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HIV: und wieder aufstehen

Ich lebe eigentlich schon immer offen schwul und hatte damit nie ein Problem. Warum auch. Es spart ja auch einfach Zeit und Nerven, wenn man nicht bei jeder Person ein Versteckspiel betreiben muss (Wird mich jemand, den ich kennenlerne, trotzdem mögen? Wie würde sich unser Verhältnis ändern, wenn die Person davon erfährt?). Abgesehen davon, finde ich es eines der normalsten Dinge der Welt.

Umso mehr irritiert es mich, dass ich seit zwei bis drei Jahren ein Versteckspiel betreibe, das ich nun eigentlich auch beenden möchte.

Vor ebendiesen zwei bis drei Jahren wurde bei mir HIV diagnostiziert. Das klingt jetzt dramatisch und schlimm – ist es für mich ganz persönlich jedoch erst während und ca. einem Jahr nach der Diagnose gewesen. Ich ging zu einer Beratungsstelle und machte einen Schnelltest.

Der Vorteil für mich war, hier schnell eine Antwort zu bekommen. Da der vermutete Risikokontakt etwas länger her war, war diese Testmethode für mich eigentlich das, was ich wollte: Rasche Gewissheit nach monatelangem Grübeln und Verdrängen.

Der Schnelltest ist mittlerweile fast so zuverlässig wie ein Labortest, der einfach länger dauert. Der Nachteil ist jedoch, dass er nur eine Infektion nachweisen kann, die vor frühestens sechs Wochen geschehen ist. Nach einem angenehmen Beratungsgespräch und Darlegung der Risikokontakte wurde mir Blut abgenommen. Der Berater sprach mir noch Mut zu, die Worte „Keine Sorge, das klingt für mich nicht wirklich beunruhigend. Es wird schon gut werden“ werde ich so schnell auch nicht vergessen. Er verließ den Raum und kam dann nach quälenden 30 Minuten wieder. Als er den Raum betrat wusste ich schon Bescheid. Ich habe es in seinem Gesicht gesehen, dass er keine guten Neuigkeiten mitbrachte. Und wie erwartet kam auch genau das: ein Hinweis auf eine möglicherweise positive HIV Infektion.

Er erklärte mir, dass der Test jedoch aus diversen Gründen ein falsches Ergebnis anzeigen könnte und es aufgrund dessen definitiv noch einmal von einem Virologen gegen-gecheckt werden sollte (und auch müsse). Er war ruhig und sprach sehr angenehm. Kein Mitleid, keine Schuldzuweisung, keine Verurteilung. Es lag viel Verständnis in seiner Stimme und Körpersprache. Mir ging durch den Kopf, dass ich in dieser Situation sehr dankbar war, dort so gut ausgebildete Menschen vorgefunden zu haben, die sich dessen bewusst sind, wie sie auf Menschen wirken sollen. Er fragte mich dann, ob ich abgeholt werden wolle, oder ob sie jemanden für mich anrufen sollten. Ich lehnte ab. Erstmal musste ich das für mich selbst verarbeiten.

Auf dem Weg nach Hause informierte ich meine engsten Freunde. Einige waren erschrocken, einige auch besorgt, wieder andere mit dem Thema vertraut. Ich brauchte jemanden, der Erfahrungen mit diesem Thema hatte und erinnerte mich an einem Freund, der schon lange mit HIV lebt. Ich rief ihn an und fragte, ob wir uns direkt treffen könnten. Er stimmte zu und ich war mehr als erleichtert. Wir trafen uns und gingen etwas essen. Währenddessen berichtete ich ihm davon. Das Verständnis war auch hier wieder sehr zu spüren und ich war unglaublich froh darüber, dass mich jemand an die Hand nahm. Ich stellte alle meine Fragen zum Thema Therapie, Kosten und dem Leben mit der Infektion.

Es gibt soviele Dinge, die sich auf einmal ändern. Wenn ich beispielsweise jemanden date, kreisen ganz verschiedene Gedanken durch meinen Kopf: Wann ist der richtige Zeitpunkt, es der Person zu eröffnen? Wenn wir uns gut verstehen und eventuell Gefühle aufbauen? Aber dann mit der “Wundertüte HIV” ankommen? Dieser Gedanke gefiel mir zunächst ganz gut, da ich dachte, dass die Person einfach mehr Verständnis aufbringen würde, wenn man schon ein besseres Verhältnis zueinander aufgebaut hat. Oder sollte ich doch lieber gleich von vornherein zu meiner Infektion stehen und so manche Menschen vielleicht gar nicht kennenzulernen? Eventuell sogar ausgegrenzt zu werden? Die Szene in Berlin ist groß und gleichzeitig doch so klein. Ich wollte nicht verurteilt werden, hatte eigentlich genau davor große Angst. Es spielten viele Faktoren eine Rolle, durch die ich mich letztendlich in ein heftiges Partyleben mit übermäßigem Alkohol- und Drogenkonsum verloren habe. Wollte einfach nur Spaß haben und dazugehören.

Ich begann in Absprache mit dem Virologen, der auch als mein neuer Hausarzt für meine Gesundheit sorgt und mich informiert, mit einer Therapie. Eine Daumennagel-große Tablette. Jeden Tag. Eine Handy-Erinnerung sorgt dafür, dass ich nicht sie vergesse. Eine Handy-Erinnerung, die mir jeden Tag aufs Neue sagt, dass ich Verantwortung übernehme. Für mich, meine psychische und physische Gesundheit. Aber auch für andere.

Die Therapie schlug gut an und meine Werte verbesserten sich sehr schnell. Nach wenigen Monaten war die Viruslast im Blut bereits unter der Nachweisgrenze. Das bedeutet, dass ich das Virus, selbst, wenn ich ohne Kondom Sex hätte, nicht übertragen kann. Eine regelmäßige Kontrolle beim Arzt und die Einnahme der täglichen Tablette gewährleisten, dass das auch so bleibt.

Mit der Zeit lernte ich, gut damit zu leben und die Krankheit als Teil von mir zu akzeptieren. Mir geht es, bis auf eine Alkoholunverträglichkeit, doch ganz gut.

Das Stigma des schnelleren Todes, körperlichen Verfalls und der sozialen Ausgrenzung war in meinem Kopf automatisch auf mich bezogen. Ich hatte Angst und war irritiert.

Und dann ist da natürlich noch die Frage nach der Ursache der Infektion: Natürlich ist es leicht, zu sagen, das ich gar nichts dafür kann, wenn mich jemand damit ansteckt. Jedoch ist das nicht meine Art, damit umzugehen. Ich trage da auch meinen Anteil bei. Dennoch wurde mein Vertrauen von jemandem, der mir nahe stand, ausgenutzt. Ich wurde betrogen und mir wurde durch Feigheit und Lügen etwas in mein Leben gebracht, das ich dort nie haben wollte. Auch das tat weh und musste verarbeitet werden.

Ich habe gute Freunde, die für mich da waren, mir geholfen haben, wo sie konnten und es bis heute tun. Trotzdem ist es ein stetiger, innerer Kampf. Einerseits durch das Wissen, dass mein Leben trotzdem normal verlaufen kann, ohne große Komplikationen obwohl in der Gesellschaft (immer noch) ein ganz anderes Bild herrscht. Das liegt einfach an vielen Falschinformationen. Ich habe leider wohl auch zu spät angefangen mich mit dem Thema zu beschäftigen.

Es gibt Aufklärung! Aber wer beschäftigt sich schon gern mit einem Thema, welches einen selbst nicht direkt betrifft? Gerade in Zeiten des Internets kommt man schnell in den Bereich der Halbwahrheiten, die durch Ängste und Unsicherheiten entstehen. Und um genau dagegen anzugehen möchte ich (und sollten noch viel mehr Menschen) einfach offen damit leben.

Es sollte nicht die HIV-Infizierten als Gruppe gesichtsloser Menschen am Rande der Gesellschaft geben, sondern auch sie, wir, sollten einfach als Menschen gelten, die mitten im Leben stehen und auch genau das tun: ein Leben leben.

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Gastgedanken von Marcel. Er ist 26 Jahre alt, gebürtiger Berliner und grundlegender Verfechter von Gutmütigkeit und Verständnis anderen Menschen gegenüber. Er sucht und findet seine Highlights in Unternehmungen mit Freunden.
Photos von Luka.

Habt ihr noch Fragen an Marcel zum Thema?
Stellt sie uns per Mail.

Schaut zum Thema außerdem auf der Webseite der Deutschen AIDS-Hilfe vorbei, weitere Informationen zu HIV Tests findet ihr hier, zu Beratungen hier.

und wieder aufstehen erscheint als monatliche Kolumne. Sie handelt davon, mit Rückschlägen umgehen zu lernen und nach vorn zu blicken.

 

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