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Introversion in der Schule

Das deutsche Schulsystem. Ein Thema für sich, was immer gerne in das Zentrum der Kritik rückt. Und das zu Recht. Ich als angehende Abiturientin habe 12 Jahre Schule hinter mich gebracht und fühle mich jetzt in der Lage, ausreichend über diese Lernanstalt urteilen zu können.

Bildung ist wichtig, keine Frage. Und ich weiß es zu schätzen, das Recht auf kostenlose Bildung zu haben. Denn ich bin jemand, der gerne Neues lernt. Der sich Herausforderungen stellt und sich freut, daran zu wachsen und sich weiterzuentwickeln. Dieser Prozess ist großartig.
Doch trotz allem nerven mich einige Dinge an der Schule: Einer meiner beliebtesten Kritikpunkte sind die mündlichen Noten: Wie viele Stunden ich in meinem Leben damit verbracht habe, dieses Bewertungssystem zu kritisieren!

Erst einmal ist die Idee doch absurd, dass Zahlen die Leistung von Kindern bewerten sollen. Eine einzige Zahl sagt doch nichts über eine Leistung aus! Das wäre so, als würde man eine Person mit einem einzigen Adjektiv beschreibt: humorvoll. Das reicht doch überhaupt nicht aus, um sich ein Bild von einer Person zu machen.

Ich als introvertierter Mensch habe in den Klausuren eigentlich immer große Erfolge gefeiert, habe den mündlichen Unterricht hingegen eigentlich schon immer abgelehnt Ich habe es in meiner Schullaufbahn mal mehr und mal weniger gut geschafft, mich an dieses System anzupassen und dementsprechend sahen dann auch meine Noten mal besser und mal schlechter aus. Introversion bedeutet in meinem Fall zum Beispiel, dass ich gerne für mich allein arbeite, meine Gedanken nur dann teile, wenn ich vorher intensiv darüber nachgedacht habe und nicht das Erstbeste aus mir herausschreie. Doch diese Bedürfnisse werden in der Schule einfach klein getrampelt.

Stattdessen heißt es: „Versuche doch mal, dich häufiger zu melden.“ „Sag’ doch einfach mal, dass was dir sofort in den Sinn kommt.“ „Sei doch nicht so schüchtern.

Ich fühle mich dann teilweise ein wenig überrannt in der Schule. Ich bin vielleicht ein bisschen sensibel für diese hektische Welt – dennoch bin ich gewillt, mich in meinen Möglichkeiten anzupassen. Aber es wäre es nicht trotzdem schön, wenn die Schule einem dort ein wenig entgegenkommen und den Schulalltag erleichtern würde?

Was mir von einigen (glücklicherweise nicht von allen!) Lehrern versucht wurde einzutrichtern, ist, dass introvertierte Menschen nicht in diese Welt passen und sich ändern müssen. Allein schon aufgrund der Gewichtung, dass die mündliche Note ja mehr zähle, als die schriftliche.

Erst seit kurzer Zeit habe ich gemerkt, dass die Schule einem nicht immer die Wahrheit verkauft und man die Kritik an seiner eigenen Persönlichkeit grundsätzlich hinterfragen sollte. Natürlich sollte man für konstruktive Kritik offen bleiben, aber ich habe gelernt, meinen grundlegenden Persönlichkeitstyp zu akzeptieren und zu lieben. Und diese wichtige Akzeptanz und Selbstliebe habe ich außerhalb der Schule entwickelt.

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Gastgedanken anonym eingereicht.
Photos von Imina.

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4 Kommentare

  1. Emilia sagt

    Genauso sehe ich das auch! Ich selber bin in der Schule sehr intovertiert und schaffe es einfach nicht, mich im Unterricht zu melden. Meine Mitarbeitsnoten sehen dementsprechend schlecht aus und leider fließt diese Note in der Oberstufe in das jeweilige Fach= schlechterer Durchschnitt. Nur weil ich nichts sage. Bei Vorträgen bekomme ich auch schlechtere Noten, denn ich bringe den Inhalt nicht so gut dar, wie die „guten“ Schüler. Ich finde es schade, dass introvertierte Menschen nicht beachtet werden. Wenigstens die Mitarbeitsnoten sollten gestrichen werden!!! Ich könnte mich stundenlang über das Schulsystem aufregen, aber damit habe ich schon so viel Energie verschwendet.

  2. Ada sagt

    Sehr guter Beitrag. Bin zum Glück nicht mehr in der Schule, aber habe jahrelang unter den mündlichen Noten gelitten. In Rheinland Pfalz zählen diese in der Oberstufe teilweise 80 Prozent und ich bekam regelmäßig 6er, obwohl ich einfach nur still war und mich nicht überwinden konnte, etwas zu sagen. Das hat meinen Abiturschnitt tatsächlich letztendlich eine ganze Note runtergezogen und hätte mir beinahe meinen weiteren Lebensweg verbaut. Oft habe ich gesagt bekommen, ich muss mich ändern, wurde von Lehrern sogar gemobbt und beschimpft. Das hat dazu beigetragen, dass ich mich jahrelang nicht selbst akzeptieren konnte. Und das kann einfach nicht sein. Es sollte mehr Wert auf Pädagogik und Menschlichkeit gelegt werden und dieses Schulsystem endlich abgeschafft werden, denn es zerstört Menschen, die sich zu diesem Zeitpunkt ohnehin in einer Phase befinden, in der sie sehr verletzlich sind.

  3. Ihr Lieben,

    ich fühle so mit euch und mir kommen fast die Tränen. Ich bin schon seit 12 Jahren nicht mehr in der Schule und vermisse die Schule nicht wirklich. Die Schule spiegelt allerdings leider im Kleinen unsere Gesellschaft. Introvertierte Menschen werden oft für arrogant gehalten oder abweisend, weil sie eben NICHT jeden Gedanken sofort heraus posaunen oder sich sich selbst in den Mittelpunkt stellen…ich habe ziemlich lange gebraucht, um zu verstehen, dass ich introvertiert und keineswegs schüchtern bin und eben keine Lust habe meine Gefühle nach Außen zu tragen. Je mehr ihr euch damit beschäftigt, was euch ausmacht, was ihr möchtet, welche Visionen ihr habt, desto besser wird es auch sich gegen die “Lauten” um euch herum durchzusetzen….Verbiegen bringt eh nichts (und wer seinen Schülern*innen den Rat gibt, sich zu ändern, dem/der gehört das Staatsexamen entzogen) Liebe Grüße!

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