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Das Spiel des Lebens

Ein paar Gedanken über die Werte und Normen der Gesellschaft, in der wir leben.

An einem Wochenende im Dezember war großes Familienessen bei meiner Tante. Wir saßen gemütlich zusammen, haben gut gegessen und uns lange unterhalten. Nach dem Kaffee haben wir angefangen, das Brettspiel Spiel des Lebens zu spielen. Ich weiß nicht, wie viele von euch das Spiel kennen, aber man erhält zu Beginn eine Spielpuppe in Form eines Autos. Da ich weiblich bin, bekomme ich einen rosafarbenen Stift in mein Auto gesetzt. An diesem Punkt spare ich mir den ersten Kommentar – warum muss ich Rosa nehmen? Nur, weil ich weiblich bin, und Rosa mit Frauen und Blau mit Männern assoziiert wird?
Ziemlich zu Anfang, nach der Berufswahl und dem Einschlag der Karriere, muss man heiraten und ein Kind bekommen. Nun gut, ein Spiel. Ich komme also auf dieses Feld, und mir wird ungefragt ein blauer Stift mit ins Auto gesetzt. Ich schlucke einen zweiten Kommentar dieses mal nicht herunter und sage „Und wenn ich nun einen zweiten, rosafarbenen Stift in meinem Auto wollte?“

Je mehr man sich mit Heteronormativität, Feminismus und Vorurteilen beschäftigt, desto verstärkter bemerkt und hinterfragt man Dinge, die einem zuvor niemals aufgefallen wären. So oft bin ich in Situationen, in denen mir auffällt, wie viel in unserer Gesellschaft noch immer falsch läuft – aber die Realisation ist der erste Schritt in die richtige Richtung: Immer mehr bemerken, immer mehr Kommentare machen, auch wenn sie unangenehm werden können.

Zwei Probleme sind mir an diesem Spielenachmittag mit meiner Familie aufgefallen:
Erstens, dass das Spiel immer noch diesen einen, traditionellen Lebensweg vorgibt, obwohl es, was weiß ich, die wahrscheinlich 20. Edition ist? Du bist gezwungen, nach deiner Berufswahl zu heiraten und Kinder in die Welt zu setzen. Verweigern kannst Du diese Spielzüge gar nicht.
Zweitens, dass wir (leider) immer noch in absoluter Heteronormativität (das Wort wird sogar rot unterstrichen, weil mein Wörterbuch es anscheinend gar nicht kennt) leben. Das fällt mir immer dann auf, wenn ich aus meiner Blase von Gleichgesinnten auf meine, ziemlich traditionell lebende, Familie treffe.

Wir leben leider immer noch in einer Zeit, in der sechzehnjährige Mädchen gefragt werden, „ob sie denn schon einen Freund hat?“ oder zweijährigen, männlichen Kleinkindern nachgesagt wird, sie würden ja schon „mit den Frauen flirten“. Es wird leider immer noch viel zu wenig von dem, was als normal gilt, in Frage gestellt.

Das Problem ist, dass sich an der Normalisierung von anders eingeschlagenen Lebenswegen, fernab von den traditionellen, nichts ändert, solange sie nicht genauso behandelt werden wie der typische Mann-Frau-Zwei-Kinder-Weg. Für viele Menschen ist es immer noch schwer vorstellbar, dass zwei Männer miteinander leben und Kinder adoptieren. Viele lesbische Paare bekommen immer noch Kommentare zu hören wie “Fehlt Euch nicht ein richtiger Mann im Leben?” Jungs, die im Kindergarten Röcke tragen wollen, werden ausgelacht und in die Bau-Ecke geschickt, damit sie sich mit Baggern und Spielzeugautos beschäftigen. Mädchen werden im Kleinkindalter für Jungen gehalten, wenn Sie von ihren Eltern blaue Kleidung angezogen bekommen, sich lieber mit den Jungs prügeln als in der Puppenecke zu sitzen.

Aber leider ist es den meisten Menschen gar nicht zu verübeln, weil sie es nicht anders kennen. Denn auch durch solche banalen Spiele werden wir unterbewusst geprägt. Uns wird eingebläut, dass das Studieren, einen guten Job finden, Kinder in die Welt setzen und in einer monogamen, heterosexuellen Beziehung, die am besten lebenslang besteht, zu leben, der ultimative Weg ist, um im Leben Erfolg zu haben. Und solange wir solche Kleinigkeiten nicht bemerken, sondern einfach so hinnehmen und uns weiter von ihnen beeinflussen lassen, ändert sich auch nichts.

Aber der erste Schritt in die richtige Richtung ist auf jeden Fall die Augen offen zu halten, Kommentare nicht herunterzuschlucken, sondern die Leute auch mal herauszufordern und Komfortzonen zu verlassen.

Der Lila Podcast / Ladies Who Lunch: Feminism Now: Empowerment or Objectification? / Ladies Who Lunch: Sexuality Stereotypes / mirrellativegal: Es ist so anstrengend single zu sein /

Illustration, Text & Bearbeitung von Imina.

3 Kommentare

  1. iljana sagt

    wow, wow, wow, wow, wow, wow, wow, wow, wow, wow, …
    super text total inspirierent. ich ärgere mich öfter, dass etwas als normal angsehen wird, würde es allerdings in einem spiel warscheinlich nicht so wirklich bemerken, beziungsweise es würde mich nicht stören halt der ganz normale gedanke: ist doch nur ein spiel, und ohne regeln würde es nicht funktionieren, während ich mich bei serien grün ärgere.

  2. Juli sagt

    Ich finde das Thema schwierig. In unserer heutigen Gesellschaft hat man so viele Möglichkeiten und man muss sich aus den hundert Möglichkeiten, die man hat, häufig für eine entscheiden. Man muss seinen Weg selbstständig finden, weil eben das meiste nicht mehr wie früher für einen vorgezeichnet ist. Das halte ich auch für ein großes Privileg. Dennoch glaube ich, dass es gerade deswegen wichtig ist sich noch an bestimmten Dingen ‘festhalten’ zu können. Warum denn keine klassische Familie? Ich persönlich bin auch froh, dass ich ein Mädchen bin und mich mit entsprechenden Eigenschaften charakterisieren kann. Seien sie nun gesellschaftlich auferlegt oder von Natur aus da.
    Letzlich sollte es natürlich selbstverständlich sein Homosexualitä zu akzeptieren und genauso zu behandeln wie jeden Lebensweg an sich, aber irgendwo braucht der Mensch sicherlich auch Orientierung. Etwas greifbares, woran man festhalten kann.
    Sorry, etwas lang geworden.
    Juli

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