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Trauer: und wieder aufstehen

Das Text-Gekritzel ist an dem Tag entstanden, bevor meine Oma gestorben ist. Alle in der Familie sind sich einig – lange geht das so nicht mehr. Wir sind zu Besuch bei ihr zuhause, wo sie bis zum Ende ihres Lebens gelebt hat und wurde von meiner Tante versorgt wurde
Zur Altersschwäche wurde sie sehr krank. Gestern, als ich an ihrem Bett stand, ihre Hand gehalten habe und meine Unterlippe unkontrollierbar zitterte,  hatte sie mir noch gesagt „Keine Angst, so schnell werd ich nicht sterben“. Heute kann ich sie gar nicht mehr ansprechen. Sie trägt eine Maske, die mühsam Sauerstoff in ihre Lungen pustet. Ihre Augen sind geschlossen. Leidet sie? Ist sie schon woanders? Ich kann sie nicht mehr greifen, nicht ansprechen, nur ihre Hand halten und warten..
Ich laufe durch das Haus. Sehe Bilder von ihr – mit Kindern, Enkeln, in jungen Jahren auf dem Traktor, schick zurechtgemacht mit einem Sektglas an Silvester.
Das Leben ist so fragil, denke ich, wir haben ja keine Ahnung.

Mein Opa ist am 10.01.2016 gestorben und seit diesem Tag hat sich mein Leben verändert. Für mich war sein Dasein einfach immer so selbstverständlich – und das hätte es nicht sein sollen. Leider waren mir andere Dinge wichtiger, wie meine Freunde zu sehen oder für eine wichtige Schularbeit zu lernen. Ich habe nach fast zwei Jahren immer noch nicht damit abgeschlossen, aber ich glaube mit sowas kann man nicht abschließen.

Mir ging es, vor allem im ersten halben Jahr nach seinem Tod, überhaupt nicht gut und ich habe so viele „Briefe an ihn” geschrieben, weil meine Familie gemeint hat, dass ich dadurch meine Gefühle verarbeiten würde, da ich mit niemanden darüber reden wollte. Den Inhalt des ersten Briefes würde ich euch gerne zeigen:

Warum hast du uns verlassen?
Ich bitte dich, sag mir nur warum du gegangen bist, ohne jegliche Vorwarnung. Es ging dir doch so gut und du hast gelacht. Gelacht mit uns allen und ich verstehe nicht, wie du uns einfach verlassen konntest.
Ich vermisse dich so sehr. Und ich bin so sauer auf mich, weil ich dich nicht öfter besucht habe. Es tut mir so leid. Ich weiß, dass du es wolltest und mir wurde auch oft gesagt, dass du mich vermisst und nach mir gefragt hast.


Kannst du dir vorstellen, wie gerne ich die Zeit zurückdrehen würde, als ich noch die Möglichkeit dazu hatte? Mir waren meine Freunde und Schule wichtiger als du. Und es tut mir so leid. Ich weiß, es war falsch von mir. Hätte ich gewusst, dass deine Zeit begrenzt ist, hätte ich es anders gemacht. Wirklich.
Weißt du, ich habe so sehr gehofft, dass es dir besser gehen wird. „Wir sehen uns bald und komm uns wieder mal besuchen“ – sind die letzten Worte, an die ich mich erinnern werde. Das warn am 27. Dezember. Da warst du doch noch so gesund. 

Ich habe dir einfach nie gesagt wie wichtig du mir bist. Aber ich hoffe, dass dir bewusst war, dass ich dich so gern hatte. Ich könnte so viel weiter schreiben, aber letzten Endes bist du nicht mehr hier. Du hast und verlassen und ich kann dir nicht mal böse sein. Wie könnte ich auch nur? Ich wünschte nur, wir hätten länger Zeit gehabt. Ich hätte es mir so sehr gewünscht.


Ich werde dich niemals vergessen, das verspreche ich dir. Du wirst immer in meinem Herzen weiterleben. Ich liebe dich so sehr und ich hoffe, dass es dir gut geht, wo immer du auch gerade bist.

Es ist spätabends am 29.08.2017, als ich die Collage zusammen bastele. Meine Oma ist nachmittags gestorben. Ganz ruhig eingeschlafen, und ich war dabei. Und ich bin auch dabei, als mein Papa zum Bestatter fährt, ich helfe, die Urne und den Grabschmuck auszusuchen. Ich brauche das und dieser Prozess tut mir gut.

Alle sind sich einig, dass es ihr jetzt besser geht. Dass das ein ziemlich durchgekauter Satz ist, wissen wir alle. Ich weine, weil ich mich an die schönen Zeiten erinnere. An Pfefferminzschokolade nach dem Abendessen oder Erdbeereis im Sommer auf der Schaukel. An die vielen Wochenenden, die ich bei ihr verbracht habe. An ihre Lockenwickler und warme Croissants zum Frühstück.
Es tut weh, aber es ist alles in Ordnung. So ist das Leben und irgendwann kommen wir alle dahin, denke ich. Und das gibt mir irgendwie Trost und seltsamerweise zaubert mir der Gedanke, dass meine Oma ihr Leben „geschafft“ hat, so lange so glücklich gelebt hat, ein Lächeln auf die Lippen.

Nach dem Tod einer Person, die uns nahesteht, sollten wir uns nicht in Selbstzweifeln und ach, hätte ich doch nur verlieren. Denn würde sie das wollen? Ich glaube, dass es wichtig ist, an gute Zeiten zu erinnern und sich keine Vorwürfe zu machen. Das bringt niemanden weiter, vor allem dich nicht – denn dein Leben geht weiter. Und auch, wenn man sich im Dunkel des Trauers verliert, ist es wichtig, sich die Kostbarkeit, die Fragilität und die Schönheit des Lebens vor Augen zu halten. Denn das ist alles, was wir haben und auskosten können.

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Gastgedanken in dieser Schrift anonym eingereicht / Text und Illustrationen in dieser Schrift von Imina

und wieder aufstehen erscheint als monatliche Kolumne. Sie handelt davon, mit Rückschlägen umgehen zu lernen und nach vorn zu blicken.

2 Kommentare

  1. Svenja sagt

    Meine Oma ist auch vor etwa einer Woche gestorben, ein Tag davor waren wir noch bei ihr, um uns zu verabschieden…der Text ist mir deshalb gerade sehr nahe gegangen und es hat richtig gut getan, das gerade gelesen zu haben.
    Deshalb ein großes Dankeschön an den Schreiber für die tollen Worte!
    In Liebe Svenja

    • tierindir sagt

      Liebe Svenja,
      unser herzliches Beileid. Wir freuen uns, dass der Beitrag dir etwas bedeutet & Trost spenden kann.
      Ganz lieben Gruß an Dich.

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