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Die Unwissenden – Zeit/Geschehen

Gerade und angestrengt sitzt er da. Wie ein Schuljunge, der gerade von einem Direktor verhört wird. Vor ihm ein Schild: Mr. Mark Zuckerberg. Behutsam trinkt er aus einem Glas Wasser, nimmt nur einen winzigen Schluck. Wie der erste Mensch wirkt er, der gerade von etwas wie Wasser gekostet hätte. Doch die banale und quälende Wirklichkeit ist, dass er weitmehr ist als der erste Mensch. Er ist weitmehr als ein Schuljunge, weitmehr als wir alle. Er ist einer der mächtigsten Menschen der Welt. Was seine Macht betrifft, steht er über uns. Wir sind alle Schafe in seinen Herden – Facebook, Twitter, Instagram und Co. Und wie ein Hirte mit der Wolle seiner Herden handelt, so hat unser Hirte mit unseren Daten gehandelt. Er hat seine Macht und unser Vertrauen in die Sicherheit dieses Herden-Daseins missbraucht. Nun sitzt er vorm US-Senat und wird wegen dieses Vergehens verhört.
Wenn ich ihn so beobachte sieht er fast banal aus, wenig wie ein Machtmensch. Wie ein Bub, würde meine Oma wahrscheinlich jetzt sagen. Kurz muss ich schmunzeln, wenn ich mir vorstelle, dass meine Oma sicherlich der festen Überzeugung wäre, der Nachname dieses Mannes würde einer deutschen Artikulation unterliegen: Zucker-Berg, hach…

Gründe zum Schmunzeln gibt es bei der Sache aber eigentlich nicht. Die Daten von 87 Millionen Facebook-Nutzern wurden missbraucht und an die Firma Cambridge Analytica weitergeleitet. Rund 80% der Betroffenen stammen aus den USA. Die Zahl der deutschen Betroffenen liegt bei ca. 310.000 Nutzern. Das macht in der Gesamtbilanz zwar nur rund 1,5% aus, aber sollten wir uns deshalb auch weniger betroffen fühlen? Gehen uns das Thema Datenschutz und die Gewissheit darüber, was mit unserem Privaten passiert weniger an, als die „Hauptbetroffenen“ dieses Daten-Skandals?

Noch schockierender als die Tatsache, dass man anscheinend mit unseren persönlichen Daten machen kann, was man will, ist die neueste Erkenntnis des Facebook-Skandals: Die Daten der Betroffenen wurden von Cambridge Analytica unerlaubt für den Wahlkampf des, zum damaligen Zeitpunkt, Präsidentschaftsanwärters Donald Trump genutzt und ausgewertet. Im Grunde genommen eine schlaue Taktik, denn wo sonst, wenn nicht auf Social-Media-Plattformen, lassen wir unseren Gefühlen freien Lauf?
Wir teilen alles was uns beschäftigt: Wut, und über was wir wütend sind, was uns betroffen macht, was uns gefällt. Jedes Zeichen von uns hinterlässt kleine Eindrücke unserer Persönlichkeit, und wie wir uns gerade fühlen, was uns an der Welt stört. Dass diese Daten und Informationen (vor allem) für Politiker nützlich sind, um skizzieren zu können, wie wir ticken, auf unsere Probleme einzugehen, und uns so betroffen zu machen und zum Wählen zu animieren, das versteht jedes Kind. Doch diese Taktik ist keinesfalls ein amerikanisches Phänomen.

Längst hat auch das rechte Milieu in Deutschland vorrangig Twitter als neuen „Volksempfänger“ für sich entdeckt. Plattformen wie diese bieten die perfekte Bühne für rechte Parteien, die sich gern besonders bürgernah geben. Vor allem das Geltungsbedürfnis von Leuten wie Beatrix von Storch hat durch Twitter eine Heimat gefunden. Allzu gern warnt sie uns vor dem Islam und bemängelt die entarteten Zustände in unserem Land. Aber auch sonstige Plattformen bieten für Politiker das perfekte Sprachrohr zum propagieren und Wähler sammeln. Social Media unterliegt keiner Zensur und keiner Barriere, auf die gemeinte Politiker möglicherweise bei Print-Medien stoßen könnten. Genauso wie die Nutzer können auch Politiker, meist im Sinne ihrer Partei, ihren Gefühlen freien Lauf lassen und in Nutzern der Plattformen Gleichgesinnte, mit eben denselben Gedanken und Problemen, finden und sie als potenzielle Wähler unterbewusst ansprechen. So einfach geht Parteiwerbung und Wähler sammeln also.

Dem aufmerksamen Leser wird spätestens jetzt klar werden, dass Social Media mächtiger ist, als es sich viele immer schön reden, und uns mehr beeinflusst, als wir manchmal denken.
Vor allem, dass Soziale Netzwerke auch Politik und politische Macht beeinflussen, scheint nach dem Facebook-Daten-Skandal eindeutig zu werden. Und dass wir, vielmehr unsere Daten, dazu beitragen, ohne dass wir es wissen, ist noch erschreckender. Es gibt Menschen, die ehemals Cambridge Analytica angehörten, und sogar mit geschwollener Brust behaupten, das heimliche Bespitzeln der Nutzer hätte Trump zum Sieg verholfen. Mit der unerlaubten Analyse unseres Privaten werden wir als Chanchen-Optimierer für das politische Geschehen missbraucht, ohne uns eigentlich wehren zu können. Und wie oft hilft auch hier der Mensch sich selbst indem er sagt: Ich wusste nichts. Der unwissende Mensch ist ein wehrloser Mensch, und unwissend ist er gern, denn so zieht er sich gleich aus der Verantwortung. Und keiner will es für sich verantworten und hört es gern, wenn er gesagt bekommt, er habe Trump angeblich zum Sieg verholfen.

Die Tatsache ist mittlerweile unumstritten: Wer sich heute bei Sozialen Netzwerken anmeldet, willigt im gleichen Atemzug der Überwachung seiner Selbst und seiner Daten ein. Wer meint, er wüsste davon nichts, lügt. Dass unsere Daten nicht nur uns selbst nützlich sind, wissen wir, aber dass die Analyse unserer Daten immer größere Bedeutung erhält, und Einfluss auf die Netzwerke nimmt, die mit politischer Macht verknüpft sind, war uns neu, sollte uns aber spätestens jetzt einen gewaltigen Denkanstoß verpassen.
Dieses mal waren wir vielleicht noch nicht die Hauptbetroffenen, aber der Facebook-Skandal wird nicht der letzte Skandal seiner Art bleiben. Social Media wächst, Social Media wird mächtiger. Und deshalb gilt auch für uns, wie für alle anderen: Wir müssen vorsichtiger werden; überlegen, was wir posten, und was wir über uns preisgeben wollen. Die Unwissenden zu spielen wird uns in solchen Angelegenheiten nicht mehr weiterhelfen. Bei Social Media gilt: Jeder stirbt für sich allein. Jeder ist eigens dafür verantwortlich, sich und seine privaten Daten zu schützen. Wir müssen weniger unterschätzen, dafür mehr überschätzen, was unsere persönliche Sicherheit im Netz betrifft. Auch wenn wir uns gegen das Bespitzeln schlecht wehren können, können wir wenigstens versuchen, es den Bespitzlern so schwer wie möglich zu machen.

Bevor der Facebook-Skandal aber ganz vom Tisch ist, stellt sich noch die Schuldfrage: Ist es okay, Mr. Mark Zuckerberg alles in die Schuhe zu schieben, oder wäre es vielleicht gut, bei dieser Angelegenheit auch mal vor der eigenen Haustür zu kehren? Dass es unverschämt ist, das Vertrauen seiner Nutzer und ihre Daten zu missbrauchen, ist völlig klar. Tausende Menschen wollen es Herrn Zuckerberg jetzt sogar richtig zeigen, und löschen massenhaft ihre Facebook-Accounts. Aber wie immer gibt es auch hier zwei Seiten der Medaille. Die, die Facebook nun den Rücken zukehren, tuen es vielleicht aus Angst, weiterhin bespitzelt zu werden. Meines Erachtens tuen es die meisten von ihnen aber, weil sie gerade jetzt erkannt haben, dass sie vielleicht zu viel einfach leichtsinnig von sich preisgegeben haben. Der Datenschutz-Skandal rund um Facebook sollte uns also nun endlich eine Mahnung sein, die noch lange nachklingen muss. Und auch hier zitier ich noch einmal meine Oma: Vorsicht ist besser als Nachsicht.

Zeit/Geschehen von Dominik erscheint als monatliche Kolumne und behandelt aktuelle Themen und Zeitgeschehnisse. Das Photo ist von Luka.

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