Gastgedanken, Selbst & Inszenierung
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Lass uns Farbe bringen, wo es trist war.

Als wäre es nicht kompliziert

Komm her! Lass uns so tun, als wäre es nicht kompliziert.
Lass uns die Leichtigkeit spielen, die uns fehlt.
Lass uns die Liebe lernen, die wir brauchen.
Lass uns die Worte erfinden, wo sie nicht genug sind.
Lass uns die Regeln brechen, die uns schaden.

Komm her! Lass uns so tun, als wäre es nicht kompliziert.
Als wäre kein Verlust, wo immer Leichtigkeit ist.
Als wäre Liebe nicht genauso grausam, wie sie schön ist.
Als wären Worte immer angebracht.
Als ließen schlechte Regeln sich nicht genauso schwer brechen wie die guten.

Komm her! Lass uns so tun, als wäre es nicht kompliziert.
Lass uns die Welt neu erfinden, wo sie alt geworden ist.
Lass uns singen, wo Lieder vergessen wurden.
Lass uns in die Hand nehmen, was in den Händen anderer war.
Lass uns Mut haben, den andere nicht hatten.

Komm her! Lass uns so tun, als wäre es nicht kompliziert.
Als wäre Neues noch nie schädlicher gewesen als Altes.
Als wären Lieder noch nie Hetze gewesen.
Als wären unsere Hände nicht begrenzt.
Als wäre Mut kein bitterer Kampf gegen sich selbst und andere.

Komm her! Lass uns so tun, als wäre es nicht kompliziert.
Lass uns Farbe bringen, wo es trist war.
Lass uns die Gemeinschaft gründen, die wirklich eine ist.
Lass uns Leidenschaft entfachen, wo Routine war.
Lass uns Gefühle entdecken, die wir nicht kennen.

Komm her! Lass uns so tun, als wäre es nicht kompliziert.
 Als wäre keine Farbe je hässlich oder fehl am Platz.
Als wären Gemeinschaften nicht immer auch Einschränkungen.
Als wäre Leidenschaft nie verbissen und überstürzt.
Als wären Gefühle nicht unser Schlechtestes und Bestes zusammen.

Komm her! Lass uns aussprechen, dass es kompliziert ist.
Lass uns so mutig sein, es trotzdem zu tun.
Lass uns so frei sein.

 

 

Augen auf? Augen zu?
Es ist schwer zu sagen.
Es ist schwer, da man sich wirklich entscheiden muss.
Zu? Auf?
Ich will alleine sein.
Oder?
Aber ich will auch klug sein. Ich will wissen.
Aber ich will nicht leiden. Ich will nicht denken. Ich will nicht bitter sein.
Je mehr man sieht, umso bitterer müsste man sein.
Augen auf? Augen zu?
Was sehe ich, ohne meine Augen zu öffnen? Mich?
Will ich das?
Oder will ich diese Utopie des Alleinseins, in der ich nicht einmal mich selbst sehe.

Ja. Vielleicht. Es klingt gut.
Es klingt einsam.
Lieber überströmt oder lieber einsam?
Auf oder zu?
Ich bin alleine.
So oder so.
Vielleicht bin ich auch klug. So oder so.

Was macht es aus?
Aber ich muss entscheiden. Und sei es nur Willkür. Gibt es Willkür in Entscheidungen? Oder ist für sie nur die Angst wichtig?
Was macht mehr Angst?
Auf oder zu.
Ruhe oder Lärm.
Zu viel oder zu wenig.Augen auf? Augen zu.
Es ist diese Frage die ängstigt.
Die Not zu entscheiden.
Ich will nicht. Lass mich.Lass mich leben.
Lass es mich leichter machen als es ist.
Aber wie.
Auf oder zu?
Auf oder zu?
AUF ODER ZU?

Ich will es leichter haben.
Aber Leichtigkeit zu finden scheint schwer. Wo also ist sie leicht, wenn der Weg zu ihr so verklemmt, verwirrt und bitter ist? Und wenn man durch sie immer auch verliert.
Verlust ist nicht leicht. Nie.
Sie hat mich getäuscht!
Was meine Augen auch tun, es wird nichts leicht und schwerelos.
Das Leben hat eine Schwere.
Vielleicht damit es uns nicht wegfliegt.

Vielleicht weil wir lernen sollen.
Vielleicht weil es ist wie es ist.
Vielleicht damit wir beobachten können.
Also: Augen auf? Augen zu?
Beide Male sehe ich die Welt.
Welches Mal ist sie wahrer? Auf oder zu?

 

Ihr rennt. Ich stehe.

Ihr rennt. Ich stehe.
Ich sehe zu und noch ehe ich denke, ich will ein Teil davon sein, ist der Augenblick vorbei.
Alles ist erschreckend schnell.
Oder erschreckend langsam.
Nichts in einem Tempo, an dem ich teilhaben könnte.
Ihr rennt. Ich stehe.
Und je mehr ihr rennt umso mehr bleibe ich stehen.

Ich will nicht. Ich hasse es. Aber ich tue es. Ich höre nicht auf.
Wie fühlt sich Bewegung an?
Was brauche ich?
Ihr rennt. Was habt ihr?
Was fehlt mir? Denn ich stehe.
Ich bin nicht sauer.
Ich bin nicht bitter.
Ich betrachte.
Vielleicht bin ich doch bitter.
Denn ich stehe immer noch.
Ihr macht einfach weiter. Es sieht so schön aus, was ihr tut.
Rennen, leben, bewegen.

Ihr seid tatsächlich hier.
Ich bin auch hier.
Aber bin ich es wirklich?
Genauso wie ihr?
Die ihr nicht steht.
Wie ich. Ich stehe.
Ihr rennt. Ich stehe.

Ich stehe schon solange und ihr rennt schon solange, dass ihr aus meinem Blickfeld geratet.
Ich sehe nur noch eure Schatten, wie sie schützend euren Weg begleiten.
Schatten sind nicht viel.
Doch ich brauche nicht mehr, um anzunehmen, dass ihr noch immer tanzt und lacht und habt, was ich nicht habe.

Ihr rennt. Ich stehe.
Bald sehe ich nichts mehr.
Ihr rennt. Ich stehe. Und je mehr ihr rennt umso mehr bleibe ich stehen.
Es wird nichts ändern.
Ich muss nicht sehen, um zu wissen, dass ihr es besser habt als ich.
Ich weiß es, weil ihr rennt und ich stehe.
Ihr seid die, die sich ein Leben geschenkt haben und ich bin der, der sein Leben verschenkt hat.

Gastgedanken von Cara. Sie ist 18 Jahre alt, macht gerade Abi und glaubt an Kunst, Philosophie und Liebe.

Illustrationen von Imina.

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