen kann, dass ich beispielsweise “lesbisch” bin? Weil dann weitere Fragen wegfallen? Weil es menschlich ist, diese gewisse Sicherheit zu haben, bei einer Person punkten zu können oder nicht? Warum habe ich das Gefühl, das eine für mich ausschließen zu müssen, nur damit ich mich mich dem Anderen zuordnen kann?
Einen Großteil meines Lebens verbrachte ich mit einem Spagat zwischen hetero, lesbisch oder bisexuell. Ich wollte immer eines sein und die anderen ausschließen. Wollte mich in eine Sparte einordnen können. Habe nächtelang krampfhaft überlegt, welche Bezeichnung denn nun für mich passt.

Ich habe eine Freundin gefragt, die sich bestens mit diesen Fragen auskennt und sich ausgiebig damit beschäftigt hat. Lange Zeit hat sie lesbisch gelebt & geliebt, bis sie sich in einen Mann verliebt hat: Und sich dadurch mit allerhand neuen Herausforderungen konfrontiert sah.

– Hast du schon früh gemerkt, dass du auch auf Frauen stehst?

Tamina: Ja. Bereits in der Grundschule habe ich nie so richtig verstehen können, warum meine Freundinnen einen Jungen als ‘süß’ bezeichneten und konnte mich nicht damit identifizieren, wusste aber nicht, warum das so war. Ich hatte in der sechsten Klasse auch kurz einen Freund, empfand aber weder dieses Kribbeln, von dem alle immer sprachen, noch fühlte ich mich wohl damit – eher war es ein Versuch, dazu zu gehören.
Wenig später kamen dann erste sexuelle Kontakte mit Mädchen dazu, die als ‘Übung’ getarnt unbedeutend waren und über die niemand sprach. Ich hatte selbst zu dem Zeitpunkt noch nicht darüber nachgedacht, was das zu bedeuten haben könnte.
Bis ich mich mit 13 Jahren schließlich zum ersten Mal verliebte – und zwar in ein Mädchen.

– Wann kam der Punkt, an dem du dich als ‚lesbisch‘ bezeichnet hast und was für ein Gefühl hat das in dir ausgelöst?

Tamina: Rückblickend fiel es mir sehr schwer, mir selbst einzugestehen, dass ich ausschließlich auf Frauen stehe. Deshalb hatte ich mich noch einige Jahre als bisexuell bezeichnet und geoutet, obwohl ich wusste, dass Männer mich auf sexueller Ebene eher abstoßen als erregen. Erst durch meinen Freundeskreis, der hauptsächlich aus homosexuellen Lady Gaga Fans bestand, traute ich mich, mich damit auseinanderzusetzen.
Es war letztendlich unheimlich befreiend, endlich zelebrieren zu können, ‘anders’ zu sein.

– Warst du froh, dich einem Label zuordnen zu können, hat dir das eventuell Sicherheit gegeben, oder hattest du das Gefühl, dass es dich einschränkt?

Tamina: Eingeschränkt habe ich mich eigentlich nie gefühlt: Sexualität war in meinen Augen schon immer fließend und kann sich schlagartig ändern. Wenn man zum Beispiel das gesamte Leben lang heterosexuell gelebt hat und sich von einem Moment auf den anderen zu einer gleichgeschlechtlichen Person hingezogen fühlt, ist das einfach so und das ist etwas Schönes. Ich hatte durch meinen offenen Freundeskreis auch das Glück, mich nie als Außenseiter fühlen zu müssen.
Labels können helfen, dass man sich nicht alleine fühlt. Aber sie sind keine Richtlinien, Sexualität ist genau so vielfältig wie wir selbst!

– Ich stimme dir absolut zu! Leider ist es ja heutzutage immer noch schwer, das dem eigenen, heteronormativen Umfeld klarzumachen. Wann kam der Punkt, an dem du dich in einen Mann verliebt hast? War das unerwartet? Wie bist du damit umgegangen?

Tamina: Ich war mir immer sicher, dass ich mein Leben mit einer Frau verbringen wollen würde, schloss aber nie komplett aus, dass ich mich irgendwann mal in einen Mann verlieben könnte, weil man sich ja in einen Menschen und nicht das Geschlecht verliebt.
Und dann kam der Moment, in dem das Unerwartete eintraf und ich war komplett überfordert (sie lacht).

– Das ist ja auch verrückt, man verbringt Jahre damit, einen Ausdruck für das zu finden, was man fühlt, und am Ende werfen die Gefühle wieder alles über einen Haufen und man fängt von vorne an.

Tamina: Ich wusste zwar, dass ich mich verliebt habe, aber nicht, ob und wie weit ich das mit dem Sex hinbekomme. Mein Freund ist zum Glück unheimlich rücksichtsvoll, hat mich nie zu etwas gedrängt und wäre sogar damit klargekommen, wenn ich es nie geschafft hätte, mit ihm zu schlafen.
Ich habe immer noch Momente, in denen ich mich frage, ob ich etwas vermisse oder so wirklich immer glücklich bleiben werde, aber am Ende ist die Liebe das (Einzige), was zählt.

– Das hast du schön gesagt. Und ich glaube gerade in so einer Situation ist es so wichtig, einen Partner zu haben, der dich zu nichts drängt.
Hast du es Leuten in deinem Umfeld erzählt? Wenn ja: Wie haben die Leute in deinem Umfeld reagiert?

Tamina: Bisher wissen nur meine Mutter und engsten Freunde darüber Bescheid und alle freuen sich. Allerdings hatte ich ziemliche Angst davor, für diesen unerwarteten Wechsel verurteilt zu werden: leider gibt es viele Menschen, die Homosexualität als eine Phase abtun. Davon sollte man sich nicht einschüchtern lassen: Bisexuell ist man auch, wenn man nur zu 1% auf das andere Geschlecht steht oder umgekehrt und man bleibt es auch in einer Beziehung, egal mit welchem Geschlecht!

– Was hältst du jetzt von Labels oder der Zuordnung zu einer Sexualität? Wie geht es dir jetzt mit der Situation?

Ich finde Labels nicht unwichtig, da sie dabei helfen können, sich selbst zu finden und zu akzeptieren, sich nicht allein zu fühlen.
Allerdings fühlt es sich für mich immer noch ein klein wenig komisch an, zu sagen ich sei bisexuell, denn ich habe mich in das Gesamtbild dieses Menschen verliebt und finde andere Männer immer noch überhaupt nicht attraktiv. Lesbisch bin ich rein gesellschaftlich aber auch nicht mehr, da ich ja in einer heterosexuellen Beziehung lebe. Natürlich gibt es auch noch etliche andere sexuelle Orientierungen (zum Beispiel die Pansexualität – Menschen, die das Geschlecht einer Person nicht kümmert), aber davon passt irgendwie auch nichts zu mir.
Deshalb finde ich, man sollte einfach offen sein: wenn man sich zu jemandem hingezogen fühlt, muss man das nicht weiter hinterfragen. Dafür ist das Leben einfach zu kurz und die Liebe zu schön.

– Ich stimme dir absolut zu und das möchte ich eigentlich genau so stehen lassen. Ich danke dir für deine Offenheit!

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Lasst uns eure Gedanken zu dem Thema gern in den Kommentaren da.
Falls ihr noch Fragen an Tamina diesbezüglich habt, schickt sie uns hier.
Interview & Bearbeitung von Imina.

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