Selbst & Inszenierung
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Warum eigentlich normal sein?

Als ich meinen entwickelten Film mit Bildern von einer Party am Dienstag abholte, musste ich beim Anschauen der Bilder viel schmunzeln: So viele, gute Erinnerungen, die ich zum Glück alle festgehalten habe. Als später meine Tante zum Kaffee zu Besuch war, sich die Bilder anschauen wollte und völlig entsetzt fragte „Ist das etwa ein Mann? Warum trägt der hohe Schuhe? Und warum ist er geschminkt?!“, brachte mich das zum Nachdenken:

Was ist eigentlich normal? Und warum wollen das immer alle sein?

Als langjähriger Fan von Lady Gaga ist man es gewohnt, dass jede Person so herumläuft, sich so kleidet und schminkt, wie sie es möchte – ganz nach dem Motto Born this Way, eben. Und für mich ist es einfach selbstverständlich, dass ich auf eine Party komme und von einem Freund begrüßt werde, der falsche Wimpern, künstliche Fingernägel und rosa-gefärbte Haare hat. Dass ich ihm sage, wie geil er aussieht. Es ist ganz normal, dass die Jungs in Overknee-Heels kommen, auf denen ich niemals laufen könnte, und grobe Strumpfhosen an den muskulösen Beinen tragen. Dass Freundinnen in transparenten Outfits tanzen, durch die man alles durchsieht und Jungs Make-Up tragen, weil ihre Haut einfach nicht so gut ist.

Oft ist man es gar nicht mehr gewohnt, dann aus der eigenen Blase wieder auf den Boden der Tatsachen geholt zu werden, auf dem so etwas eben nicht als normal oder selbstverständlich gilt, sondern wo man mit Fragen und schockierten Blicken konfrontiert wird. Wo ganz andere Standards als normal gelten.

Mit sechzehn hatte ich eine Phase, in der ich nur mit langem, schwarzen Fellcardigan, dicken, geschwungenen Eyelinerstrichen und Plateau-Sneakers in die Schule gegangen bin: Lehrer machten sich lustig und bezeichneten meinen Look schmunzelnd als „Katzenfell“ und über drei Ecken (wie das ja immer so ist), hörte ich, wie scheiße bestimmte, mir eigentlich nahstehende Personen meine Schminke fanden. Aber interessierte mich letztendlich, was diese Leute dachten, nur weil es ihrer Ansicht nach nicht normal war? Nein! Denn ich fühlte mich gut mit meinem Look zu dieser Zeit, ich brauchte das und es drückte mich aus. Ich hatte mich entschieden, so in die Schule gehen – Und deshalb konnte mir keiner was.

Wenn man für Abweichung von der Norm immer noch schief angeschaut wird, ist leider immer noch ein langer, langer Weg zu gehen.

Normal sein: Das heißt bloß nicht auffallen, bloß keine komischen Blicke auf sich ziehen, mit keinem Schritt die Komfortzone zu verlassen. Aber wie langweilig ist es denn, immer nur mit dem Strom zu schwimmen, anstatt einfach mal das zu machen, was einem wirklich im Herzen brennt und auf der Seele liegt?

Was ich auf jeden Fall sagen kann, ist, dass ich mich auf dieser Party viel wohler gefühlt habe, als von Leuten umringt, die den Look anderer hinterfragen und durch den Dreck ziehen weil sie sich selbst, wenn wir mal ehrlich sind, doch einfach nie aus sich selbst heraus trauen würden. Und das ist doch einfach nur bemitleidenswert.

Meiner Erfahrung nach bekommt man eher positive Rückmeldungen, wenn man sich mal etwas Neues, Anderes traut, was vielleicht nicht als normal zählt.
Weil sich niemand für dich interessiert, wenn du genau so langweilig bist wie alle anderen. Weil eher jemand auf dich zukommt und sagt „Hey, du bist cool geschminkt!“ wenn du diese riesigen Eyeliner-Striche trägst, über die andere wiederum sich lustig machen.

Deshalb: Du stehst im Geschäft, siehst ein Teil und denkst dir „Wow – das ist so cool, aber ich kann das nicht tragen, weil ich ein Typ bin“ oder „weil das nichts für die Schule ist“ oder „weil ich nicht blöd angeschaut werden will“? Mach es einfach! Für dich! Und auch wenn es sich am Anfang komisch anfühlt ist es doch aufregend, die eigene Komfortzone zu verlassen und die Auffassungen von Normalität herauszufordern oder zu sprengen.

Text & Fotos von Imina.

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